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Kunstmessen in Paris

Die schönsten Blätter des Frühlings

Von Bettina Wohlfarth
 - 15:40
Bill Woodrow, „Small Stuenes Oscillator 5, 2008“ Ölfarbe auf bedruckten Stoff, 34,5 mal 74,5 Zentimeter, 10.000 Euro bei Caroline Smulders Art.

Die Frühlingssonne strahlt über der Pariser „Woche der Zeichnung“ in die ehemaligen Markthallen des Carreau du Temple, wo „Drawing Now“ nun zum 13.Mal stattfindet, und lässt die oft farbenfrohen zeitgenössischen Werke auf Papier erstrahlen. Im Palais Brongniart tritt der Besucher aus dem grellen Tagesgeschehen in die gedämpfte Atmosphäre des Salon du Dessin. Dort treffen sich die Kenner edler Blätter, von den Alten Meistern bis zur Klassischen Moderne und, gering dosiert, auch Nachkriegsmoderne. Museumskuratoren und Sammler aus aller Welt können darauf zählen, dass die ausgewählten 39 Galerien ihre wichtigsten Arbeiten zur Messe mitbringen.

Zu dieser 28.Ausgabe treten vier Händler zum ersten Mal an. Darunter die Galerie von Christopher Bishop aus Milford, Connecticut: Am Stand fällt der Blick sofort auf eine ungewöhnlich große Tuschezeichnung von François Boitard. Die Studie für einen Druck stellt einen figurenreichen, dynamischen römischen Triumphzug dar (um 63.000 Euro). Eine Rötelzeichnung des Guercino mit Loth und seinen Töchtern wird für fast 190.000 Euro angeboten. Der italienische Barockmaler ist mit einigen Zeichnungen zu sehr unterschiedlichen Preisen vertreten. Die virtuoseste seiner Studien hängt bei Terrades aus Paris, mit einer dramatischen Lucretia, die sich ein Messer in die Brust sticht; Linienführung und Rhythmus dieser wundervollen kleinen Federzeichnung sind verblüffend (38.000 Euro). Die kleine Rötelstudie eines jungen Mannes von Antoine Watteau (160.000 Euro) besticht durch ihre Details: den Schnallenschuh, die lebendige Geste, die seltsame Position oder eine versehentliche rote Farbspur. Hier spürt man die Zeichnung – wie bei der Lucretia von Il Guercino – als einen impulsiven kreativen Akt, derart spontan fließt die Absicht des Malers oder das geistige Bild, das ihm vorschwebt, über seine Hand auf das Blatt.

Auch die Galerie Grand-Rue aus Genf ist zum ersten Mal auf dem Salon du Dessin. Sie ist insbesondere auf Veduten der Künstler spezialisiert, die die Grand Tour angetreten haben. Maler wie der Engländer David Roberts hielten ihre Eindrücke in Zeichnungen fest, die sie oft in situ entwarfen. Ganz im Stil des Orientalismus und bevor er in Mode kam, führte Roberts in den dreißiger Jahren des 19.Jahrhunderts eine detailreich aquarellierte „Raststation in der Wüste“ aus (43.000 Euro). Martin Moeller aus Hamburg bringt in jedem Jahr hervorragende Blätter deutscher Maler zum Salon: Diesmal zeigt er Zeichnungen vom ausgehenden 18. bis zum Ende des 19.Jahrhunderts, darunter zwölf Menzel-Blätter (Preise von 25.000 bis 58.000 Euro) und Werke von Otto Greiner. Vom Frühromantiker Philipp Otto Runge stammt eine bezaubernde Collage mit der weißen Silhouette einer Mohnblume auf hellblauem Papier (78.000 Euro).

Eine Wiederkehrerin nach einigen Jahren Pause ist die Galerie Wienerroither& Kohlbacher aus Wien. Sie ist auf die österreichische Moderne spezialisiert und hat zum Salon du Dessin Zeichnungen von Gustav Klimt, Alfred Kubin und Egon Schiele mitgebracht. Die emotionsgeladene Momentaufnahme eines „Stehenden Mädchens, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend“ von Schiele befand sich einst in der Sammlung des Galeristen und eminenten Schiele-Spezialisten Serge Sabarsky; mit 1,7 Millionen Euro gehört das Aquarellblatt zu den teuersten Werken der Messe. Bei Arnoldi-Livie aus München fällt neben wunderbar goldgelben Sonnenblumen von Emil Nolde eine Kirchner-Zeichnung auf mit „Badenden am Strand von Fehmarn“ in seinem ganz typischen, kantigen Stil (58.000 Euro).

Der Salon du Dessin hat in fast dreißig Jahren dazu beigetragen, die Zeichnung aus ihrer intellektuellen Nische zu befreien. Und Drawing Now, die Messe für zeitgenössische Zeichnung, die vor dreizehn Jahren von Christine Phal und Carine Tissot ins Leben gerufen wurde, hat mit ihren gut siebzig Galerien aus fünfzehn Ländern ein optimales Format. Im Carreau du Temple lassen sich junge neben etablierten Künstlern entdecken und schon um tausend Euro herrliche Blätter erwerben. Die Preise können bei namhaften Künstlern durchaus in die Höhe schnellen. So zeigt die Galerie Lelong, Paris und New York, Zeichnungen aus dem Zyklus „Figures de l’extase“ von Ernest Pignon-Ernest (von 9.000 bis 60.000 Euro). Auch Jean Bedez, bei Suzanne Tarasiève aus Paris, gehört zu den reinen Zeichnern, die, überzeugt von diesem Medium, mit nichts anderem als dem Bleistift auf Papier arbeiten. Sein von Fragonards „Die glücklichen Zufälle der Schaukel“ inspiriertes Diptychon wird mit 80.000 Euro beziffert. Eine ganz andere Welt auf Papier zeigt die Galerie Karsten Greve mit ihrer Solo-Schau der abstrakten Künstlerin Pierrette Bloch, die 2017 im Alter von 89 Jahren verstorben ist (von 18.000 bis 62.000 Euro). Ihr hartnäckig minimalistisches, poetisches und radikales Werk ist endlich dabei, auch offiziell in die Kunstgeschichte einzugehen.

Gemeinsam mit der Galerie Thaddaeus Ropac stellt die Pariser Galeristin Caroline Smulders Zeichnungen der drei großen britischen Bildhauer Bill Woodrow, Richard Deacon und Antony Gormley aus. Alle drei gehören zur selben Generation und studierten am Saint.Martins College in London. Für Drawing Now hat Smulders sie zum ersten Mal vereint und macht deutlich, wie sehr Zeichnungen die bildhauerische Arbeit der Künstler begleiten (von 10.000 bis 30.000 Euro). Martin Kudlek aus Köln stellt den britischen Künstler Jonathan Callan aus. Papier und Bücher gehören zur Grundlage seiner „zeichnerischen Skulpturen“, bei denen mit Laser quergeschnittene Papierkompressionen unglaublich feine Linienmuster ergeben (von 3500 bis 6250 Euro). Die Künstlergruppe JAK, bei der Galerie Sturm& Schober aus Stuttgart und Wien, fertigt kleine, farbige Kuben aus Epoxidharz, in die winzig gezeichnete Szenen eines mysteriösen, derzeit in Arbeit befindlichen Films eingelassen werden; Als Mobile gehängt, ergeben sie ein leichtes lyrisches Ensemble (18.000 Euro). Die Entdeckungen bei Drawing Now sind zahlreich: So faszinieren bei Martin Mertens aus Berlin die abstrakten Muster, die Felix Baxmann mit Tintenstift zaubert. Sie entfalten einen Reliefcharakter und ihre wie fühlbare Stofflichkeit (von 950 bis 3000 Euro).

Salon du Dessin. Im Palais Brongniart; bis zum 1.April. Von 11 bis 20 Uhr, am Montag von 12 bis 19 Uhr. Eintritt mit Katalog 15 Euro.

Drawing Now. Im Carreau du Temple; bis zum 31.März. Von 11 bis 20 Uhr, am Sonntag von 11 bis 19 Uhr. Eintritt 16 Euro, mit Katalog 22 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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