Picasso-Versteigerung

Sie setzen auf Vielfalt

Von Rose-Maria Gropp
23.08.2021
, 14:06
Pablo Picasso, „Femme au béret rouge-orange“, 14. Januar 1938, Öl auf Leinwand, 46 mal 38 Zentimeter: Taxe 20/30 Millionen Dollar.
Neues Spiel: In Las Vegas werden Werke Picassos aus der Sammlung des Bellagio versteigert. Den Meister umgibt Luxus. Zugleich wird er zum alten weißen Mann, der überrepräsentiert erscheint.
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Da kommt jetzt endlich unübersehbar zueinander, was doch schon länger am Zusammenwachsen ist. Anlässlich von Picassos 140. Geburtstag — er wurde am 25. Oktober 1881 in Málaga in Spanien geboren — wird Sotheby’s am 23. Oktober eine Auktion mit Werken von ihm abhalten – in Las Vegas. Es soll sich, so die Ankündigung, um die größte und bedeutendste Kunstauktion handeln, die jemals in der Wüstenstadt in Nevada stattfand; was man gern glauben will. Versteigert werden elf Gemälde, Papierarbeiten und Keramiken des Meisters aller Klassen aus einem Zeitraum von fünfzig Jahren; die untere Gesamtschätzung ist mit 70,5 Millionen Dollar beziffert. Die Werke kommen aus der Kunstsammlung der MGM Resorts, in deren Besitz auch das Hotel-Casino Bellagio ist, wo die Picassos bisher hingen und wo die Veranstaltung stattfindet.

Es ist eine zusätzliche Pointe, dass dafür im Bellagio der New Yorker Auktionssaal von Sotheby’s nachgebaut wird: die Kulisse in der Kulisse als Beglaubigung der Echtheit. Damit es auch wirklich zur first-of-its-kind art and entertainment experience wird, findet flankierend die Ausstellung einer, wie es heißt, Auswahl der erlesensten Luxusobjekte der Welt statt; sie werden später im Oktober in New York, live und online, auktioniert. Wer könnte bei so viel Glamour schon widerstehen?

Früher gehörten die Picassos, die nun verkauft werden, Steve Wynn, dem einstigen „Casino-Mogul“ von Las Vegas, gemeinsam mit seiner früheren Firma Mirage Resorts. Er hatte die Gemälde in den Neunzigerjahren erworben für das „Picasso Restaurant“ im Bellagio, das er 1998 eröffnete. Dort blieben sie weiterhin bis eben jetzt, auch nachdem das Unternehmen MGM Resorts, das Hotels und Spielcasinos betreibt, im Jahr 2000 Mirage Resorts übernommen hatte.

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Das bedeutendste der Bilder, die versteigert werden, ist „Femme au béret rouge-orange“ von 1938. Es ist ein Porträt von Marie-Thérèse Walter, Picassos Geliebter seit 1927 und Mutter seiner 1935 geborenen Tochter Maya. Die Erwartung liegt bei zwanzig bis dreißig Millionen Dollar. Das Bildnis, das einst Marina Picasso, der Tochter von Picassos Sohn Paulo aus der Ehe mit Olga Khokhlova, gehörte, wurde zuletzt 1987 bei Christie’s in New York für, laut Artprice, 880.000 Dollar versteigert; Steve Wynn kaufte es dann 1998 bei den Acquavella Galleries. Was dieses Porträt der Frau mit der Baskenmütze sehr speziell macht, ist, dass in ihm die Gesichtszüge von Marie-Thérèse Walter mit denen von Dora Maar zu verschmelzen scheinen. Picasso kannte Maar bereits seit 1936 und unterhielt auch mit ihr eine Liaison (während er außerdem weiterhin mit Olga Khokhlova verheiratet war). Bildnisse Walters aus dieser Zeit sind ziemlich selten.

Frühere Werke, auf denen sie Picasso verewigt hat, sind im Kunstmarkt höchstbezahlt, vor allem der erotischen Gestaltung ihres Sujets wegen: „Nu au plateau de sculpteur“ von 1932 kostete im Mai 2010 106,5 Millionen Dollar; „Femme asisse près d’une fenêtre (Marie-Thérèse)“, ebenfalls 1932, im Mai dieses Jahres 103,4 Millionen Dollar (jeweils inklusive Aufgeld). Und man erinnert sich: Zu den Picassos, die früher Steve Wynn gehörten, zählt auch „Le rêve“, das wohl berühmteste Gemälde der in einem Sessel schlummernden jungen Frau – mit der bekanntesten Story: Wynn wollte es 2006 an den Hedgefonds-Manager und Sammlerkollegen Steven Cohen verkaufen, zum damaligen Rekordpreis von 139 Millionen Dollar. Versehentlich beschädigte er es mit dem Ellbogen, als er es Freunden zeigte; es entstand ein gut fünfzehn Zentimeter langer Riss. Der Handel kam zunächst nicht zustande; Cohen übernahm das restaurierte Bild dann aber 2013 doch, für angeblich 155 Millionen Dollar.

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Im aktuellen Angebot findet sich noch eine attraktive „Nature morte au panier de fruits et aux fleurs“, gemalt am 2. August 1942 (Taxe 10/15 Millionen Dollar). Außerdem sind da zwei späte Arbeiten: „Homme et enfant“, ein 195 Zentimeter hohes Großformat, von Picasso auf den 4. Juli 1969 datiert (20/30 Millionen), und eine „Buste d’homme“, entstanden am 10. September 1969 (10/15 Millionen). Für Liebhaber von Picasso-Keramik gibt es einen langhalsigen Wasserkrug aus Terrakotta von 1954, verziert mit einem lächelnden Gesicht, der zuerst Jacqueline Picasso gehörte (60.000/80.000).

Anlass für die spektakuläre Auktion ist, dass MGM Resorts sein Kunst-Portfolio umbaut. Zwar werden, unter anderen Werken, auch noch einige weitere Picassos behalten. Aber erklärtes Ziel des Unternehmens ist es, eine stärker inklusive Kollektion aufzubauen, die Künstlern bisher unterrepräsentierter Gruppen ein größeres Gewicht geben soll. Das ist eine so löbliche wie vermutlich dem aktuellen Bedürfnishorizont geschuldete Absicht. Hinzu mag das ökonomische Kalkül kommen, das den Zeitpunkt perfekt erscheinen lässt. Denn nach der so lange dauernden Pandemie-Phase verlangen finanziell potente Käufer weltweit nach kapitalen, mindestens investitionssicheren Kunstwerken. Entsprechend werden die Spitzenstücke vor der Auktion in der Wüste auch nach Taipeh und Hongkong reisen.

Bei ihrer Station zuvor im September in New York werden die Picassos auch jenen feinsten Luxusstücken – Autos, Juwelen und Uhren, Handtaschen und Turnschuhen – wiederbegegnen, mit denen sie schon in Las Vegas ihren gemeinsamen Auftritt hatten. Als ­übrigens Picasso Marie-Thérèse Walter, da war sie siebzehn Jahre alt, im Jahr 1927 vor den Galeries Lafayette in Paris auf der Straße ansprach, wusste sie gar nicht, wen sie da vor sich hatte. „Ich habe das Gefühl, wir werden ­großartige Dinge zusammen machen“, sagte er zu ihr. Und behielt aus seiner Perspektive recht – bis nach Las Vegas.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton.
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