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Galerierundgang Leipzig

Die Volksboutique als Lebensmodell

Von Lisa Zeitz
 - 05:29

Ein Gang durch die imposante Industriearchitektur der Baumwollspinnerei lohnt sich immer; denn auf dem Fabrikgelände im Leipzigs Westen breiten sich mehr als ein Dutzend Galerien und unzählige Künstlerateliers aus. Bei Eigen + Art lädt derzeit ein überdimensionierter Puppenkaufladen zum Mitspielen ein. An einem Ständer hängen gebügelte Schürzen, auf der Theke steht eine schwere alte Kasse neben einer Waage. Auch dreieckige Papiertüten fehlen nicht, genauso wenig Gläser mit Wäscheklammern und Bleistiften. Kinderzimmerfarben regieren: Eine Wand der Galerie ist knallgelb gestrichen, das Ladenregal und die Theke sind hellgrün, das Podest darunter leuchtet blau und hellrot.

Schon lange interpretiert die 1968 geborene Amerikanerin Christine Hill die Welt über ihre „Volksboutique“ aus der Perspektive der Geschäftsfrau: Im Kundengespräch, im Warenmuster, in Verpackung und Etiketten sieht sie Metaphern für das Leben. So könnten die feinsäuberlich abgepackten Pakete, die sich hinter der Theke stapeln, Gedanken, Gefühle, Ziele und Wünsche sein und das Regal das Gehirn, das sie zu ordnen versucht: Der Beschriftung nach gibt es hier „First Impressions“, „Deadline Panic“, aber auch „das wunderschöne Gefühl, im Bett zu liegen, während ein Ventilator leise surrt und draußen leichter Regen fällt“. – Das „Small Business Model“ ist für 60.000 Euro zu haben). Im Schaulager der Galerie gibt es Skizzen, Stempel und Kunststofftaschen, die mit dem Projekt in Verbindung stehen, für 800 bis 2200 Euro.

Nebenan hat die Johan Deumens Gallery, die im niederländischen Haarlem auf Künstlerbücher spezialisiert ist, eine temporäre Filiale eröffnet. Sie präsentiert eine Serie von Fotografien der Französin Laurence Aëgerter, Jahrgang 1972. Als Aëgerter auf Einladung des Stedelijk Museum vor zwei Jahren den Schlüssel für ein Atelier in einem ehemaligen Bordell bekam, fand sie dort einen nur neun Quadratmeter großen gekachelten Raum mit Waschbecken und Wanduhr vor. Der Enge trat sie mit Dia-Projektionen entgegen, die sie dann abfotografierte. Auf den Kacheln entstehen so Bilder einer grünen Seenlandschaft, eines Konferenzraums oder eines Hallenbads. Sogar ein Mönch scheint jetzt am Waschbecken zu beten, auf einem anderen Bild findet im selben Raum eine Dönerbude Platz. – Die etwa 1,2 mal 1,5 Meter großen C-Prints kosten 4400 Euro.

Ein paar Türen weiter hat Corinne von Lebusa, Jahrgang 1978, die Galerie Kleindienst in einen poetischen Salon verzaubert. Drei große bunte Gummiballons, die an langen Stromkabeln auf dem Boden liegen und von den Galeriebesuchern umgeräumt werden dürfen, verströmen mattes warmes Licht. An den Wänden hängen Zeichnungen, Collagen und Assemblagen, die zugleich alt und neu wirken. Der Retro-Charme entsteht auch durch die Materialien, denn der holzhaltige Karton wirkt faserig und vergilbt: „Mein geliebter Knecht“ heißt die Ausstellung.

Die verträumten Figuren und rätselhaften Konstellationen verhehlen nicht, dass Corinne von Lebusa bei Neo Rauch studiert hat. Hin und wieder kombiniert sie ihre Malerei mit altmodischem Nippes, Holzkästchen und vergoldeten oder versilberten Bilderrähmchen. Auf einer kleinen Konsole liegt ein offenes Miniatur-Köfferchen, in dem sich bunte Splitter wie Bausteine zu einem noch nicht ausgedachten Mosaik auftürmen. Das Farbschema entwickelt dabei eine ganz eigene Anziehungskraft und zeichnet sich, wie die Bilder auch, durch viele Vintage-Töne mit einzelnen grellen Farben aus. – Die Arbeiten kosten von 350 bis 4200 Euro.

Tannengrün in Ölfarbe

Helge Hommes, 1964 geboren in Schwelm bei Wuppertal, stellt in der Galerie Queen Anne Bilder von Bäumen in Öl auf Leinwand aus. Beim Eintritt in die Galerie beeindruckt zunächst „. . . into the trees“: ein 1,9 mal drei Meter großes, geradezu fotorealistisches Gemälde einer gefallenen Tanne, die der Betrachter aus der Eichhörnchenperspektive erblickt. Man meint, den bemoosten Stamm und die rechtwinklig in alle Richtungen abstehenden Äste riechen und fühlen zu können (14.700 Euro).

Die meisten anderen Bilder sind reduzierter, aber Vermittlung vom Wesen des Baums wird in ihnen nicht weniger intensiv. Dabei bannt Hommes oft die Details von abgestorbenen Nadelbaumsilhouetten wie Kalligraphien auf die Leinwand. Was auf den ersten Blick an Franz Klines gestische Bilder in Schwarz auf Weiß erinnert, entpuppt sich von nahem als Ölfarbe in dunkelstem Tannengrün – und zwar so dick und harzig aufgetragen, als wolle Hommes das Wachstum und Vergehen der Rinde nicht nur darstellen, sondern nachbilden. – Die Werke der Serie „Waldesruh“ kosten zwischen 3700 und 18.000 Euro.

Einige mit Graffitis verschmierte Treppen weiter oben in Halle 18 geht es durch einen breiten Gang in die sogenannte Pilotenküche, ein Artist-in-Residence-Programm für Künstler aus aller Welt. Hier zeigt eine Gruppenausstellung Arbeiten von Kwon Doo-Hyoun, Aurélie Pétrel, Arthur Stokvis und anderen. Besonders gelungen sind die ruhigen entschiedenen Kompositionen aus Plastikfolien und Klebeband von Friederike Warneke: Ihre „Materialbilder“ halten die zarte Schwebe zwischen flachem Bild und dreidimensionalem Relief, und trotz Signalfarben lässt sich das Spiel des Lichts auf den knittrigen Oberflächen verfolgen.

Quelle: F.A.Z.
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