Jahresgaben der Kunstvereine

Mit ewigem Schnee

Von Brita Sachs
14.12.2018
, 15:23
Die deutschen Kunstvereine verteilen wieder ihre Jahresgaben – natürlich gegen hilfreiches Geld. Hier ein paar Beispiele von diesem beliebten Schnäppchenmarkt

Zuverlässig bieten alle Jahre wieder die deutschen Kunstvereine kurz vor Weihnachten ihre Jahresgaben an. Sie nutzen die Zeit der großen Geschenksuche und auch der Spendenbereitschaft. Denn die erzielten Einkünfte kommen den Vereinen zugute, die dieses Zubrot zu oft knapper Finanzausstattung gut gebrauchen können; manche teilen die Erlöse auch redlich mit den Künstlern. Die Kunstvereinsmitglieder schätzen die Chance, Werke zu einem günstigeren Preis erwerben zu können. Außenstehende bezahlen meist mehr oder unterschreiben parallel zum Kauf noch schnell das Beitrittsformular; das ist dann ein beidseitiges Schnäppchen. Weil die Vereine die Unikate und Editionen ins Internet stellen, muss niemand Sorge haben, etwas Begehrenswertes zu verpassen.

Zur größten, nahezu bombastischen Auswahl hat diesmal der Kunstverein München achtzig in der Stadt aktive oder dort ausgebildete Künstler zusammengetrommelt, und fast alle steuerten drei und mehr Arbeiten bei. Neben allseits bekannten Größen wie Olaf Nicolai oder Michaela Melián brachten sich viele junge Newcomer ein, etwa Ivo Rick. Der 1989 geborene Künstler befasst sich mit der Produktion von Kunstwerken mittels modernster Techniken, die als nicht künstlerisch gelten. Sein entfernt an die Abdeckung einer Lüftungsanlage erinnernder „Vent“, dem – offenkundig nicht zu einem solchen Gerät gehörende – schwarze Kringel entweichen, schnitt Rick mit dem Wasserstrahlschneider aus Stahl und Neopren aus (Auflage5+1AP; 500 Euro). Oder das Künstlerinnenduo Kitty & Joy. Die Meisterschülerinnen von Gregor Hildebrandt fügen mit „Piggy Bill“ ihrem Themenkreis um Kommerz, Konsum und Kunstmarkt eine Dollar-Komponente hinzu: dicke Geldnotenstapel aus glasierter Keramik, die 44,19Euro kosten – was in etwa fünfzig Dollar entspricht.

Während es für den Münchner Direktor Chris Fitzpatrick nach vier Jahren die letzte Jahresgaben-Runde ist – im Frühjahr kehrt er nach San Francisco zurück –, absolviert die neue Direktorin des Kölnischen Kunstvereins, Nikola Dietrich, ihre erste: Von Julien Ceccaldi, einem Manga- und Comic-Adepten, dem ihre Auftaktausstellung in Köln galt, gibt es das Gemälde „Welcoming Mirage“ zu kaufen. Die bizarre Bühnensituation zeigt einen langen, von Skeletthänden gerafften Rock, der statt eines Vorhangs den Blick auf ein verschrecktes Männlein freigibt (Unikat; 11000 Euro). Nur auf den ersten Blick bodenständiger erscheint „Emanations of the Earth“ von Mark Dion, der von seinen Arbeiten sagt, sie seien „nicht über die Natur, sondern über die Idee von Natur“. In eine Schachtel legte er vier handbemalte Gipsabgüsse erfundener molchartiger Kreaturen, die sich auf die „Würzburger Lügensteine“ beziehen – bekannte Fossilienfälschungen, die Anfang des 18.Jahrhunderts der Würzburger Professor Johann Beringer ankaufte (Auflage 16+7AP; 1200 Euro).

Auffallend viele Künstler der diesjährigen Runde benutzten Gips und Keramik, diese willigen Stoffe. Darunter Aaron Angell, der dem Freiburger Kunstverein eine Steinzeugplastik überließ. Angell, den „The Telegraph“ wegen seines Interesses an Hobbykultur und anderen Rändern der Kunst das „enfant terrible of the current British ceramics renaissance“ nennt, modellierte eine Gruppe floraler Gebilde auf schmalen Stämmen, die Palmen und Sukkulenten ähneln, und überzog sie mit poriger Shino- und dunkler Eschenascheglasur (Unikat; 1000Euro). Wer lieber Flachware möchte, ist im Kunstverein Hannover richtig, dem schrieb das Künstlerkollektiv Slavs&Tatars „Steppe Momma’s Milk“ hinter spiegelndes Glas und malte stilisierte milchverströmende Euter dazu. Das Motiv ist ein Relikt der großen Ausstellung dieser gewitzten Befrager eurasischer Kulturen im Haus (Auflage 3+1AP; 3300 Euro).

Ausgefallene Flachware ersannen Nicola Gördesund Stella Rossié für den Hamburger Kunstverein: Während eines Reisestipendiums in Detroit angekommen, fiel den jungen Künstlerinnen auf, dass in der ehemaligen „Motor City“, dem heruntergekommenen Ex-Zentrum der amerikanischen Autoindustrie, ausgerechnet die Autos zu angeschlagenen, selbstgeflickten Mahnmalen des Niedergangs mutiert sind. Große Stücke Autofolie, die mit Löwenköpfen oder züngelnden Flammen bedruckt dem „Verschönern“ von Autos dienen, versahen sie mit Motiven von Kratzern, Beulen, Rost und mit Klebeband zusammengehaltenen Fensterscheiben. Mit 250Euro ist man dabei („TÜV Nord“, vier Motive, Auflage je 6). Zärtlich meint es das Damenduo „Fort“ mit den Hamburger Kunstvereinsmitgliedern, ihre Fotografie-Serie handelt von kuscheligem Löffelchenliegen zweier Erdnussflips (6 Unikate, je 1200 Euro).

Zum Benutzen, genauer zum Schmücken und Schützen von Kopf oder Hals sind Seidenkarrees einsetzbar, die Šejla Kamerić der Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK) gemacht hat: Allerdings geht es doppelbödig zu auf den bunten Schals der aus Sarajevo stammenden und dort sowie in Berlin lebenden Künstlerin. Bei genauem Hinsehen zeigen die Rapportmuster Gesichter von Menschen, die in Billiglohnländern unter miserablen Bedingungen Luxusgüter herstellen (3 Unikate; je 500Euro). Auch in Bremen steht ein Direktorenwechsel an. Nach zehn Jahren bei der GAK übernimmt Janneke de Vries die Leitung der Weserburg, ihr folgt Regina Barunke. Im Neuen Berliner Kunstverein (N.B.K.) handelt eine Gemeinschaftsarbeit des Künstlers Éric Baudelaire und der Designerin Sonia Ahmimou ebenfalls von Luxusprodukten und ihrer komplizierten Nähe zu Kunst als Statussymbol. Ahmimou arbeitete lange Jahre für Marken wie Hermès und Louis Vuitton, ehe sie ihr eigenes Taschenlabel gründete. Für „One Hollow Brick“ wurden in der Villa Medici in Rom gefundene Ziegelsteine in eine Tasche aus edlem Leder eingenäht, ein Henkel zum Tragen ist auch dran, öffnen lässt sie sich aber nicht – es sei denn, man zerstört das Werk (3 Unikate; je 5600 Euro). Unumwunden gibt der Koffer von Guillaume Bijl seinen makabren Inhalt preis, auf rotem Stoff liegt da ein täuschend echter Menschenarm aus Plastik. Die Composition trouvée stammt von 1990 (Auflage 10 + 2AP; 1200 Euro).

Der Neue Essener Kunstverein (NEK) gründete sich erst im vorigen Jahr, bekam aber bereits Jahresgaben von achtzehn Künstler gestiftet. Mit dabei sind Fotogrößen wie Joachim Brohm, der mit Motiven seiner Werkgruppe „Ruhrstadt“ Bezug auf die Region nimmt. Man sieht schäbige Ecken und skurrile, angestaubte Schaufensterauslagen, die den Status quo der Jahre zwischen 1988 und 1992 einfangen (Abzüge von 1990, Auflage 3+1AP; 900Euro). Sonnig gelb und orange leuchten Daphne Ahlers’ „Nachtlichter“ aus großen Latex-Gesichtsmasken. Dass sich die Künstlerin in ihren soft sculptures „mit Symbolen, Formen und Techniken beschäftigt, die im weitesten Sinne mit weiblicher Gegenmacht in Zusammenhang stehen“, sieht man den Leuchten nicht unbedingt an; bewiesen hat sie es aber in ihrer vom NEK ausgerichteten ersten Einzelausstellung (6 Unikate; 400 Euro).

Wenn wir schon kaum noch Schnee haben, brauen wir uns eben welchen, wird sich Miriam Jonas gedacht haben. Im Westfälischen Kunstverein in Münster hängte sie – wie zum Trocknen – Wollsocken auf die Leine, an denen täuschend echt wirkende Schneebröckchen kleben. Die Künstlerin nahm kristallisierendes Kaliumaluminiumsulfat, vulgo Alaun, zu Hilfe, das selbst neben dem Kamin die Illusion ewigen Schnees aufrechterhält (Auflage 6; je 350 Euro).

Quelle: F.A.Z.
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