Bamberger Antiquitätenwochen

Die Feste feiern, wie sie fallen

Von Brita Sachs
Aktualisiert am 03.08.2020
 - 11:42
Da steht die alte Stadt, als sei alles wie immer. Doch in diesem Jahr des Coronavirus ist alles anders. Dennoch halten in Bamberg die traditionsreichen Kunst- und Antiquitätenwochen stand.

Da steht sie, die Stadt, in der Kaiser Heinrich II. und Kaiserin Kunigunde ihren herrlichen romanischen Dom errichteten, Standort des geheimnisvollen Reiters und Bekrönung eines der sieben Hügel, auf denen Bamberg erbaut wurde, wie ein kleines Rom. Für Bamberg gilt unter Covid-19, dass der Massentourismus, der im Sommer die berühmte Weltkulturerbe-Altstadt verstopft, deren pittoreske Gassen zurzeit verschont. Freier als sonst kann man die Sicht auf gotisches Fachwerk genießen, auf hübsche Renaissancegiebel und die prächtigen Barockbauten mit ihren Heiligenfiguren. Außerdem haben Bambergs Händler für hochwertige antike Objekte, von denen es am Fuß des Dombergs mehr gibt als in den meisten anderen deutschen Städten, beschlossen, ein positives Zeichen zu setzen, indem sie ihre alljährlichen Kunst- und Antiquitätenwochen nicht absagten. Aber diesmal kommt es zum Schwur: Die Bayreuther Wagner-Festspiele, von deren Besuchern man profitiert, weil manch einer über die Jahre hin Stammkunde des Antiquitätenhandels im nahen Bamberg wurde, fallen diesmal aus. Es trifft sich also gut, dass Ferien im eigenen Land derzeit hoch im Kurs stehen. Das dicht mit Sehenswürdigkeiten gespickte Franken, landschaftlich wie kulinarisch eine Vorzeigeregion, könnte ein beliebtes Ziel sein.

Die Händler also beschlossen, Flagge zu zeigen und die Feste zu feiern, wie sie fallen; es gibt nämlich eine Reihe Jubiläen zu begehen: Da werden erstens die Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen 25 Jahre alt. Als Walter Senger, Christian Eduard Franke-Landwers und Matthias Wenzel sie gemeinsam mit dem inzwischen gestorbenen Porzellanexperten Istvan Csonth ins Leben riefen, etablierten sie eine Leistungsschau besonderer Art: Wenn sie vier Sommerwochen lang und auch an den Wochenenden in ihren Räumen beste Stücke präsentieren, geht Synergie vor Konkurrenzdenken, was sich hervorragend bewährte. Zweitens feiert die Firma Senger ihren fünfzigsten Geburtstag. Als junges Paar hatten Walter Senger und seine Frau Marianne ein alteingesessenes Antiquitätengeschäft übernommen, das sie systematisch mit hoher Qualität an Möbeln, Bildern, und Kunstkammerobjekten ausbauten.

Als Spezialist für plastische Bildwerke trat Senger seit dem 1995 erfolgten Ankauf der bedeutenden Sammlung mittelalterlicher Skulpturen von Hermann und Maria Schwartz aus Mönchengladbach hervor. Erwerbungen seitens des Louvre, des New Yorker Metropolitan Museum und weiterer bedeutender Museen sorgten für einen kräftigen Schub auf internationalem Terrain. Inzwischen ist mit den beiden Töchtern und dem Schwiegersohn Thomas Herzog die nächste Generation angetreten. Herzog stellt in seinem im vorigen Jahr fertig renovierten Galeriegebäude in kühner Mischung zeitgenössische Kunst neben wertvolle Altmeistergemälde und Schnitzwerke, darunter eine kleine, um 1470 gefertigte Sankt-Michael-Skulptur aus der ehemaligen namhaften Sammlung des Berliner Bankiers Benoit Oppenheim. Oder auch das Hochrelief einer Anbetung der Könige: Man schreibt es der Südtiroler Werkstatt des Hans Klocker zu, die mit charaktervollen Physiognomien besticht und mit reichem Faltenwurf der Gewänder (380.000 Euro).

Gegenüber, im Schaufenster des Senger-Stammgeschäfts an der Karolinenstraße, blickt Friedrich der Große aus einem neu erworbenen Gemälde, das noch auf seine Zuschreibung wartet. Über seine Lieblingsschwester Wilhelmine von Bayreuth war der Preußenkönig der Region verbunden. Die gebildete Markgräfin, der Bayreuth seine Schlösser und Parkanlagen des 18. Jahrhunderts verdankt, holte die besten Kunsthandwerker an ihren Hof. Unter ihnen sind die Brüder Spindler, deren höfische Karriere sich bei Christian Eduard Franke-Landwers weiterverfolgen lässt: Er bietet zwei Rokoko-Kommoden an, die die Spindlers in Potsdam bauten, wohin Friedrich sie nach dem Tod Wilhelmines für die Ausstattung des Neuen Palais geholt hatte. Front und Platte der einen verzieren naturalistische, locker gebundene Blumensträuße; mit edlen Hölzern eingelegt, koloriert und graviert kostet das Stück 157.000 Euro. Franke-Landwers blickt soeben auf dreißig Jahre Handel mit Kunstschätzen in Bamberg zurück. Zwei Etagen seines gotischen Stadthauses füllen Möbel, Sammelobjekte, ausgesuchtes Silber, auch Bronzen von der Renaissance bis ins frühe 19. Jahrhundert, die er mit seinem Geschäfts- und Lebenspartner Christoph Freiherr von Seckendorff geschmackssicher arrangiert. Zu den Highlights zählen ein Paar große silberne Wärmeglocken mit Servierplatten aus dem vergoldeten Service Augusts des Starken von 1730 (165.000 Euro).

Die Zeit der von Corona erzwungenen Geschäftsschließung nutzte jeder Händler auf seine Weise. Während Walter Senger seinen Mercedes, Baujahr 1953, mit Werbeplaketten für die Kunst- und Antiquitätentage durch die Stadt fuhr und Franke-Landwers seinen neuesten Katalog verschickte, stieg Matthias Wenzel in seine Uniform. Der Inhaber des ältesten Antiquitätengeschäfts der Stadt ist Oberstleutnant der Fallschirmjägertruppe und hatte die Idee, Panzersoldaten als „helfende Hände“ in Alten- und Pflegeheimen wirken zu lassen. Seinen „Gefechtsstand im Bamberger Landratsamt“, wie der „Spiegel“ Wenzels Posten beschrieb, tauschte der Reservist jetzt wieder gegen seine Geschäftsräume an der Herrenstraße, wo inmitten italienischer Putten, spätgotischer Gemälde und diverser Einrichtungs-Antiquitäten ein Sankt Michael als Bezwinger Satans zu seinen Lieblingsobjekten zählt. Um 1700 entstand der allansichtige Soldat himmlischer Heerscharen in Neapel, für 39.000 Euro ist er zu erwerben. Und in ihrem Silber-Kontor hält Silvia Heiss neueste Funde ihrer Spezialität bereit, die klaren Formen dänischer Schmiede. Wer alte Bücher und Stiche liebt ist im Antiquariat Lorang gleich am Alten Rathaus über der Regnitz richtig. Kein Zweifel also, die alte Kaiserstadt verwöhnt ihre Besucher auch in diesem Jahr.

Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen; Bis zum 14. August. Geöffnet Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag 13 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertage 13 bis 17 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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