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Fiac Paris

Etwas verspielt, keine Risiken

Von Bettina Wohlfarth
 - 16:08

Am Eingang zum Grand Palais in der Avenue Winston Churchill wird der Besucher von einer Installation empfangen, die bauschige Fäden schlingernd in die Luft bläst. Es ist eine der skurrilen Maschinen vom belgischen Künstler Vivien Roubaud: „Sucre cristal n° 3“ speit tatsächlich Zuckerwatte, die je nach Windböen poetische Filamente bildet, die von denen, die davon klebrig umzingelt werden, begeistert probiert oder schimpfend vom Mantel geklopft werden. Wer in die Luft guckt, entdeckt die rote Leuchtschrift von Sylvie Fleury oben am Dach des Petit Palais: „Yes to all“ lautet der ironische Spruch (95.000 Euro bei der Galerie Ropac) und scheint symptomatisch für die derzeit überbordende Kunstszene der Stadt.

Sonst bleibt bei der Fiac, der Pariser Messe für zeitgenössische Kunst, alles beim bewährten Alten. Sie hat in den vorigen Jahren, unter der Leitung von Jennifer Flay, ihre wiedergewonnene Stärke als eine der weltweit wichtigsten Messen konstant bewiesen. Und sie hat ihr optimales Format gefunden: Neben der eigentlichen Messe bieten die frei zugänglichen Außensektoren mit dem „Hors les murs“-Parcours und der kuratierten Sektion „Fiac Projects“ vor und im Petit Palais ein reiches Programm. Nun reden schon alle vom großen Umzug, denn von 2021 an wird der Grand Palais restauriert. Dann wird auch die Fiac in ein provisorisches Gebäude verlegt, das für vier Jahre auf dem Champ-de-Mars hinter dem Eiffelturm in die Wiesen gesetzt wird.

Diesmal treten 199 Galerien aus 29 Ländern an. Im Gesamteindruck wirkt die 46. Ausgabe der Fiac gediegen und unaufgeregt, allenfalls etwas verspielt. Anlass zu Kontroversen wird sie nicht geben. Es scheint ein Bedürfnis nach Sicherheit zu geben, nach sicheren Werten wie nach Konsens. Auf überdimensionale Blickfang-Werke wird weitgehend verzichtet. Die große knallige Blume von Yayoi Kusama, die für zwei Millionen Dollar am Stand von Victoria Miro blüht, bildet eine Ausnahme. Kusama hat außerdem die Place Vendôme im Außen-Parcours mit einem aufblasbaren, zehn Meter hohen Kürbis bestücken dürfen, ein beliebtes Fotomotiv. Selbst die Megagalerie Gagosian, die sonst ihre BlueChip-Künstler gruppiert, notorisch ohne Preisangaben und Beschriftungen, hat diesmal einen historischen Stand kuratiert. Er führt an die Französische Riviera der fünfziger Jahre und kopiert die von Jean Cocteau einst mit mythologischen Figuren bemalten Wände der Villa Santo Sospir; gezeigt werden Werke von Picasso und Calder, Giacometti oder Léger.

Auch einige andere Galerien wollen – obwohl das Feld Kunstmarkt heißt – keine Preise nennen, schon gar nicht, wenn es teuer wird. Bei Thaddaeus Ropac lässt sich in aller Transparenz in Erfahrung bringen, dass der Hauskünstler Georg Baselitz pekuniär aufgewertet wurde. Im nächsten Jahr steht die große Retrospektive im Centre Pompidou an; derzeit zeigt Ropac in seiner Dependance im Pariser Vorort Pantin jüngste Werke. Am Stand hängt ein Gemälde von 2019 mit der schon bekannten, auf dem Kopf stehenden Silhouette zweier wie im Licht zitternder Körper; es wurde für 1,2 Millionen Euro verkauft. In Frankreich hält Pierre Soulages die Position des großen abstrakten Altmeisters der Gegenwart; er wird im Dezember, zu seinem hundertsten Geburtstag, mit einer Louvre-Ausstellung geehrt. Karsten Greve vertritt sein Werk und zeigt drei der „outre-noir“-Gemälde aus jüngerer Zeit (von 800.000 bis 1,55 Millionen Euro).

Hauser& Wirth hat das diesmal wundervollste Werk von Louise Bourgeois mitgebracht: Die Collage aus Tapisserie-Stücken und kleinen, das Liebesgefühl befragenden Zeichnungen wurde schon in den ersten Stunden für 1,75 Millionen Dollar verkauft. Marc Payot, Vizepräsident der Galerie, betont die Stärke von Paris als Kunstmarkt-Stadt, wo auch ein abstraktes „Painting 6“ vom derzeitigen amerikanischen Superstar Mark Bradford sofort für 1,2 Millionen Dollar einen Käufer fand. Anish Kapoor gehört zu den Klassikern der Gegenwart und ist gleich an mehreren Ständen zu sehen. Das erstaunlichste Werk des indisch-britischen Künstlers zeigt die Londoner Lisson Gallery mit einer großen Skulptur – zwischen mythologischem Auge und abstrahierter Vulva –, die aus rosafarbenem afghanischen Marmor geschliffen wurde; 900.000 Pfund soll „Pink Onyx“ kosten. Die Nachkriegsmoderne ist mit höchster Qualität bei der Galerie Applicat-Prazan aus Paris vertreten, die eine winterliche provenzalische Landschaft von Nicolas de Staël mit einem blauen Baum für 4,2 Millionen Euro anbietet. Übrigens wurde in den Auktionen parallel zur Fiac bei Christie’s am Donnerstagabend eines der wichtigsten Gemälde von de Staël, das letzte aus seiner Serie über das Pariser Fußball-Stadion Parc des Princes, für den Rekordzuschlag von 17,5 Millionen Euro versteigert.

Dass sich die politisch engagierten Künstler kaum im Hochpreis-Segment finden, versteht sich von selbst. Auf der Fiac muss man auf die Suche nach ihnen gehen. Bei der Berliner Galerie von Esther Schipper lehnen ein paar kohlschwarze Zementbrocken an der Wand, darüber hängt eine Stange mit eingetüteten Euroscheinen. Der mexikanische Künstler Gabriel Kuri thematisiert mit seinen Installationen ökonomischen Austausch und Konsum, Naturausbeutung und Marktinteressen (um 45.000 Euro). Die Galleria Continua mit Hauptsitz in San Giminiano zeigt eine irritierende Fotografie von Moataz Nasr, die mit Posen aus Altmeistergemälden einen gleichsam heutigen Sklavenmarkt szenisch nachstellt (25.000 Euro). Die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn investiert den eigenen Körper in ihre Arbeit und setzt sich subtil mit gesellschaftspolitischen und feministischen Themen auseinander; sie wird von Jocelyn Wolff mit einer Serie von acht frühen Kohle-Zeichnungen ausgestellt (50.000 Franken). Die Berliner Galerie Barbara Wien vertritt den französischen Duchamp-Preisträger Éric Baudelaire. Eine seiner Arbeiten besteht aus 51 offiziellen Episteln, die er von britischen Parlamentariern als Antwort auf seine briefliche Anfrage „You are leaving Europe, but where are you going?“ bekam; die Arbeit kostet 80.000 Euro. Es lässt sich eben nicht immer risikolos „Yes to all“ sagen.

Fiac. Im Grand Palais, Paris; bis zum 20.Oktober, täglich von 12 bis 19 Uhr. Eintritt 38 Euro. Katalog 45 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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