Hype um Kryptokunst

Wer cool ist, braucht NFTs – oder?

Von Ursula Scheer
18.05.2021
, 09:57
„CryptoPunks“ von Larva Labs, algorithmisch erzeugte digitale Charakterköpfe, kosteten nichts, als sie 2017 in großer Zahl auf der Ethereum-Blockchain emittiert wurden. Seitdem ist eine Sammlerszene entstanden, die die Preise treibt. Bei Christie’s wurden jüngst neun „CryptoPunks“ als NFT für 14,5 Millionen Dollar zugeschlagen.
Edward Snowden, Grimes, die „CryptoPunks“: Am Markt für Blockchain-Kunst geht es um Sehen und Gesehenwerden – und sehr viel Geld. Sotheby’s startet mit „kuratierten“ NFTs eine Qualitätsoffensive.

David Hockney findet klare Worte für NFTs, jene digitalen Unikate in Form nicht fungibler Tokens – also Besitzzertifikate – in Blockchains, die seit einigen Monaten für Millionenumsätze und Goldgräberstimmung am Kunstmarkt sorgen. „Ich lese darüber, bin aber nicht interessiert“, sagte der britische Künstler zu Gast im Podcast Waldy and Bendy’s Adventures in Art. Statt NFT müsse der Gegenstand des Hypes wohl eher die Abkürzung „ICS“ tragen: „International Crooks and Swindlers“, internationale Gauner und Schwindler. Hito Steyerl drischt im Magazin Monopol ähnlich gnadenlos auf die hoch gehandelten Tokens ein und spricht von einer „Blase für Doofe“.

Wo so viel Abwehr auf so viel Begeisterung, künstlerische wie unternehmerische Investitionsfreude trifft, wird es tatsächlich spannend. Kritiker sehen in NFTs Spekulationsobjekte von zweifelhaftem künstlerischen Wert, aufgehübschte Jetons für Kryptowährungsmillionäre in Zockerlaune.

Sir David Hockney hält nichts von NFTs. Technikfeindschaft kann man ihm indes nicht vorwerfen: Der britische Künstler malt auch auf dem iPad.
Sir David Hockney hält nichts von NFTs. Technikfeindschaft kann man ihm indes nicht vorwerfen: Der britische Künstler malt auch auf dem iPad. Bild: AFP

Apologeten der Tokens sehen angesichts der Unikatwerdung von Digitalkunst mittels Blockchain dagegen schon eine „zweite Renaissance“ heraufziehen – so Jack Conte, der Chef der für Kreative entwickelten Social-Payment-Plattform Patreon. Daran mag man Zweifel hegen, doch zeichnet sich ab, dass NFTs sich weiter etablieren. Nachdem das Auktionshaus Christie’s mit seiner Beeple-Versteigerung den ersten Pflock bei den Traditionshäusern eingeschlagen hat, sind auch seine Mitbewerber in das Marktsegment eingestiegen, das zuvor nur von mit Digitalplattformen vertrauten Insidern bedient wurde.

Für digitale Sammler: Anna Ridler schafft mithilfe künstlicher neuronaler Netzwerke Kunstwerke auf Basis natürlicher Formen. Die digitale Bildserie „The Shell Record“ (2021) ist eines ihrer jüngsten KI-basierten Werke, zu ersteigern als NFT bei Sotheby’s.
Für digitale Sammler: Anna Ridler schafft mithilfe künstlicher neuronaler Netzwerke Kunstwerke auf Basis natürlicher Formen. Die digitale Bildserie „The Shell Record“ (2021) ist eines ihrer jüngsten KI-basierten Werke, zu ersteigern als NFT bei Sotheby’s. Bild: Sotheby’s / Anna Ridler

Bei Sotheby’s in New York hat die in Zusammenarbeit mit dem Krypto-Dealer Nifty Gateway veranstaltete NFT-Premiere, die Versteigerung eines mit animierten Quaderformen spielenden Konvoluts von kombinierbaren NFTs des Digitalkünstlers Pak, im April umgerechnet rund 16,8 Millionen Dollar eingespielt und etwa dreitausend Bieter angelockt. Anfang Mai verkündete das Auktionshaus dann, erstmals beim Verkauf eines nicht-digitalen Kunstobjekts – des am 12. Mai versteigerten Banksy-Gemäldes „Love Is In The Air“ – die Kryptowährungen Bitcoin und Ether neben traditionellen Zahlungsmitteln vom Käufer zu akzeptieren. Auf diese Weise unterstrich Sotheby's sein Vertrauen in die Blockchain-Technologie.

Das Auktionshaus Phillips verkaufte Ende April ein sich selbst replizierendes Multiple-NFT namens „Replicator“ für 3,4 Millionen Dollar: Das von dem Künstler Michah Dowbak alias Mad Dog Jones geschaffene Token mit der visuellen Oberfläche eines Fotokopierers generiert alle 28 Tage neue NFTs. Christie’s wiederum offerierte zu Beginn des Monats Mai neun „CryptoPunks“ von Larva Labs aus der Sammlung der Plattform-Mitbegründer Matt Hall und John Watkinson. Die Zuschläge summierten sich auf 14,5 Millionen Dollar für die digitalen Charakterköpfe, die 2017 zuerst kostenlos in großer Zahl auf der Blockchain Ethereum emittiert wurden, bei Sammlern aber inzwischen heiß begehrt sind und entsprechend hoch gehandelt werden.

Mit dabei im Blockchain-Zirkus: Tesla-Chef Elon Musk schickt mit einem Tweet Bitcoin auf Talfahrt und hegt plötzlich Bedenken wegen der Umweltbilanz des energiehungrigen Kryptogelds. Seine Frau, die Musikerin Grimes, versteigert auf der NFT-Plattform Nifty Gateways digitale Gemälden, Animationen und Video-Clips mit dem Titel „War Nymphs“ und erzielt knapp sechs Millionen Dollar.
Mit dabei im Blockchain-Zirkus: Tesla-Chef Elon Musk schickt mit einem Tweet Bitcoin auf Talfahrt und hegt plötzlich Bedenken wegen der Umweltbilanz des energiehungrigen Kryptogelds. Seine Frau, die Musikerin Grimes, versteigert auf der NFT-Plattform Nifty Gateways digitale Gemälden, Animationen und Video-Clips mit dem Titel „War Nymphs“ und erzielt knapp sechs Millionen Dollar. Bild: dpa

Viele tun nun mit, das Spektrum ist breit: Die Musikerin und Elon-Musk-Gattin Grimes verkaufte digitale Objekte im Wert von 5,8 Millionen Dollar als NFTs. Der Modedesigner Aitor Throup bietet zurzeit Prototypen seiner neuen Kollektion als NFTs auf Nifty Gateway feil. Der Künstler Mark Titchner, der 2006 für den Turner-Preis nominiert war, erzielte mit dem Token eines Digitalposters namens „We only need desire“ auf dem Onlinemarktplatz SuperRare knapp 60.000 Dollar in Ethereum. Damien Hirst, nie verlegen um kapitalistische Ironie, nennt seine zehntausendteilige NFT-Serie auf der Plattform Palm, „The Currency“. Der Twitter-Mitgründer Jack Dorsey versteigerte den von ihm abgesetzten ersten Tweet der Welt als NFT für knapp drei Millionen Dollar, die er an Hilfsorganisationen in Afrika spendete. Und Edward Snowden, der NSA-Whistleblower, verkauft das Token eines aus Prozessakten komponierten Porträts seiner selbst für fünf Millionen Dollar in Ethereum, die der von ihm geleiteten Freedom of Press Foundation zugute kommen sollen.

Screenshot Youtube
Erst gekauft, dann verbrannt und eine Digitalkopie als NFT verkauft: Aktivisten der Gruppe „Burnt Banksy“ machen mit ihrer Aufreger-Aktion rund um das Banksy-Bild „Morons“ von 2016 satten Gewinn. Bild: Screenshot Youtube

Solche Ergebnisse mögen bescheiden wirken im Vergleich zu den 60,25 Millionen Dollar, bei denen der Zuschlag für Beeples „Everydays“-Collage bei Christie’s erfolgte (F.A.Z. vom 13. März). Für sich selbst vermarktende Künstler sind sie indes nicht unerheblich, für Prominente aus der Tech-Welt, die Geld für einen guten Zweck sammeln, offenbar veritabel und für Auktionshäuser strategisch interessant. Ed Dolman, Geschäftsführer bei Phillips, unterstreicht, dass seine Branche mit NFTs andere Kundengruppen erreiche, junge Leute (tatsächlich sind es überwiegend männliche Tech-Unternehmer), die im Blockchain-Handel ihre Krypto-Portemonnaies prall gefüllt haben und sich für Digitales mehr interessieren als für die Kunstgeschichte.

Hoffnung auf profitables Crossover

Dass der unterlegene Bieter der Beeple-Auktion bei Christie’s, der chinesische Digitalinvestor Justin Sun, beim Auktionshaus später Pablo Picassos Gemälde „Femme nue couchée au collier (Marie-Thérèse)“ zu einem Hammerpreis von zwanzig Millionen Dollar und ein Selbstporträt Andy Warhols für zwei Millionen Dollar erwarb, nährt Hoffnungen auf ein profitables Cross-over des Geschäfts mit virtueller und physischer Kunst.

Schwarzhumorige Banknote aus der Tezos-Blockchain: Der „Queen“ (2021) von Maikeul stehen Dollarzeichen in den Augen. Zu ersteigern ist das Porträt als NFT am 20. Mai bei Millon in Brüssel, Taxe 16.000/18.000 Euro.
Schwarzhumorige Banknote aus der Tezos-Blockchain: Der „Queen“ (2021) von Maikeul stehen Dollarzeichen in den Augen. Zu ersteigern ist das Porträt als NFT am 20. Mai bei Millon in Brüssel, Taxe 16.000/18.000 Euro. Bild: Millon Belgique

Wie es dagegen nicht geht, zeigte die gestoppte Versteigerung des NFT-Abklatschs einer Arbeit von Jean-Michel Basquiat. Seine 1986 entstandene, in einer Privatsammlung befindliche Zeichnung „Free Comb with Pagoda“ wurde, kryptographisch verschlüsselt, auf der Plattform OpenSea zur Auktion angeboten. Hinter der Aktion stand die Firma Daystrom, die angab, der Höchstbietende erwerbe nicht nur das Token, sondern auch die Reproduktionsrechte an dem Werk. Überdies bot Daystrom an, auf Wunsch des Käufers das physische Original zerstören zu können, um virtuell Einmaligkeit herzustellen – was an den Stunt eines verbrannten und als NFT verkauften Banksy-Bilds erinnerte.

Bevor es so weit kam, schritt die Nachlassverwaltung des 1988 gestorbenen Basquiat ein und stellte fest, dass der Verkäufer mitnichten die Rechte an dem Werk habe. Die Auktion wurde beendet, bevor sie angefangen hatte: Schlaglicht darauf, welche Fragen der wilde Kryptohandel mit Kunst an den gesetzlichen Schutz geistigen Eigentums und des Urheberrechts aufwirft.

Pulsierendes Zeichen der Zeit:  Kevin McCoys animierte Grafik „Quantum“ gilt als erstes je geschaffenes NFT und trägt den Zeitstempel „05-03-2014 09:27:34“. Als Dokument der Blockchain-Historie kommt das Werk Anfang Juni bei Sotheby’s zum Aufruf.
Pulsierendes Zeichen der Zeit: Kevin McCoys animierte Grafik „Quantum“ gilt als erstes je geschaffenes NFT und trägt den Zeitstempel „05-03-2014 09:27:34“. Als Dokument der Blockchain-Historie kommt das Werk Anfang Juni bei Sotheby’s zum Aufruf. Bild: Sotheby’s

Bei den großen Aktionshäusern ist man in solcherlei Hinsicht auf der sicheren Seite. Den europäischen Reigen eröffnet Millon in Brüssel am 20. Mai mit der Auktion „NFT Generation“, die dreizehn virtuelle Werke vor allem französischer Künstler zum Aufruf bringt, mit Erwartungen von vierhundert bis 25 000 Euro. Sotheby’s in New York folgt vom 3. bis zum 10. Juni mit einer Auktion, die implizit dem Vorwurf entgegentritt, als NFTs würden bloß Insider-Gags von Tech-Geeks, ästhetisch Minderwertiges oder intellektuell Banales vermarktet.

Das gesamte Line-up von „Natively Digital: A Curated NFT Sale“ bei Sotheby's ist noch nicht bekannt, doch dass neben einem seltenen CryptoPunk und dem ersten je kreierten NFT „Quantum“ (2014) von Kevin McLoy auch ein Werk der herausragenden Digitalkünstlerin Anna Ridler dabei ist, die zur Avantgarde der mit Künstlicher Intelligenz arbeitenden Künstler zählt, ist ein gutes Zeichen. „The Shell Record“, eine Sammlung aus Bildern von Flussmuscheln und -schnecken, wurde nach natürlichen Vorbildern von einem künstlichen neuronalen Netzwerk geschaffen. In Zukunft werden wir hoffentlich nicht mehr darüber staunen, dass Kunst als NFT gehandelt wird – sondern darüber, wie faszinierend diese Kunst ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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