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Galerierundgang Leipzig

Vom tiefen Blau der Bombe

Von Andreas Platthaus, Leipzig
 - 05:52

Die Gruppe von Galerien, die auf dem Industriegelände der Baumwollspinnerei in Leipzig-Plagwitz residieren, hat ihren Nukleus in Judy Lybkes Eigen+Art. Um diesen Big Player im internationalen Kunstmarkt arrangiert sich eine feste Corona aus etablierten Leipziger Kunsthändlern: Jochen Hempel, der die ehemalige Dogenhaus Galerie mittlerweile nach sich selbst benannt hat, Matthias Kleindienst in seiner gleichnamigen Galerie oder die Maerzgalerie von Torsten Reiter.

Sie alle, wie auch die Galerien Laden für Nichts, aspn, Filipp Rosbach und b2, sind schon seit 2005 dabei, als das Areal als Kulturmischgebiet aus Handel, Ateliers, Ausstellungshallen, Lokalen und Clubs eröffnet wurde. Seitdem wird die Erfolgsgeschichte nur von zwei Faktoren getrübt: der mangelnden Kontinuität bei der Gastronomie und der zu großen Kontinuität bei den Galerien. Denn die Baumwollspinnerei könnte durchaus weitere Akzente vertragen.

Malerei als Technik der Wahl

Das zeigt der Winterrundgang im frischen Handelsjahr der Spinnereigalerien, auf dem vor allem zwei Anbieter glänzen, die relativ neu hier vertreten sind. Da ist einmal die Galerie Queen Anne, die erst 2010 gegründet wurde und damals zunächst als Standort das nicht weit von der Baumwollspinnerei gelegene Tapetenwerk wählte, das zu einem weiteren Leipziger Galerienschwerpunkt werden sollte: Diese Hoffnung hat sich bislang nicht erfüllt, und so zogen Carolin Modes und Esther Niebel von Queen Anne mit der Übersiedelung in die Spinnerei im vergangenen September die Konsequenz.

Nach Einzelausstellungen von Helge Holmes und Maria L. Felixmüller hat Queen Anne sich diesmal für eine Gruppenschau entschieden. Das ist beim Winterrundgang, dem kleinsten der drei Leipziger Saisonereignisse, nicht unüblich - auch Eigen+Art wählt diese Kompromisslösung. Queen Anne hat als Motto „Die Bilder sind unter uns“ gewählt und zeigt mit Henriette Grahnert, Franziska Holstein, Heide Nord, Titus Schade, Sebastian Speckmann und Claus Stabe sechs Nachwuchskünstler, die, mit Ausnahme einer Installation von Heide Nord, ganz auf Malerei und Zeichnung setzen - das auf erfrischend unkonventionelle Art.

Zwei Arbeiten ragen dabei heraus. Titus Schade hat für seinen Zyklus „Modellhäuser“ auf getöntem Papier Tuschezeichnungen von Gebäuden angefertigt, die wie Architekturdokumentationen wirken, aber mittels Öl- und Acrylfarben subtil koloriert sind. Die zehn Blätter kosten pro Stück 800 Euro, während zwei Gemälde mit ähnlichen, aber etwas geometrisch verfremdeten Motiven für jeweils 2500 Euro zu haben sind. Ganz anders, nämlich mit Bild- wie Sprachwitz statt konstruktiver Ernsthaftigkeit, arbeitet Henriette Grahnert: Drei Bilder werden von ihr gezeigt, und sie weisen alle dieselbe Freude an humoristischer Betitelung auf.

„Schluss mit der Egomaschine“ zeigt nicht mehr als die plastische Ziffer „2“ vor einem Schlingendekor (6000 Euro). Das großformatige „Manchmal erscheinst du mir sehr abstrakt“ (16.700 Euro) könnte als Miró-Hommage verstanden werden, nimmt aber die Dekonstruktion eines Männerporträts mit so viel Geschick vor, dass im Linienspiel ein neuer Ausdruck entsteht. Am geistvollsten ist „Der Mann ohne Zwischenleib“. Er bietet nicht mehr als zwei laufende Beine, über denen sich eine gebuckelte Linie mit zwei Augen wölbt: als wäre Napoleon fast zur Gänze in seinem Hut versunken (4000 Euro).

Bereits seit dem Herbst 2010 unterhält Johan Deumens aus dem niederländischen Haarlem eine Dependance in Leipzig: in einem kleinen zweistöckigen Ecklokal der Halle vier, das jeweils für zwei Jahre an eine auswärtige Galerie vergeben wird. Deumens’ Vorgänger dort war von 2008 bis 2010 der Mexikaner Hilario Galguera, von dem sich die Baumwollspinnerei wohl vor allem versprochen hatte, dass er Damien Hirst nach Leipzig bringen würde, der von der Galerie in Südamerika vertreten wird. Ein paar Bilder und eine nach Anatomiemodellen geformte Bronzeskulptur wurden auch gezeigt, Hirst selbst wurde aber nie gesichtet. Blickfang wurde Galgueras Galerie dennoch, auch durch die Aktfotografien von Sante D’Orazio.

Mit Johan Deumens ist nun ein weitaus weniger spektakuläres, dafür ungleich interessanteres Angebot nach Leipzig gekommen, und es ist bedauerlich, dass sein Aufenthalt im Sommer schon wieder endet. Durch die von ihm vertretene, auf dem Gelände der Baumwollspinnerei arbeitende Holzschnittkünstlerin Christiane Baumgartner gibt es einen unmittelbaren Leipziger Bezug, aber diesmal setzt Deumens auf Fotografie; „In a Landscape“ lautet ihr Motto.

Die geringe Größe der Räume fordert Reduktion, und doch wird das Hochparterre durch große Bilder von Cary Markerink bestritten. Der 1951 geborene holländische Fotograf arbeitet seit Jahren an seinen „Memory Traces“, Aufnahmen von den negativen Folgen menschlichen Handelns. In Leipzig sind drei Arbeiten zu sehen: ein großformatiger Print eines zerstörten Plattenbaus in Sarajevo (8500 Euro), die kleinformatige Aufnahme eines vergifteten ostdeutschen Teiches (3600 Euro) und als schönstes Werk des ganzen Rundgangs das zweieinhalb Meter breite Diptychon „Bikini Atoll“ von 1999, für das Markerink seine Blende eine Nacht lang offenhielt, um das Versinken des Mondes ins Meer zu fotografieren.

Durch das Streulicht ist der Himmel tiefblau, und die Mondbahn zielt wie ein Raketenschweif auf den Horizont - ein Schelm, wer da nicht an die Atombombenversuche auf dem Bikini- Atoll denkt (Auflage7; 10.000 Euro). Im ersten Stock finden sich ein paar Dutzend Aufnahmen von Bert Teunissen, die er auf seinen Fahrten durch Europa durch die Windschutzscheibe fotografiert. Als körnige Abzüge auf Barytpapier kosten sie pro Stück 950 Euro, wobei es bei Abnahme mehrerer Bilder einen Nachlass gibt, weil dem Künstler am Seriencharakter gelegen ist.

Doch auch in den bekannten Leipziger Galerien ist einiges zu entdecken. Die Arbeiten des späten Newcomers Matthias Hamann etwa, die aspn zeigt: fast zwei Meter hohe Gesichtsporträts, die der 1974 geborene Fotograf in der Berliner Jugendszene aufgenommen hat (Auflage 3+2; je 2800 Euro). Dann die unglaublichen Kugelschreiberzeichnungen von zu Draht gezogenen Bleikugeln, die die britische Konzeptkünstlerin Cornelia Parker bei Eigen+Art zeigt (je 9500 Euro); in derselben Galerie Marcel Odenbachs große Collage „Schneewittchen“ - mit 46.000 Euro das teuerste Werk des Rundgangs. Eine Rauminstallation der im Spinnerei-Umfeld schon vertrauten Cindy Schmiedichen ist bei b2 zu sehen, wobei man für „Ground Floor“, das als Gesamtwerk für 30.000 Euro zu haben ist, ein großes Zimmer benötigt. Deshalb werden auch einzelne Teile der Installation angeboten (Preise auf Anfrage).

Jochen Hempel zeigt den 1953 geborenen Amerikaner Joe Arnheim, der mehrfach übereinanderlappende Folien mit in sorgsamer Typographie ausgeführten Wörtern bemalt. Der Effekt dieser verschwimmenden Botschaften ist verblüffend; die Arbeiten kosten von 2900 bis 18.000 Euro. Und Filipp Rosbach bietet schließlich mit Thomas Flemming einen alten Leipziger Bekannten auf, für dessen verwunschene Kohlebilder aus dem Zyklus „Waldgang“ zwischen 1400 und 6240 Euro verlangt werden.

Die Ausstellungen in den Galerien sind jeweils bis zum 25. Februar geöffnet.

Quelle: F.A.S.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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