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Ergebnisse bei Grisebach

Aus friedlichen Tagen

Von Katharina Rudolph
Aktualisiert am 06.12.2019
 - 15:01
Eine Postkarte wurde zum Highlight der Herbstauktion bei Grisebach in Berlin. Franz Marc malte sie im Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Die Losnummer zehn wurde zum Star der mehr als 1400 Lose umfassenden viertägigen Herbstauktionen bei Grisebach in Berlin: Franz Marcs „Grünes und weißes Pferd“ von 1913. „Diese Karte fand ich hier in m. Schreibtisch“, schreibt Marc am 8.November 1915 aus dem Fronturlaub an die Frau seines Freundes August Macke. Macke war ein Jahr zuvor an der Westfront gefallen. Die Postkarte stamme „noch aus friedlichen Tagen, als wir uns solche bunten Grüße sandten“, notiert Marc wehmütig. Dieser bunte Gruß, zwei aneinandergeschmiegte Pferde, wurde in der Abendauktion mit fünfzig „ausgewählten Werken“ für 630.000 Euro einer süddeutschen Privatsammlung zugeschlagen; mit Aufgeld sind das 781.000 Euro. Die Erwartung hatte bei 250.000 bis 350.000 Euro gelegen. Franz Marc wurde vier Monate nachdem er die Karte geschrieben hatte, von Granatsplittern getötet.

Abgesehen von diesem Highlight, verlief der Abend ruhig und wohl nicht zur vollsten Zufriedenheit des Hauses. Hochdotierte Arbeiten mit Schätzungen zwischen 100.000 und 600.000 Euro – von Alexej von Jawlensky, Lovis Corinth, Max Liebermann oder Fernando Botero – fanden keine Abnehmer. Das am höchsten taxierte Werk – „Les fiancés aux anémones“ des 91 Jahre alten Marc Chagall, das eines seiner typischen Paare selig im Himmel schwebend zeigt – sollte zugunsten eines christlich-jüdischen Hilfswerks für eine bis 1,5 Millionen Euro versteigert werden. Das Gemälde aus dem Jahr 1979 verfehlte aber knapp die untere Schätzung; der Hammer fiel, unter bislang nicht aufgelöstem Vorbehalt, bei 975.000 Euro. Gut weg gingen immerhin Max Liebermanns „Reiter am Strand“ von 1900 für 200.000 Euro (Taxe 100.000/150.000), Georg Kolbes anmutige bronzene Frauengestalt „Adagio“ von 1923 für 100.000 (70.000/90.000) oder Emil Noldes Aquarell „Blaues Paar“ für 145.000 Euro (80.000/120.000).

Auch in der „Orangerie“-Abteilung reüssierte ein Nolde-Aquarell. Seine aufmerksam dreinblickende „Liegende Löwin“ von 1923/24, Modell dafür saß eine Abessinische Löwin im Berliner Zoo, ging für 70.000 Euro (30.000/40.000) aus einer norddeutschen in eine rheinische Privatsammlung. Begehrt war auch für 36.000 Euro (15.000/20.000) Louis Bourgeois’ kleine Pranke aus Bronze. Unverkauft blieb das goldene Armband mit dem Bildnis Friedrichs des Großen als Domino mit venezianischer Vogelmaske, das er selbst einst Ewald Friedrich von Hertzberg schenkte (40.000/60.000). Das Spitzenlos, die Foto-Installation „Die Alliierten“ von Frank Thiel, bestätigte durch einen Bieter am Telefon von Diandra Donecker, der Geschäftsführerin von Grisebach, die untere Schätzung von 90.000 Euro; mit Aufgeld sind das 112.500 Euro. Dieselbe Arbeit wurde vor zwei Jahren schon einmal, damals für 100.000 Euro mit Aufgeld, von Grisebach versteigert. Bei der Fotografie stieg das Spitzenlos, ein August-Sander-Konvolut, mit 770.000 Euro (300.000/500.000) über die Erwartungen hinaus. Mehrere Telefonbieter stritten um die siebzig Porträts aus Sanders „Menschen des 20.Jahrhunderts“; eines der „schönsten und merkwürdigsten Werke“, die ihm je untergekommen seien, schrieb Kurt Tucholsky darüber. Das angebotene Konvolut hatte Sander 1963, er starb 1964, selbst für eine letzte Ausstellung zusammengestellt. Von rund 200 Fotografie-Losen gingen allerdings mehr als sechzig zurück.

In der Sektion des 19.Jahrhunderts hatte man sich viel versprochen von Johann Hermann Kretzschmers „Samum in der Wüste“; aufgerufen mit 70.000, war jedoch schon bei 85.000 Euro (120.000/ 150.000) Schluss. Auch Corinths tanzender „Bacchant“ (100.000/150.000) fand keinen Liebhaber. Emil Jakob Schindlers „Parklandschaft in Plankenberg“, 2018 vom Wiener Belvedere an die Erben des Verlegers Rudolf Mosse restituiert, kletterte rasant auf 100.000 Euro (50.000/70.000): Das Bild von 1887 war sicher auch deshalb beliebt, weil es die spätere Femme fatale Alma Mahler, die Tochter des Künstlers, noch als Mädchen beim Fliederpflücken zeigt. Überraschungssieger wurde Osmar Schindlers „Germanischer Krieger mit Helm“ von 1902, der mit 82000 Euro (6000/8000) seine obere Taxe gut verzehnfachte; siebzehn Bieter an Telefonen und im Saal kämpften um das „blühende Fleisch auf schwarzem Grunde“, so Schindler über sein Werk. Applaus im Saal gab es auch für Max Pietschmanns 1885 gemaltes Halbkörper-Porträt des dunkelhäutigen Akademiemodells „Tommy Todtmann“; das Gemälde erreichte mit 60.000 Euro das Zehnfache seiner unteren Schätzung.

Vergleicht man die Auktionen zur Moderne und Gegenwartskunst miteinander, schneiden die Zeitgenossen besser ab. Hier verkauften sich, bei rund 35 Rückgängen, etwa ein Drittel der mehr als 150 Lose oberhalb der Taxen. Höhepunkt war „Medicine#1“, die auf einem Sockel plazierte, torpedoartig überdimensionierte Pille aus Stahl, gestiftet vom Künstler Thomas Zipp: Sie ergatterte ein schriftlicher Bieter für 65.000 Euro (6000/8000); der Erlös des Charity-Loses geht ans Operndorf Afrika. Dagegen blieben bei der Moderne von mehr als 250 Losen rund hundert liegen. Ausreißer nach oben gab es deutlich weniger als bei den Zeitgenossen oder dem 19. Jahrhundert. Weit über ihrem Schätzpreis verkaufte sich die Collage „Pintura No.15“ des Argentiniers Raúl Lozza von 1945. Neun Telefonbieter, davon keiner aus Deutschland, stritten um das farbenfrohe Werk, erst bei 58.000 Euro (4000/6000) fiel der Hammer. Lozzas Arbeit befand sich ehemals im Museo de Arte Moderno in Buenos Aires, nun geht sie in den amerikanischen Handel.

Der Umsatz von vier Tagen beläuft sich, inklusive des fälligen Aufgelds von zwanzig bis 25 Prozent, auf zwanzig Millionen Euro. Die Gesamtschätzung hatte, ohne Aufgeld, bei 16,7 bis 23,5 Millionen Euro gelegen. Die Summe der Hammerpreise dieser Herbstauktionen bewegt sich somit, trotz vieler Rückgänge, im unteren Taxbereich.

Quelle: F.A.Z.
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