Contemporary Istanbul

Das Arsenal von Istanbul

Von Ursula Scheer, Istanbul
09.10.2021
, 13:53
Blick in eine der Hallen mit   Zilberman Gallery links und Art On Gallery rechts; Vav Hakobyans bei Galeri 77 präsentiertes Gemälde „Secret Meeting“;  Tontafeln aus Berkay Tunkays Installation bei der Galerie Sanatorium Fotos Contemporary Istanbul, Galerien
Die Messe Contemporary Istanbul ist wieder da. Sie präsentiert sich als Teil eines urbanen Großprojekts am Goldenen Horn. „Tersane Istanbul“ soll Leben, Arbeit und Kunst vereinen. Was bahnt sich da an?

Ali Güreli will es wissen: Als Gründer und Chairman der Stiftung, die hinter der Contemporary Istanbul steht, möchte er die größte Kunstmesse der Türkei international ganz weit nach vorn bringen. „Unter den zehn führenden Messen für zeitgenössische Kunst“ soll sie rangieren, so das von ihm zur Eröffnung der sechzehnten Ausgabe anvisierte Ziel für „die nächsten fünfzehn Jahre“. Und fühlt man sich beim Gang über die Messe nicht beinahe, als fände sie im Arsenal von Venedig statt? Die Contemporary Istanbul, zuvor abgehalten im Kongresszentrum der Stadt und zuletzt von der Pandemie abgedrängt in den virtuellen Raum, feiert an einem neuen Standort ihr Comeback: in den mächtigen Überresten der 1455 gegründeten und bis ins 20. Jahrhundert betriebenen Haliç-Schiffswerft am Goldenen Horn, mit Postkartenblick auf den europäischen Teil der Metropole.

Paradies für Investoren

Drei Hallen und einen Skulpturenhof mit insgesamt fast zehntausend Quadratmetern bespielt die Messe, dazu eine noch größere Freifläche für Veranstaltungen – und bildet die Vorhut eines städtebaulichen Großprojekts namens Tersane. Es soll aus einem heruntergekommenen Areal ein Investorenparadies und einen urbanen Hotspot machen, mit Hotels, Büros, Galerien, Museen, einem Wissenschaftscenter, einer Moschee, Restaurants und einem Yachthafen, von dem aus Wassertaxis Richtung Altstadt fahren. Nahe bei Tersane liegt das Industriemuseum Rahmi M. Koç, ebenso eine Gründung der Stiftung der größten türkischen Firmengruppe Koç wie die 2019 eröffnete Kunstgalerie Mesher, das 2020 in einen Neubau umgezogene Arter Museum für zeitgenössische Kunst und das Sadberk Hanim Museum für Antiken und Kunsthandwerk, das einen neuen Standort in Tersane plant.

Vav Hakobyan: Secret Meeting, 2020. Öl auf Leinwand, 177 x 209 cm, bei der Galeri 77. Preis auf Anfrage.
Vav Hakobyan: Secret Meeting, 2020. Öl auf Leinwand, 177 x 209 cm, bei der Galeri 77. Preis auf Anfrage. Bild: Galeri 77 - Contemporary Istanbul Fair

Tersane, wo zuvorderst der Hotelkonzern Rixos investiert und die Architekten planen, die gerade auch das Atatürk-Kulturzentrum umgestaltet haben, ist nicht das einzige staatlich angestoßene Milliardenprojekt mit Platz für Kunst am Goldenen Horn. Für ein anderes bekam die Doğuş-Gruppe des Erdogan-Günstlings Ferit Sahenk den Zuschlag: Praktisch vis-à-vis der Hagia Sophia jenseits der Wasserstraße sollen am Galatport bald Kreuzfahrtschiffe anlegen und wird das Museum für moderne Kunst ein umgebautes Lagerhaus bespielen, umgeben von restaurierter osmanischer Pracht. Hauptsponsor der Contemporary Istanbul ist die Akbank Sanat, zu der eine Vielzahl weiterer Unternehmen kommt. Man habe nichts gegen Unterstützung der Regierung, meint Ali Güreli salomonisch, bevorzuge aber private Geldgeber. Schafft das Freiraum? Marcus Graf, Professor für Kunsttheorie in Istanbul und Programmleiter der Contemporary Istanbul, sieht Künstler eher unter dem Radar autokratischer Kontrolle arbeitend als Journalisten oder Schriftsteller. Doch bei ihm fällt auch das Wort Selbstzensur.

Nachhaltigkeit und Frauen

Trotz des Aplombs ist die Messe kleiner geworden als im Jahr 2019: Damals waren 73 Galerien und kulturelle Institutionen dabei, dieses Mal sind es 57. In den begleitenden Ausstellungen geht es trendbewusst um Nachhaltigkeit und Frauen; den klassischen Part bestreitet eine Schau mit Werken des türkischen Bildhauers Ilhan Koman zu dessen Hundertstem, und draußen im Wind flattern für wohltätige Zwecke „Flags For Future“, präsentiert von der Galerie Istanbul ’74 und Ütopia, mit Parolen wie: „I am not on Facebook“. Es gibt Dekoratives, Textiles, Kalligraphisches und jede Menge Malerei, aber auch Digitalkunst, Videokunst, Skulptur.

Wirkt sumerisch: Berkay Tuncays „Untitled (Study for Kanye’s Tweets No. 2)“, Installation, 2017. Sie besteht aus fünfzehn aus Kreide geformten Tablets (11,43 x 5,8 cm, 20 x 13,5 cm). 11.000 Euro
Wirkt sumerisch: Berkay Tuncays „Untitled (Study for Kanye’s Tweets No. 2)“, Installation, 2017. Sie besteht aus fünfzehn aus Kreide geformten Tablets (11,43 x 5,8 cm, 20 x 13,5 cm). 11.000 Euro Bild: Galerie Sanatorium

Das Spektrum reicht von Hightech bis zu traditionellem Handwerk, und zuweilen verbindet sich beides: Die Istanbuler Galerie Sanatorium präsentiert tönerne Platten von Berkay Tuncay in Form von iPhones und iPads, die in sumerischer Keilschrift Tweets von Kanye West festhalten: 11 000 Euro kostet der vieldeutige Kommentar auf Schriftkultur im Wandel der Zeiten und Medien. Mithilfe Künstlicher Intelligenz schafft, ebenfalls bei Sanatorium, Kerem Ozan Bayraktar organische Formen für seine aus Videos, Lichtkästen und Digitaloprints gebaute Installation „Wings and Lungs“ (35 000 Euro). Dem Big-Data-Morphing verfallen ist auch der von Pilevneli aus Istanbul und Bodrum repräsentierte Refik Anadol: Zweihundert Millionen Naturfotos verwirbelt ein Algorithmus in der Videoinstallation „Quantum Memories: Probability A“ zu immer neuen Kunstansichten (Preis auf Anfrage).

Abstrakte Kelims und Teppiche in Beton

Auf den Spuren des Bauhauses wandelt die Seniorin Belkis Balpinar mit abstrakten Kelims bei Istanbul ’74, (10.000 bis 20.000 Euro). Bei Anna Laudel, in Istanbul und Düsseldorf beheimatet, gießt Firat Neziroglu auf die nomadische Herkunft seiner Familie verweisende Teppiche in Beton oder verwebt Textilbilder mit virtuellen Existenzen wie sein eigenwillig geschriebenes „Reneissance Girl“, das als Non-Fungible Token für 18 Ether zu erwerben ist. Eine starke Position der türkischen Malerei vertritt die Londoner Galerie JD Malat mit Zümrütoğlu, dessen Neoexpressionismus zuweilen an Francis Bacon erinnert. Einen Konterpart dazu bildet die Galerie 77 mit den armenischen Malern Gurgen Babayan, der im Stil der Neuen Sachlichkeit malt, und dem expressiv Elemente der Popkultur verarbeitenden Vav Hakobyan (Preise auf Anfrage).

Die Stärke der Contemporary Istanbul liegt darin, sämtliche türkische Galerien von Rang und Namen zu versammeln, von Plattformen für junge Künstler wie X-ist Gallery bis zur 1984 gegründeten und damit vergleichsweise alten Galerie Nev; von größeren wie Pi Artworks mit Niederlassung in London bis zur kleineren wie Pilot mit kritischen Künstlern. Gözde Mimiko Türkkan zertrümmert dort in der Videoinstallation „How to destroy an artwork“ eigene Fotoeditionen (Preis auf Anfrage). Auch wenn die siebzehn ausländischen Galerien in der Minderheit sind, ist die Tendenz zu internationalen Kooperationen unübersehbar: Pilevneli teilt sich eine Koje mit der Galerie König, die einen polierten „Kastenmann“ von Erwin Wurm mitgebracht hat. Türkische Sammler, lange auf heimische Künstler fixiert, scheinen sich langsam zu öffnen für Werke aus dem Ausland. Offen Politisches sieht man dagegen kaum auf der Contemporary Istanbul: C24 Gallery aus New York zeigt mit der Flagge statt Kopf tragenden Betonskulptur „Flag Head“ von Irfan Önürmen (200.000 Dollar) ein vergleichsweise offensives Beispiel.

Contemporary Istanbul, bis 10. Oktober, Eintritt 8 bis 15 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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