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Frühjahrsauktion bei Grisebach

Nicht ohne Überraschungen

Von Richard Hagemann
 - 15:14

Gleich mit zwei Porträtzeichnungen sorgte das 19. Jahrhundert für einen schwungvollen Auftakt der Berliner Frühjahrsauktionen bei Grisebach. Viel Beachtung hatte schon vorher das romantische „Bildnis Ludwig Sigismund Ruhl“ gefunden, das Carl Philipp Fohr 1816 von seinem Freund in Rom zeichnete. Nach einem langen Bietgefecht fiel der Hammer erst bei 98.000 Euro, deutlich über der zurückhaltenden Schätzung von 25.000 bis 35.000 Euro. Eine ungenannte „bedeutende Privatsammlung“ bezahlt mit Aufgeld 122.500 Euro dafür. Eine echte Überraschung war dagegen das Abschneiden des nachdenklichen „Selbstbildnisses mit Zigarette“, dass der 26 Jahre alte Karl Stauffer-Bern 1883 mit Bleistift festhielt: Das Blatt, das vom Kunstmuseum Winterthur an die Erben von Rudolf Mosse restituiert wurde, stieg von taxierten 2.500 bis 3.500 auf 11.5000 Euro, mit Aufgeld sind das 143.750 Euro. Der höchste Zuschlag erging mit 220.000 Euro (Taxe 60.000/80.000) an einen Schweizer Sammler für Adolph Menzels Zeichnung des „Inneren der Stiftskirche zu Einsiedeln“ von 1881. Mit Wischungen wollte Menzel dort die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über den menschlichen Sehprozess festhalten. Fritz von Uhdes Ölgemälde einer „Holländischen Nähstube“ von 1882 erzielte 135.000 Euro (40.000/60.000). Auch Adolf Senffs Ölbild eines „Knaben mit Wanderstock“ aus einer süddeutschen Privatsammlung stieg weit über die Erwartung auf 65.000 Euro (18.000/24.000).

Zahlreiche Rückgänge gab es am nächsten Tag bei den fünfzig Losen der „Ausgewählten Werke“ – darunter das mit der höchsten Erwartung von 50.0000 bis 700.000 Euro angekündigte „Stillleben in Grau“ von Max Pechstein aus dem Jahr 1913. Liegen blieben auch Karl Schmidt-Rottluffs „Fischräucherei am Bahngleis“ von 1937 (400.000/600.000), ein „Heilandsgesicht“ von Jawlensky (300.000/ 400.000) oder Otto Muellers „Im Gras sitzendes Mädchen“ (150.000/200.000). Immerhin waren Paul Klees späte „Dryaden“, Baumgeister der griechischen Mythologie, einem Privatsammler aus Niedersachsen ein Gebot von 400.000 Euro (400.000/600.000) wert. Es folgen Gabriele Münters „Heuhocken in Murnau“, in Öl auf Pappe gemalt um 1909, mit 370.000 Euro (350.000/450.000). Bei den Werken nach 1945 reüssierte Ernst Wilhelm Nays energiegeladenes „Rot in tiefem Klang“ von 1962 mit dem Zuschlag erst bei 350.000 Euro (120.000/150.000). Bernar Venets 259 mal 336 Zentimeter messende Ölkreide- und Kohlezeichnung auf Papier „Two undetermined lines“ von 1990 stieg auf 120.000 Euro (60.000/80.000).

Die „Orangerie“ feierte mit 249 Positionen und dem Motto „bauhaus forever!“ den hundertsten Geburtstag der Kunstschule. Ein kompletter Satz der zwanzig Bauhaus-Postkarten, die 1923 anlässlich der großen Leistungsschau in Weimar entstanden, ging für 165.000 Euro weg, die Schätzung hatte bei 60.000 bis 80.000 Euro gelegen. Noch höher stieg das Tee- und Kaffeeservice, das der Goldschmiedemeister Naum Slutzky im Auftrag des Hamburger Architekten Fritz Block 1927 entwarf: Für 180.000 Euro (180.000/ 240.000) geht es in die Sammlung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe ein. László Moholy-Nagys Malerei mit Licht auf Fotopapier „Ohne Titel“ von 1925/26, erreichte 70000 Euro (70.000/ 90.000), und das „Reflektorische Farbenspiel“ des lange in Vergessenheit geratenen Ludwig Hirschfeld-Macks, 1923 fotografisch dokumentiert, kam auf 50.000 Euro (20.000/30.000). Sprichwörtlich kalt blieb die originale „Frankfurter Küche“ der Margarete Schütte-Lihotzky (18.000/ 20.000), die keinen Käufer fand.

Eine kleine, charakteristische Streifen-Gouache von Bridget Riley, „Study for Pean: GRG to BGB“ aus dem Jahr 1973 sorgte bei der Zeitgenössischen Kunst für reges internationales Interesse, das erst bei 72.000 Euro (20.000/30.000) sein Ziel fand. Auch Joseph Beuys’ „La rivoluzione siamo Noi“ von 1972 konnte mit 55.000 Euro (20.000/30.000) punkten. Ein Gemälde „Ohne Titel“ von Günther Förg in Erd- und Rottönen aus dem Jahr 1995 kam auf 90.000 Euro (40.000/60.000) und Ulrich Erbens „Rot und Blau“ von 1988 auf 60000 Euro (35.000/45.000). Offenbar vorher zurückgezogen wurde Blinky Palermos „Weißes Dreieck“ (180.000/ 240.000). Das Spitzenlos, eins von 110 Unikaten aus Gerhard Richters kleinformatiger „Fudji“-Serie von 1996, bewertet mit 300.000 bis 400.000 Euro, scheiterte – wie auch ein Farbraumkörper von Gotthard Graubner aus dem Jahr 1972 (100.000/150.000). Das höchste Gebot der Zeitgenossen-Sektion galt Tony Craggs schwarz patinierter Bronze „Different Points of View“ von 2016 mit 140.000 Euro (140.000/160.000); seine Steinskulptur „Solo Diabas“ von 2007 blieb allerdings, eine Losnummer zuvor, stehen (160.000/180.000).

Insgesamt konnte Grisebach bei diesen Frühjahrsauktionen 15,3 Millionen Euro umsetzen, inklusive des Aufgelds. Die untere Gesamttaxe hatte bei fünfzehn Millionen Euro gelegen.

Quelle: F.A.Z.
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