Das Credo heißt online

Bilanz der internationalen Auktionshäuser

Von Anne Reimers
Aktualisiert am 11.01.2021
 - 11:26
Matthew Wong, „Shangri-La“, 2017, Öl auf Leinwand, 243,8 mal 182,9 Zentimeter, Ergebnis (inkl. Aufgeld): 4.470.000 Dollar, (Taxe 500.000/700.000).
Die Auktionsfirmen Sotheby’s, Christie’s und Phillips reagierten äußerst schnell auf die Pandemie: Hier die Zahlen und Fakten des letzten Jahres.

Während viele Galerien und Kunstmessen im vergangenen Jahr wegen der Pandemie ums Überleben kämpfen mussten – und weiterhin müssen –, kamen die großen internationalen Auktionshäuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips vergleichsweise glimpflich davon. Die reduzierte Konkurrenz durch Kunstmessen kam ihnen wohl eher zugute. Zwar setzten sie, wie zu erwarten, deutlich weniger als im Vorjahr um. Privatverkäufe, Online-Auktionen und das Engagement asiatischer Kunden legten allerdings deutlich zu und federten den Umsatzeinbruch bei Live-Auktionen ab. Die Auktionsfirmen konnten sich daher zum Jahresende – trotz zeitweiliger Probleme bei der Akquise, ob durch die Einschränkung der Reisefreiheit oder die Nervosität der Einlieferer – als der Krise gewachsen präsentieren. Da sich alle drei Unternehmen in privater Hand befinden, müssen sie allerdings keine detaillierten Zahlen oder Informationen zum Profit veröffentlichen.

Sotheby’s setzte sich mit einem Jahresumsatz von mehr als fünf Milliarden Dollar als Marktführer durch, trotz eines Umsatzrückgangs von rund achthundert Millionen, etwa sechzehn Prozent, gegenüber 2019. Christie’s gab einen Umsatz von 4,4 Milliarden Dollar bekannt, ein Rückgang um 25 Prozent. Phillips setzte insgesamt 760,39 Millionen Dollar um; der Umsatz 2019 betrug 907,91 Millionen. Wie üblich trugen Auktionen den größten Teil dazu bei. Allerdings kamen deutlich weniger Werke im Spitzensegment unter den Hammer. Sotheby’s spielte mit Auktionen 3,5 Milliarden Dollar ein, ein Rückgang von fast dreißig Prozent gegenüber 2019, als 4,8 Milliarden mit Versteigerungen erwirtschaftet wurden. Online-Zuschläge trugen fünfzehn Prozent zum Auktionsumsatz bei. Bei Christie’s lag 2019 der Umsatz mit Auktionen bei 4,9 Milliarden Dollar. Im Jahr 2020 musste das Unternehmen einen vierzigprozentigen Rückgang auf 2,8 Milliarden Dollar verkraften; die durchschnittliche Verkaufsrate bei Auktionen lag bei 81 Prozent. Zehn Prozent des Auktionsumsatzes wurden mit Online-Auktionen erwirtschaftet.

Online-Rekorde

Während die Besichtigung von Kunstwerken und das Bieten vor Ort zeitweilig gar nicht oder nur sehr begrenzt möglich waren, musste das digitale Angebot und die Präsentation hastig ausgebaut werden. Sotheby’s hielt 2020 siebzig Prozent seiner Auktionen online ab, das ist ein Anstieg von dreißig Prozent gegenüber 2019. Achtzig Prozent aller Gebote – sowohl bei Online- als auch bei Live-Auktionen – wurden bei Sotheby’s online abgegeben. Das bei allen drei Häusern mittlerweile per Mobiltelefon mitgeboten werden kann, sprach besonders die jüngeren Käufer an. Das höchste Gebot, das bei Sotheby’s per mobiler App abgegeben wurde, waren die umgerechnet zwölf Millionen Dollar für Alberto Giacomettis „Femme debout“ im Juli in London. Das bisher höchste Online-Gebot jemals wurde bei der Live-Abendauktion von Sotheby’s im Juni in New York abgegeben: Ein Unterbieter bewilligte 73,1 Millionen Dollar für Francis Bacons „Triptych Inspired by the Oresteia of Aeschylus“, das mit einem Preis von 84,6 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) zum teuersten, versteigerten Kunstwerk des Jahres 2020 wurde. Sotheby’s stellte mit 15,2 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) für Jean-Michel Basquiats „Untitled (Head)“ außerdem den Rekord für ein online verkauftes Werk auf.

Für Christie’s war 2020 ebenso ein Rekordjahr, was digitale Verkäufe angeht. Der Umsatz durch Online-Only-Auktionen – es waren mehr als zweihundert – stieg um 262 Prozent auf 311 Millionen Dollar. Kunden aus 104 verschiedenen Ländern nahmen aktiv an Online-Only-Auktionen teil. Viel Energie wird in den Kundennachwuchs investiert: 32 Prozent aller Kunden, die bei Online-Auktionen kauften, waren „Millennials“, also zwischen 23 und 38 Jahren alt. Insgesamt waren 36 Prozent aller Käufer bei Christie’s Neukunden. Sotheby’s verzeichnete einen Zuwachs von 27 Prozent an neuen Käufern. Und bei den Online-Auktionen von Sotheby’s waren vierzig Prozent aller Bieter und Käufer Neukunden.

Privatverkäufe legten zu

Die Privatverkäufe legten stark zu und verzeichneten neue Rekordumsätze. Christie’s vermittelte in private sales Kunst im Wert von rund 1,3 Milliarden Dollar, ein Anstieg um 57 Prozent gegenüber 2019. Das Haus gibt außerdem an, mehr Objekte mit Preisen über 25 Millionen Dollar privat als in Auktionen verkauft zu haben. Sotheby’s beziffert seinen Umsatz bei privat vermittelten Verkäufen mit 1,5 Milliarden Dollar, eine Steigerung um fünfzig Prozent.

Der Fokus lag 2020 noch stärker auf den Sammlern aus dem asiatischen Raum und auf dem Auktionsangebot in Hongkong. Bei Sotheby’s trugen Käufer aus Asien mehr als dreißig Prozent zum weltweiten Auktionsumsatz bei; Christie’s meldet hier 34 Prozent. Asiatische Kunden ersteigerten bei Sotheby’s neun der zwanzig teuersten Lose des Jahres; mit Auktionen in Asien erwirtschaftete das Haus 932 Millionen Dollar. Christie’s feierte besonders mit jüngeren Künstlern Erfolge bei seinen Auktionen in Hongkong: Neun der zehn neuen Rekordpreise für Künstler unter 45 Jahren, die Christie’s 2020 erzielte, kamen aus dem Saal in Hongkong.

Die Firma Phillips baut ebenso ihre Präsenz in China aus. Das Unternehmen richtete im Dezember zum ersten Mal eine Auktion in Zusammenarbeit mit Poly Auction aus – dem weltweit drittgrößten Auktionshaus und in chinesischem Staatsbesitz – und erzielte mit 66 Millionen Dollar seinen besten Auktionsumsatz in Hongkong. Das Spitzenlos, zugleich das drittteuerste Werk 2020 bei Phillips, war Yoshitomo Naras Gemälde „Hothouse Doll“ aus dem Jahr 1995 mit einem Preis von umgerechnet 13,3 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld), bei einer Taxe von 6,4 bis neun Millionen Dollar. Die Auktion setzte außerdem eine neue Rekordmarke für den Maler Matthew Wong, der in Kanada und Hongkong aufwuchs und studierte und sich 2019 im Alter von 35 Jahren das Leben nahm: Sein Gemälde „River at Dusk“ von 2018 erzielte umgerechnet 4,87 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld). Erst kurz zuvor im Oktober hatte Christie’s mit Wongs Bild „Shangri-La“ von 2017 mit 4,47 Millionen Dollar einen Rekord aufgestellt.

Die „Luxus“-Kategorie – von Uhren und Schmuck über Handtaschen, Sammler-Turnschuhen, Wein und Spirituosen bis zu eleganten Einrichtungsgegenständen – wird immer wichtiger. Sotheby’s setzte in diesem Geschäftszweig fast 640 Millionen Dollar um; allein mit Schmuck erzielte das Haus einen Spitzenumsatz von 310,5 Millionen Dollar. Insgesamt 177 Millionen Dollar wurden in 255 Online-Auktionen mit Luxusobjekten, viermal so viele wie im Vorjahr, eingespielt. Daneben hat Sotheby’s in dieser Sparte eine neue „BuyNow“Plattform für den amerikanischen Markt installiert.

Sowohl Sotheby’s wie Christie’s folgten reichen Kunden im Sommer 2020 mit Pop-Up-Shops bis in ihre Zufluchtsorte in den East Hamptons auf Long Island und in Palm Beach in Florida. Und Phillips bezog im Herbst die Southhampton Town Hall auf Long Island und stellte dort neben Kunst, Uhren und anderen Luxusgegenständen zum Sofortverkauf auch die Highlights seiner New Yorker Dezember-Auktionen aus.

Quelle: F.A.Z.
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