Streit um Leonardo-Entdeckung

Der heilige Sebastian und das Geld

Von Bettina Wohlfahrt, Paris
26.07.2021
, 09:02
In Frankreich gibt es heftigen Streit um eine auf 15 Millionen Euro geschätzte Altmeister-Zeichnung. Weil ihr die Ausfuhrgenehmigung entzogen wurde, musste die Versteigerung abgesagt werden. Jetzt verklagt der Besitzer den Staat und das Auktionshaus.

Im französischen Auktionshaus Tajan wartet eine wiederentdeckte Leonardo-Zeichnung des heiligen Sebastian auf die Beilegung mehrerer Rechtsstreitigkeiten: Das womöglich wertvolle Werk eines alten Meisters als Überraschungsfund zu entdecken bleibt für Experten eine seltene Ausnahme. Im Frühling 2016 lieferte ein Arzt im Ruhestand, Dr. Jean B., eine Mappe mit diversen Zeichnungen und Druckgraphik beim französischen Auktionshaus Tajan zur Begutachtung ein. Sein bibliophiler Vater hatte sie ihm Ende der Fünfzigerjahre zum Studienabschluss geschenkt, seither hatte er wohl nicht mehr hineingeschaut.

Als der für Altmeister zuständige Spezialist Thaddée Prate die Blätter durchsah, fiel ihm eine Zeichnung in brauner Tusche und Bleistift auf. Sie zeigt die Märtyrerfigur des heiligen Sebastian, an einen Baumstamm gebunden und mit exaltiertem Ausdruck. Die Zeichnung hat eine meisterhafte Dynamik. Ihr Autor interessierte sich offensichtlich weniger für die Symbolik der Legende mit den üblichen Pfeilverwundungen als vielmehr für die Körperhaltung und den emotionalen Ausdruck. Im Hintergrund sieht man die Skizze einer hügeligen Landschaft. Das im oberen Bereich nicht mehr vollständige Blatt der 19,3 mal 13 Zentimeter messenden Zeichnung war in der Vergangenheit auf Papier aufgezogen worden. Auf seiner Rückseite lassen sich noch zwei kleine Tuschezeichnungen mit optischen Studien und Notierungen in spiegelverkehrter Schrift entdecken.

Zweifel an der Zuschreibung

Ein Kenner horcht bei solchen Indizien auf. Thaddée Prate zeigte das Blatt dem Kunsthändler und Experten Patrick de Bayser, der noch dazu die Merkmale einer linkshändigen Zeichnungsgeste erkennt. Einiges deutet also auf Leonardo da Vinci als möglichen Autor hin. Deshalb wird die erfahrenste Spezialistin im Umgang mit Leonardo-Zeichnungen, Carmen Bambach, hinzugezogen, die dem Graphikkabinett des New Yorker Metropolitan Museums vorsteht. Für sie gibt es keinen Zweifel an der Zuschreibung.

Von Leonardo sind zwei Zeichnungen eines heiligen Sebastian bekannt. Die eine, mit einem ganz ähnlichen zeichnerischen Tuschestrich, befindet sich in der Hamburger Kunsthalle, die andere, mit einem vergleichbar ekstatischen Gesichtsausdruck, im Musée Bonnat in Bayonne. Leonardo selbst hatte auf einem Blatt, das sich in dem immensen Konvolut des Mailänder Codex Atlanticus befindet, „8 san Bastiani“ verzeichnet. Für Carmen Bambach handelt es sich um die dritte der acht einst existierenden Leonardo-Zeichnungen des Märtyrers.

Eine Versteigerung des Blatts wurde für Juni 2017 anberaumt. Um die Taxe zu bemessen, gibt es nur einen Vergleichswert in jüngerer Zeit: Die Leonardo-Zeichnung „Pferd und Reiter“, die im Jahr 2001 bei Christie’s in London bei 7,4 Millionen Pfund zugeschlagen wurde. Um fünfzehn Millionen Euro lautete schließlich der Schätzpreis. Zwischenzeitlich musste allerdings die Ausfuhrgenehmigung dafür erlangt werden. Der Kulturgutschutz schaltete sich ein, und der Louvre als eventuell vorrangiger Käufer sandte Experten zur Prüfung aus. Die Zeichnung wird als „nationales Kulturgut“ eingestuft, mit einer Verkaufssperre von dreißig Monaten belegt, die geplante Auktion annulliert. Weiter wird das Blatt eingehend im Louvre untersucht und dabei auch Labortests unterzogen. Laut der Tageszeitung Le Figaro, die Zugang zum Ergebnisprotokoll bekam, ist die Struktur des Papiers mit dem Hamburger Blatt identisch: Beide Zeichnungen könnten sogar auf demselben Bogen entstanden sein. Carmen Bambachs Datierung auf die Jahre zwischen 1478 und 1483 wird bestätigt.

Es mag erstaunlich erscheinen, dass die Mittel für einen solchen Ankauf zwischen dem Staat und dem oft generösen, zahlungskräftigen französischen Mäzenatentum nicht schnell genug aufgebracht werden konnten. Ende 2017 wurde bei Christie’s die Auktionsschau um das Gemälde „Salvator Mundi“ inszeniert, die bekanntlich zum Rekordpreis von 450 Millionen Dollar, inklusive Aufgeld, führte. Welchen Schätzwert sollte man nun der Zeichnung geben?

Ausfuhr verweigert

Ende 2018 setzte Tajan einen neuen Auktionstermin für den Sommer 2019 an, sobald die Sperrfrist abgelaufen sein würde. Jetzt erhoffte sich Rodica Seward, geschäftsführende Inhaberin des Auktionshauses Tajan, in einem Gespräch mit der New York Times dreißig bis sechzig Millionen Euro; als offizielle Taxe wollte sie das allerdings nicht verstanden wissen. Solche Erwartungen ließen die vom Louvre und dem Kulturministerium angebotenen zehn Millionen Euro unrealistisch erscheinen; sie wurden von dem über achtzigjährigen Besitzer zurückgewiesen, eine Versteigerung noch einmal auf Dezember 2019 verschoben. Weil die Ausfuhrgenehmigung weiterhin verweigert wurde, konnte eine Auktion auch zu diesem Zeitpunkt nicht stattfinden. Dass sich freilich die Preise trotz des „Salvator Mundi“ nicht generell in schwindelerregende Höhen treiben lassen, zeigte Anfang dieses Monats eine Auktion bei Christie’s in London: Leonardos Bärenkopf-Zeichnung wurde, mit einer Taxe von acht bis zwölf Millionen Pfund versehen, schon bei 7,5 Millionen Pfund zugeschlagen; es gab nur ein einziges Gebot.

Schließlich wurde eine neuerliche Verweigerung der Ausfuhrgenehmigung vom französischen Kulturministerium damit begründet, dass Ende 2020 eine Strafanzeige wegen des Verdachts, die Zeichnung sei gestohlen worden, erstattet wurde. Die Untersuchung, aber auch zwei weitere Prozesse sind im Gang. Jean B. erhob Anklage gegen die Kulturministerin Roselyne Bachelot und ihre zuständige Mitarbeiterin Claire Chastanier, um die Ausfuhrgenehmigung der Zeichnung zu erzwingen. Die Verhandlung ist kürzlich auf Oktober verschoben worden. Jean B. befindet sich außerdem mit dem Auktionshaus Tajan im Rechtsstreit. Er möchte sein Verkaufsmandat mitsamt der Zeichnung zurückziehen – allerdings ohne eine Entschädigung für den vorgeleisteten Aufwand zu bezahlen. Tajan fordert laut Le Figaro zwei Millionen Euro für die Entdeckung, Untersuchung und Promotion des Blatts. Die Verhandlung soll im Dezember stattfinden. Unterdessen befindet sich der heilige Sebastian bei Tajan, gewiss unter Hochsicherheitsverschluss.

Quelle: F.A.Z.
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