„Liste Art Fair Basel“

Ein Stern für junge Kunst

Von Brita Sachs, Basel
26.09.2021
, 15:26
Kultur-Crossover: „Ich weiß schon, was ich mache“ von  Phung-Tien Phan (6000 Dollar).
Anderer Standort, neues Konzept, viel zu Entdecken: Ein Rundgang über die „Liste Art Fair Basel“.
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Auch die „Liste“ ist zurück und rückt der großen Schwester Art Basel ganz nah: Als deren größte und bei aller Jugendlichkeit im Angebot älteste Parallelmesse belegt sie das Obergeschoss der Halle 1. Ihr Stammquartier, die ehemalige Brauerei Warteck, stand wegen der pandemiebedingten Verschiebung nicht zur Verfügung, aber das Interim in der Halle dürfte vielen gefallen. Joanna Kamm, die 2019 Gründungsdirektor Peter Bläuer ablöste, arrangierte eine übersichtliche und demokratische Anordnung der Stände in einem sternförmig ausstrahlenden Doppelring.

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81 Galerien aus 33 Ländern zeigen „neueste Stimmen in der zeitgenössischen Kunst“, rund ein Viertel von ihnen Erstaussteller. Bekannte Galeristen wie David Zwirner, Neugerriemschneider oder Eva Presenhuber begannen bei der Liste in deren Gründungsjahr 1998, bevor sie zur Hauptmesse wechselten. Viele folgten, zum Beispiel Johann König oder Temnikova & Kasela aus Tallinn, die diesmal bei „Unlimited“ beteiligt sind. Ihre Nachfolgerin auf der Liste ist die Galerie Kogo aus Tartu. Ihren „Gewächshaus“ betitelten Stand füllen naturbewusste Arbeiten von Mari-Leen Kiipli, die Videos menschlicher Körper in Zeitlupenreigen mit Wasser und Gewächsen dreht (ab 3000 Euro), und Eike Epliks zarte Pflänzchen aus Draht (900 Euro), kontrastiert von einem klobigen, als Sinnbild der bedrohten Natur zu verstehenden „Ghost in the Corner“ (5500).

Bei El Apartamento aus Havanna, einer der wenigen in Kuba zugelassenen Privatgalerien, hängen flache Kästen von Ariamna Contino. Ihren Reliefbildern gibt sie Tiefe durch viele Schichten weißen Papiers, aus denen sie wuchernde Fauna schneidet (2500 bis 12.000 Dollar). Viel Malerei ist geboten. Bei Francisco Fino aus Lissabon führen Gabriel Abrantes’ surreale Gestalten schräge Tänze auf kühler Spiegelglätte auf. Manpower ist für Ihsan Oturmaks „Alternative Resources“ gefragt; Öktem/Aykut aus Istanbul hängen ihre Ölbilder von dicken Autos, die, auf der Strecke gebliebene Macht- und Kraftsymbole, von rackernden Menschen angeschoben werden müssen.

Schon am ersten Previewtag hatte Galleria Laveronica sämtliche Bildserien der Peruanerin Daniela Ortiz verkauft, deren Pseudonaivität an Votivbildchen erinnern. Ortiz illustriert das Gedeihen tropischer Pflanzen, wie Kolonialherren des 19. Jahrhunderts sie in Europas botanische Gärten „entführten“, durch den blutigen „Dünger“ der unterdrückten Völker. Nicht alles auf dem Parcours überzeugt, manches nervt mit lautem Eindruckheischen, anderes mit infantiler Bastelei, aber das schwächt kaum die insgesamt positiven Eindrücke. Zu ihnen zählt die Kölner Galerie Drei mit Phung-Tien Phan. Als Kind vietnamesischer Eltern 1983 in Essen geboren, kreuzt die Künstlerin in ihren Arbeiten zwei Kulturen. Farblich abgestimmt auf die lila Orchidee, die aus der Espressomaschine wächst, baumeln in ihrer Installation „Ich weiß schon, was ich mache“ fliederfarbene Woks und Pfannen neben einem Damenmantel. Aus dem Alltag gegriffen, meditieren solche Arrangements freundlich ironisch über kulturelle Referenzen (6000).

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Bei der Galerie Super Dakota aus Brüssel kann man für 2000 Euro eine maßgefertigte Bomberjacke bestellen. Die !Mediengruppe Bitnik, Expertin fürs Digitale, wertet dafür persönliche Daten aus den sozialen Netzwerken mithilfe eines kommerziellen Algorithmus aus und druckt die Ergebnisse der tiefheimlichen Ausforschung auf die Jacke. Auch als Tapete ist die Spezialanfertigung zu haben (10.000).

Halle 1.1 der Messe Basel, bis 26. September, Eintritt 20 Franken.

Quelle: F.A.Z.
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