Kunstmesse Art Basel

Zeit, zu handeln wie früher

Von Ursula Scheer, Basel
17.06.2022
, 18:54
Die Art Basel zeigt sich in ihrer Heimatstadt postpandemisch stark. Doch ist sie das wirklich? Und was bietet die wichtigste Kunstmesse dem Publikum?
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In den Wind spucken und auf das Beste hoffen, das empfiehlt Lawrence Weiner allen, die über den Messeplatz in die Hallen der Art Basel strömen. Dem Hüpfspiel „Himmel und Hölle“ gleicht die Bodeninstallation des vor wenigen Monaten gestorbenen Konzeptkünstlers und lädt zum Mitmachen ein: Spielerisch kann man eine Position einnehmen und Richtung Zukunft hopsen, die immer außer Sicht liegt. Vielleicht ist es dieser Tage zu heiß für solcherlei Gymnastik; wahrscheinlich ist der Wille, endlich Kunst sehen, kaufen oder verkaufen zu können wie vor der Pandemie, übergroß. Zielstrebig eilen die Menschen über die auf den Asphalt gemalten Kästchen jedenfalls dorthin, wo es zur Sache geht: zu den Ständen von 289 Galerien aus fünf Kontinenten mit Arbeiten von mehr als viertausend Künstlern.

Das ist ziemlich genau vorpandemisches Niveau für die wichtigste Kunstmesse der Welt an ihrem Heimatstandort, die dort erst einmal ausfallen und danach unter Corona-Auflagen verschoben werden musste. Nun, da in der Schweiz alle Beschränkungen gefallen sind, kehrt sie zum Juni-Termin mit voller Kraft zurück; die Kernmarke einer Messegesellschaft auf Wachstumskurs, die mit einem angekündigten Ableger in Paris ihre Ambitionen gerade erst untermauert hat.

Doch Wachstum braucht Kapital, gerade angesichts pandemiebedingter Einbrüche, die in Hongkong dieses Jahr noch deutlich spürbar waren. Flüssig ge­halten wurde die MCH Group von James Murdoch, dessen Lupa Systems 2020 satte 48 Millionen Franken investierte und gut 32 Prozent der Anteile hält. MCH strukturierte um, Florian Faber wird bald neuer CEO. Doch das reicht nicht, eine Kapitalerhöhung zwecks Liquiditätssicherung muss her. 34 Millionen Franken will Lupa Systems geben. Der Kanton Basel-Stadt, der zweite Ankeraktionär, soll ebenso viel beisteuern. Unterdessen, be­richtet die „Basler Zeitung“, bekundet der Investmentfonds Xanadu Alpha wieder einmal Interesse, die Art Basel zu kaufen. MCH winkt ab und bekräftigt ebenso wie der Direktor der Art Basel, Marc Spiegler, das Bekenntnis zum Standort am Rhein.

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„How To Grow in Times of Change“, wie man in Zeiten des Wandels wachsen kann, steht als Frage auch über dem Parcours von 21 Interventionen, mit der die Art Basel sich in der Innenstadt verankert. Wörtlich nimmt das der Mexikaner Bosco Sodi, vertreten von der König Gallery (Berlin, London, Seoul, Wien) und Kasmin (New York). Er lässt Besucher seiner Installation „Tabula rasa“ Tonkugeln mit Samen nach Hause nehmen. Alicia Kwade, ebenfalls vertreten von König, lädt derweil in einem verschwiegenen Garten zur Meditation über unseren Sitz im Universum ein: Acht Steinkugeln, einzeln auf, in oder unter einen bronzenen Stuhl montiert, können in ihrer Installation „Les Sieges des Mondes“ (520.000 Euro) für Planeten stehen, verdichtete Jahrmillionen, die Unmöglichkeit der Verortung. Zeitloser geht es kaum. Auf aktuellen Diskussionen fußt dagegen die Bronzeskulptur einer nackten Transperson, das Selbstporträt der Künstlerin Puppies Puppies. In den Sockel ist das Wort „Woman“ eingraviert. Die Galerien Balice Hertling (Paris), Francesca Pia (Zürich) und Barabara Weiss (Berlin) stehen dahinter.

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Nicht allzu politisch

Denkmäler neu denken – auf der Messe stellt das in der Sektion „Unlimited“ mit siebzig Großprojekten der Amerikaner Thomas J Price (Hauser & Wirth, Zürich) aus. Seine 2022 geschaffene dreieinhalb Meter hohe Figur einer Afroamerikanerin folgt überkommenen Mustern der Repräsentation und überwindet sie zugleich. Schattenrisse von Statuenstürzen, wie wir sie im Gefolge der „Black Lives Matter“-Bewegung gesehen haben, sind Diedrick Brackens’ Wandbehängen eingewebt (Jack Shainman, New York). Das antikoloniale Thema kehrt wieder im „Statements“-Bereich für junge Künstler mit einem Puppentheater von Da­niela Ortiz (Galerie Lave­ro­nica, Modica), das mit den Mitteln naiver Kunst Ausbeutung anprangert.

Die Art Basel zeigt sich bemüht, eine Vielfalt von Per­spektiven zu fördern, ohne politisch oder aktivistisch aufgeladen zu wirken. Zugleich bekundet sie durch Worte und Spenden Solidarität mit der Ukraine und hat Pussy Riot für ein Benefizkonzert zugunsten des überfallenen Landes eingeladen. Man verspricht zudem, klimafreundlicher zu werden, und hat als Zeichen dafür von Enzo Enea Bäume im Innenhof platzieren lassen, die allerdings schon etwa schlapp wirken.

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An den Ständen der Megagalerien

Echte Glanzlichter scheinen abseits offensichtlicher Agenda-Setzungen auf. Unter den Megagalerien prunkt Hauser & Wirth mit einer monumentalen Bronzespinne von Louise Bourgeois aus dem Jahr 1996, unter der sich das Publikum wie in einem Pavillon versammelt. Verkauft wird sie am ersten Preview-Tag für 40 Millionen Dollar. Bekanntlich hat vieles auf der Messe schon den Besitzer gewechselt, bevor Besucher in die Hallen kommen. Die Kunsthändlerin Dominique Levy, die mit ihren Kollegen Amalia Dayan, Brett Gorvy und Jeanne Greenberg vergangenes Jahr in New York die Galerie LGDR gründete, berichtet von robustem Sammlerinteresse vor allem aus Europa. Kein Wunder, kommen doch mehr als zwei Drittel der Aussteller vom alten Kontinent; 44 deutsche Galerien sind dabei. Unter den Sofortverkäufen am Stand von LGDR, einer Huldigung an die Kunst der Sechzigerjahre, gehört ein Willem de Kooning für 2,9 Millionen Dollar. Noch musealeren Charakter hat der Auftritt von Landau Fine Art, wo Picasso zwischen einem Who’s who anderer Avantgardisten hängt. Thaddaeus Ropac (London, Salzburg, Paris, Seoul) setzt am Eröffnungstag fast acht Millionen Dollar um, wozu Werke von Georg Baselitz we­sentlich beitragen.

Neben dem Höchstpreishandel mit Bewährtem besticht Unerwartetes, Neues, Ungesehenes – und das muss nicht Marina Abramovićs erstes NFT oder Albert Oehlen als zeichnender Avatar sein. Neunzehn Newcomer sind dabei. Die Galeristin Mariane Ibrahim (Chicago, Paris) überzeugt bei ihrem Debüt mit einer vom Jazz-Label Blue Note inspirierten Auswahl von Gemälden, darunter Ar­beiten von Amoako Boafo und Ra­phael Barontini. Sies + Höke (Düsseldorf) zeigt bisher unentdeckte Entwurfszeichnungen von Gerhard Richter aus dem Jahr 1986. Sprüth Magers (Berlin, London, Los Angeles) hat Bronzeplatten dabei, in die Jenny Holzer jüngst Auszüge aus amerikanischen Regierungsdokumenten zum Irakkrieg oder „Trump Files“ graviert hat.

Starke Anziehungskraft auf das Publikum üben auch die großformatigen Seestücke des Kubaners Yoan Capote (Continua, Rom) aus, der Wellen aus Abertausenden Angelhaken formt – das Meer, für Migranten ein wogender Stacheldraht, für Fischer ein Reservoir. Das Aufgebot an hochklassiger Kunst ist wieder enorm, die Investitionsbereitschaft der Sammler ebenso. Alles sieht nach „business als usual“ aus, doch wie viel Wasser die Art Basel wirtschaftlich unter dem Kiel hat, ist nicht ganz so offensichtlich.

Art Basel, Messe Basel, bis 19. Juni, Eintritt 65 Franken

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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