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Armory Show in New York

Die verborgenen Schätze der neuen Welt

Von Niklas Maak
 - 17:36
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Diese Geschichte beginnt, wie so viele, in einem Hotel – nur dass in diesem Hotel keine Menschen, sondern Kunstwerke in den Betten liegen: Vor einem Vierteljahrhundert, Ende April 1994, mieten vier Galeristen aus New York, Paul Morris, Pat Hearn, Colin de Land und Matthew Marks, in einem alten, etwas heruntergekommenen Hotel, dem inzwischen luxussanierten „Gramercy Park“, drei Stockwerke mit sechzig Zimmern. Für 50 Dollar am Tag pro Zimmer vermieten sie die Räume weiter an Galeristen. Die bringen ihre Werke über und auf den Betten und in der Dusche unter, es kommen über zehntausend Besucher. Die „Gramercy International Art Fair“ ist ein so großer Erfolg, dass sie bald umziehen muss, ins sogenannte Armory Building. Weil die jetzt „Armory“ genannte Messe immer weiter wächst, ist auch dort bald nicht mehr genug Platz, schließlich zieht sie in die Hallen auf den Piers am Hudson River. In diesem Jahr findet die 25. Ausgabe von Amerikas größter und wichtigster Messe für moderne und Gegenwartskunst wieder dort statt. Weil Pier 92 aber mittlerweile baufällig ist, musste man auf Pier 90 ausweichen, wo eigentlich die Messe Volta stattfinden sollte, die sich freundlicherweise in mehrere Ausweichquartiere umsiedeln ließ – unter anderem in die Räumlichkeiten der Großgalerie Zwirner. Allein das kann man als vielsagende Metapher der Machtverhältnisse in der aktuellen Kunstwelt sehen: die ganz großen Galerien bemühen sich gar nicht mehr, einen Stand auf der Kunstmesse zu bekommen, sie verleiben sich umgekehrt ganze Messen ein.

Dafür ist die Armory, die noch bis zu diesem Sonntag läuft, mit ihren 198 Galerien dann doch zu groß, und wenn man mit Nicole Berry spricht, die im letzten Jahr die Leitung der Armory übernommen hat, dann scheint sie nicht besonders traurig, dass die ganz großen Galerieschiffe wie Gagosian oder eben Zwirner an den Hudson Piers der Armory nicht anlegen wollen (auch Mary Boone sei dieses Mal nicht da, ergänzten ein paar Scherzkekse unter den VIP-Gästen am Mittwoch, wohl wissend, dass die legendäre Kunsthändlerin gerade ihre Galerie schließen musste und wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis geht).

Nicole Berry hat keine leichte Aufgabe; sie muss der Armory in einem immer unübersichtlicheren Umfeld eine Identität geben; die wenigsten haben die Nerven, zu zehn Kunstmessen in einer Stadt zu kommen, und neben der Armory Show an Pier 90 und 94 gibt es auch die Frieze New York, und allein in diesen Tagen kommen noch die Independent Art Fair, die Scope New York und die Affordable Art Fair dazu. Alle noch in diesem Monat, der mit der inzwischen im alten Armory Building residierenden Messe der Art Dealers Association of America (ADAA) begonnen hatte. Aber die, sagt Berry, sei mit 72 Ausstellern keine Konkurrenz, sondern eher eine Show für den „Area Code“ – für die Sammler aus der New Yorker Upper East Side.

Was aus den Tiefen dieser Sammlungen alles an die Piers der Armory am Hudson River gespült wird, ist auch dieses Jahr wieder eindrucksvoll zu besichtigen: Albers, Twombly, Kelly, Lucio Fontana ... Ebenfalls aus einer Manhattaner Privatsammlung stammt einer der schönsten Motherwells, die in der „Insights“ getauften Sektion für Nachkriegsmoderne bei Leslie Feely zu sehen sind: eine 1974 entstandene Collage eines Postkartons auf zeittypisch poporangem Grund mit tiefem Himmelsblau darüber (91 mal 182 Zentimeter, 450.000 Dollar).

Neben den bekannten Namen des künstlerischen Mid-Century-Modernism gibt es, was die große Qualität dieser Messe ist, aber auch immer wieder Entdeckungen zu machen – bei DAG die an außerirdisches Art déco erinnernden Kupfer-und Stahlcollagen des 1925 geborenen Satish Gujral, bei Espaivisor die Hanne-Darboven-haft kühle Minimalistin Esther Ferrer, die Werbungsübermalungen des Nigerianers Herman Mbamb bei Blank Projects, Nevin Aladags abstraktes Teppichkunstwerk „Social Fabric“ bei Wentrup (172 mal 113 Zentimeter, 38.000 Euro) – und bei Aicon den minimalistischen Konstruktivisten Rasheed Araeen, dessen bunte Holzquader an Bauteile für ein schöneres pakistanisches Centre Pompidou denken lassen (175.000 Dollar).

Auch die bei Pace gezeigten Collagen von Louise Nevelson (91 mal 58 Zentimeter, 10.000 Dollar) hätten mehr museale Aufmerksamkeit verdient, was man Leo Villareals funkelnder Lichtkitsch-Orgie am gleichen Stand nicht sagen kann; es reicht mittlerweile ein bisschen kaltes Diodengefunkel, um schon Erfinderpatente für Digital Art ausgestellt zu bekommen. Neben solchen Ausreißern gibt es wie schon im vergangenen Jahr viel Vergessenes zu sehen – und ganz Neues wie die abstrakten Formkompositionen der Künstlerin Clare Rojas bei Kavi Gupta (33 mal 39 Zentimeter, 3000 Dollar), eine der vielen kleinen Entdeckungen dieser Schau.

Zu den ältesten und schönsten Werken der Messe gehört Alices Neels Porträt ihrer Mutter aus dem Jahr 1930, das die Töne, die Atmosphäre und die Haptik einer Welt, die ihre Wurzeln noch im ruralen 19. Jahrhundert hat, ins Bild setzt (bei Victoria Miro, 76 mal 66 Zentimeter, 600.000 Dollar).

Bei 303 wird die in Berlin lebende Künstlerin Alicja Kwade gezeigt, über die in New York gerade alle reden, weil sie im April das Dach des Metropolitan Museum gestalten wird. Einer der besten Stände ist der von David Nolan, der sich einzig dem Werk von Jorinde Voigt widmet. Angefangen bei den linear-grafischen zeichnerischen und gestischen Annäherungen der gelernten Musikerin an Beethovens Sonaten, reicht die kleine Retrospektive bis zu den golden und mitternachtsblau schimmernden Bildern von 2018 und einem Werkzyklus, der Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ in Chiffren, Muster, Dynamogramme, Dinge und Zeichen überträgt: Man sieht in diesen Arbeiten der Entstehung einer ganz eigenen, eigenweltlichen Sprache zu, von der man nur Fragmente lesen kann, deren Formen man aber dennoch versteht als Bilder von Ordnung, Auflösung, Zögern, Beschleunigen, Zurückschrecken, Berechnen, Angezogenheit. Die Schönheit harmonischer Parallellinien trifft auf die Schönheit eines vollkommen verknoteten Chaos, Erhitzung der Form auf Einbrüche tödlicher Kälte, Expeditionstrupps aus Zahlen und Zeichnungen und Notizen marschieren durch mentale Landschaften, Diagramme werden zu Hügellandschaften, halbgesagte Worte verschwinden in einem Geäst aus Strichen und Nummern, über allem laufen Linien als Hochspannungsleitungen über dreidimensionale Formen, die an Körperteile von Außerirdischen erinnern.

An einem Stand in der Nähe von Nolan gab es einen hohlen Knall; es klang wie, wenn jemand auf eine Glocke haut – offenbar war jemand in eine der zahlreichen Blechbaiser-Skulpturen von Tony- Cragg gestolpert.

Definitiv nicht in die Hotelzimmer der frühen Jahre hätte die Skulptur gepasst, mit der das 25-Jährige gefeiert wird: Der Kameruner Künstler Pascale Marthine Tayou hat Zigtausende von Plastiktüten zu einer heißluftballongroßen Monstermüllpiñata zusammengenäht, die jetzt als Memento mori der globalen Wegwerfkultur quietschbunt und drohend im Raum hängt und zeigt, wie eng Spaß und Desaster zusammenhängen. Aber das ist ja eine Nähe, die die Kunstwelt nicht erst seit Mary Boone schon sehr gut kennt.

The Armory Show. Samstag, 8. März, 12 Uhr bis 17 Uhr und Sonntag, 9. März, 12 Uhr bis 18 Uhr. Piers 90, 92 und 94, New York City.

Quelle: F.A.Z.
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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