Bilanz der Auktionen

In London lockt das mittlere Preissegment die Bieter an

Von Anne Reimers, London
30.06.2018
, 10:00
Bei den Frühjahrsauktionen mit Moderne und Gegenwartskunst bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips hat sich gezeigt, dass die Bieter wählerischer werden. Zunehmend erringen Arbeiten auf Papier und Skulpturen Rekorde. Eine Bilanz.

Auch die prestigeträchtigen Abendauktionen in New York oder London können längst nicht alles veredeln; man ist wählerischer geworden. Marktfrische Spitzenstücke bleiben gefragt, zunehmend erringen Arbeiten auf Papier und Skulpturen die Rekorde.

Der Abend mit Impressionismus und Moderne bei Sotheby’s in London hatte mit einem Umsatz von 99,7 bis 124,6 Millionen Pfund gerechnet. Der Erlös blieb jedoch mit 87,49 Millionen Pfund deutlich hinter den Erwartungen zurück; denn zehn von 36 Losen im Angebot blieben unverkauft. Am folgenden Abend bei Christie’s konnte der versammelte Kunsthandel dann wieder aufatmen. Dort fanden 37 von 44 Losen Käufer. Die Erwartung hatte bei 96 bis 134 Millionen Pfund gelegen; 128,08 Millionen Pfund wurden umgesetzt. Dreißig der 37 Lose erzielten Hammerpreise innerhalb ihrer Taxen oder darüber. Christie’s hatte nur zwei Garantien vergeben müssen und konnte sie durch dritte Parteien finanzieren lassen.

Dabei begann es bei Sotheby’s vielversprechend: Eine wunderbare marktfrische Papierarbeit mit zwei Liebenden in Blau von Chagall, „Le baiser oder Les amoureux en bleu“ stieg auf 960.000 Pfund (Taxe 300.000/500.000). Gleich im Anschluss war Matisse’ „Porträt von Mrs Hutchinson“mit 2,6Millionen Pfund (2/3 Millionen) erfolgreich. Leben kam in den Saal, als Wassily Kandinskys Porträt seiner Partnerin, „Gabriele Münter im Freien vor der Staffelei“, ehemals in der Sammlung des Malerkollegen Alexej von Jawlensky, aufgerufen wurde. Bei 4,5 Millionen Pfund (3/5 Millionen) fiel der Hammer dafür.

Sotheby's musste viele Garantien vergeben

Sotheby’s hatte außerdem das teuerste Los der Woche als Zugpferd: Picassos „Buste de femme de profil (Femme écrivant)“ von 1932; die Taxe lag „um 33 Millionen Pfund“. Ein Sammler, mit dem Amy Cappellazzo von Sotheby’s am Telefon animiert diskutierte, ließ sich nicht zu dem offenbar erwarteten Gebot bewegen, daher ging das Bild für 24 Millionen Pfund an seinen externen Garantiegeber.

Sotheby’s hatte überhaupt viele Garantien vergeben müssen. Acht von insgesamt dreizehn Garantien musste das Haus selbst übernehmen, darunter auch für zwei Monets aus einer amerikanischen Privatsammlung, die zu teuren Rückgängen wurden. Pissarros „Le Boulevard Montmartre, brume du matin“ aus derselben Sammlung wurde für 2,9 Millionen Pfund (3/5 Millionen) am Telefon vermittelt. Das zweitteuerste Los, Alberto Giacomettis Bronze „Le Chat“, war aus der New Yorker Auktion im Mai zurückgezogen worden – und wurde jetzt mit reduzierter Taxe „um zehn Millionen Pfund“ angeboten.

Sie war, so hieß es bei Sotheby’s, nicht früh genug in New York angekommen, um sie ausreichend vorführen zu können. Offensichtlich brauchte die Auktion in London den Giacometti auch als Umsatzspritze. „Die Katze“ ging für elf Millionen Pfund weg, bewilligt durch eine Mitarbeiterin der Galerie Hauser& Wirth im Saal. Zu den Losen, die nicht den Anforderungen genügten, gehörten ein paar stumpf wirkende Impressionisten und wenig bemerkenswerte deutsche Arbeiten von Max Liebermann, Franz Marc, August Macke und ein später Emil Nolde, die alle unverkauft blieben.

Die Abendauktion bei Christie’s dann zeigte, dass diese Rückgänge nicht an den Namen der Künstler, sondern an der Auswahl lagen. Denn hier war der deutsche Expressionismus, allen voran Franz Marc, heiß begehrt. Adrien Meyer, Chef der Abteilung Privatverkäufe in New York, setzte sich gegen wenigstens fünf Bieter, darunter die Acquavella Galleries, für Marcs leuchtende „Drei Pferde“ von 1912 durch. Der Hammer fiel erst bei 13,5 Millionen Pfund (2,5/3,5 Millionen), bewilligt vom amerikanischen Kunsthändler Jeffrey Loria (F.A.Z. vom 23.Juni). Zuvor war Conrad Felixmüllers Porträt „Mein Bruder – Bergingenieur“ über seine obere Taxe von 300.000 hinaus auf 500.000 Pfund geklettert.

Christie's verkaufte ein Drittel der Lose nach Asien

Chagall war auch bei Christie’s erfolgreich mit einem sommerlichen Blumenarrangement „La chaise à Toulon/Les fleurs du Mourillon“, das auf 2,6 Millionen Pfund (1,2/1,8 Millionen) stieg. Für Picassos mit einer Garantie abgesicherte, thronende „Femme dans un fauteuil (Dora Maar)“ bot ein Sammler am Telefon erfolgreich siebzehn Millionen Pfund (18/25Millionen). Picassos leblos braun-graue „Tête d’homme“ (2,5/3,5Millionen) blieb dagegen unverkauft.

Für eine frühe „Landschaft“ von Kasimir Malewitsch genügte ein Gebot von nur 6,8Millionen Pfund (7/10 Millionen) – trotzdem ist das der Rekord für eine Papierarbeit des Künstlers. Ihre Taxen weit hinter sich ließen Egon Schieles „Kniendes Mädchen, sich den Rock über den Kopf ziehend“, das für 1,3 Millionen Pfund (450.000/650.000) nach Asien wandert, und eine 86,4Zentimeter hohe Version von Rodins berühmtem „Baiser“, bei dem sich Elaine Long, Vizepräsidentin von Christie’s Asia, mit elf Millionen Pfund (5/7 Millionen) gegen den Osloer Händler Ben Frija durchsetzte.

Ein Sammler an Longs Telefon kaufte auch alle vier Bronzeplastiken von Camille Claudel, zu Hammerpreisen von 300.000 bis 950.000 Pfund. Das Spitzenlos, Monets „La Gare Saint-Lazare“ aus der Sammlung von Perry Bass, eine von zwölf Versionen des Motivs, erzielte 22Millionen Pfund (20/28 Millionen). Christie’s verkaufte ein Drittel der Lose nach Asien, 27 Prozent nach Amerika und 41 Prozent innerhalb Europas.

Mehr Umsatz bei den Zeitgenossen

Bei den darauffolgenden Zeitgenossen-Auktionen wendete sich das Blatt für Sotheby’s, und Phillips legte gleich nach: Beide Häuser setzten deutlich mehr um als in der vorigen Saison und teilten sich erfolgreich den Kuchen, den Christie’s verschmähte, als die Firma ihre Abendauktion des Sommers aus dem Kalender strich.

Sotheby’s setzte mit 43 Losen des Abends 110,2 Millionen Pfund um, zusammen mit der Tagauktion 125,3 Millionen; das ist eine Steigerung von 65 Prozent gegenüber 2017. Phillips erzielte 34,4 Millionen Pfund mit 31 Losen, das sind 41 Prozent mehr als im vorigen Sommer; zusammen mit der bisher erfolgreichsten Tagauktion für Phillips in London liegt der Umsatz bei 45,17Millionen Pfund.

Wäre bei Sotheby’s nicht das zweitletzte Los zurückgegangen, hätte Auktionator Oliver Barker mit einer Verkaufsquote von hundert Prozent triumphiert. Allerdings hatte Sotheby’s mehr als die Hälfe der Lose mit Garantien abgesichert. Ein „White Glove“-Sale, also eine Auktion völlig ohne Rückgänge, gelang stattdessen Phillips. Das war übrigens noch nie zuvor bei einer, aus unterschiedlichen Sammlungen zusammengestellten Abendauktion in London gelungen. Die Erfolgsformel von Phillips lautete Qualität kombiniert mit Marktfrische, besonders aber Attraktivität an der Wand – von lyrischen silbrig-grauen Farbrinnsalen auf Leinwand von Pat Steir über ein meerblaues Streifenbild von Sean Scully bis hin zu weißen Kringeln von Yayoi Kusama.

Basquiat geht immer noch

Der Abend bei Sotheby’s begann stark, als gleich die ersten vier Lose zu Hammerpreisen über ihren Taxen verkauft wurden. Darunter war Sam Gilliams leuchtende Abstraktion „Forth“ aus dem Jahr 1967, die mit einem Hammerpreis von 750.000 Pfund (400.000/600.000) einen neuen Rekord für den afroamerikanischen Maler aufstellte, bewilligt von einem asiatischen Sammler. Seine derzeitige Retrospektive im Kunstmuseum Basel mag dabei geholfen haben, wobei Gilliam schon seit Jahren im Markt sehr geschätzt wird. Ein positives Signal war auch, dass das Spitzenlos oberhalb seiner Garantie vermittelt werden konnte: Erst bei 19,7 Millionen Pfund (17/20 Millionen) fiel der Hammer für Lucian Freuds Akt „Portrait on a White Cover“ zugunsten eines Telefonbieters, gegen die Acquavella Galleries.

Jean-Michel Basquiat geht immer noch. Der marktfrische orangefarbene „Untitled“-Schädel, gemalt auf Papiercollage auf Leinwand, stieg bis auf 12,8 Millionen Pfund; die obere Taxe lag bei zehn Millionen. Es war eines von zehn Werken aus einer ungenannten New Yorker Privatsammlung; Artnet zufolge ist der Einlieferer Michael Lynne, der Produzent der „Herr der Ringe“-Filme.

Alle zehn Bilder gingen über ihren Taxen weg, darunter Cindy Sherman, Eric Fischl und Kara Walker sowie Elizabeth Peytons Porträt des launischen „Sid Vicious Arrested, Chelsea Hotel“, bei dem sich ein Telefonbieter in Asien mit 900.000 Pfund (400.000/ 600.000) gegen Gebote von Galerist Thaddaeus Ropac im Saal durchsetzte. Sotheby’s hatte auffällig viele zeitgenössische Amerikaner im Programm, weniger als sonst üblich sah man von deutschen Künstlern.

Abstrakte Malerinnen bei Phillips erfolgreich

David Hockneys „Double East Yorkshire“ war zwar nicht so gefragt wie seine Version des „Pacific Coast Highway“ in ähnlichem Stil, die in New York mit dem Rekordzuschlag von 25 Millionen Dollar Furore machte, immerhin erreichte das Gemälde mit 9,8Millionen Pfund fast seine untere Taxe. Der Schauspieler Michael Caine hatte eine Arbeit auf Papier von Hockney eingeliefert, die ihn mit Freunden in einer Brasserie zeigt; die prominente Provenienz trieb den Preis auf 700.000 Pfund (300.000/500.000). Peter Doigs marktfrische „Daytime Astronomy (Grasshopper)“ kam in wohnungstauglichem, statt in riesigem, Format daher, und ein Sammler bot 6,6 Millionen Pfund (6/8 Millionen) dafür. Ein fleischtoniges Gemälde von Cecily Brown, „Where they are now“ ging für 780.000 Pfund (600.000/800.000) nach Asien.

Bei Phillips waren abstrakte Malerinnen erfolgreich. Pat Steirs „Calming Waterfall“ wurde komfortabel innerhalb seiner Schätzung für 310.000 Pfund (25.000/ 350.000) verkauft. „Champs“, ein monumentales Hochformat mit fließenden Pinselspuren in Blau auf Weiß von Joan Mitchell, kletterte mit 2,65 Millionen Pfund knapp über seine untere Taxe hinaus. Sean Scullys Streifen „Landline Green Sea“ wurden von fünf Bietern gejagt, erst bei einer Million Pfund (600.000/ 800.000) fiel der Hammer.

Martin Kippenberger wird schon länger weltweit gesammelt: Sein spätes Selbstporträt als leidender Schiffbrüchiger aus der Sammlung von Marcel Brient ist kein einfaches Sujet, allerdings mit Gold- und Blautönen, die „Ohne Titel (aus der Serie Das Floss der Medusa)“ visuell anziehend machen. Um sieben Millionen Pfund waren dafür verlangt. Der Galerist Per Skarstedt wurde erst nach langem Gefecht bei 7,3 Millionen Pfund von einem Telefonbieter ausgestochen.

Wichtiges Zeichen der Gesundheit des Markts ist der Erfolg des mittleren Segments, mit Preisen zwischen einigen hunderttausend und zwei Millionen Pfund. Dort kann eine breitere Gruppe kaufen als bei zweistelligen Millionensummen. Das bestätigte auch das neue Juni-Format von Christie’s, die Tagauktion „Postwar to Present“ mit Preisen zwischen einigen tausend und drei Millionen Pfund, das positiv von Sammlern aufgenommen wurde. Der Umsatz entsprach der oberen Erwartung, mit insgesamt 12,7 Millionen Pfund; 92 Prozent der Lose wurden vermittelt.

Quelle: F.A.Z.
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