Gallery Weekend Berlin

Zeit für Entdeckungen

Von Kevin Hanschke
18.09.2021
, 10:56
Birgitt Bolsmann, „Die Papageiendame“ 1990, Eitempera und Öl auf Malpappe, 100 mal 65,7 Zentimeter, Preise für Werke der Künstlerin 2900 bis 110.000 Euro bei Kunsthandel Werner.
Unter dem Titel „Discoveries“ sind beim Gallery Weekend Berlin Arbeiten junger und aus dem Blickfeld geratener Künstler zu sehen. Für Überraschungen sorgen aber auch alte Bekannte.

Es sind farbig fotorealistische Werke, die die Künstlerin Birgitt Bolsmann (1944 bis 2000) in den siebziger Jahren geschaffen hat. Sie zeigen Frauen mit knallrotem Lippenstift, inszeniert als Chimären zwischen Mensch und Tier, oder in lasziver Pose. Die Gemälde in altmeisterlicher Mischtechnik spiegeln kritisch vom männlichen Blick geprägte Bildthemen aus der Reklame wider. Bolsmann fand einen Großteil ihrer Motive in der Werbefotografie, die sie auf das darin propagierte Frauenbild befragt. Parallel zu den Gemälden entstehen von 1973 an Modestudien in abgestuften Grautönen. Zu sehen ist all das nun im Kunsthandel Wolfgang Werner in der Fasanenstraße: Er zeigt die nach Jahrzehnten erste Galeriepräsentation der Künstlerin in Berlin. (Preise 2900 bis 110.000 Euro. Bis 30. Oktober.)

Die Bolsmann-Schau macht auch deutlich, was die Neuausrichtung des 18. Gallery Weekends bedeutet. Unter dem Zusatztitel „Discoveries“ stellen insgesamt 49 Galerien bis zum 19. September wiederentdeckte und unbekannte Künstler sowie junge Positionen aus. Damit beginne für die künftig zweimal jährlich stattfindende Veranstaltung eine neue Phase, sagt Maike Cruse, die das Gallery Weekend seit 2014 leitet. Während das Frühjahr den etablierten Künstlern gewidmet sein soll, werden im September thematisch ausgerichtete Gallery Weekends stattfinden – in diesem Jahr also die Neuentdeckungen: vierzig Künstler, die bisher kaum in Deutschland zu sehen waren. Das sei das „Spielbein“ zum „Standbein“ im Frühjahr, so Cruse. Die Verschiebung des Gallery Weekend 2020 habe den Wunsch der Berliner Galeristen bekräftigt, es in eine Kunst-Plattform zu verwandeln. Cruse plant einen „digitalen Space“, in dem sich Galeristen, Sammler und Besucher austauschen können. Die Fokussierung auf den deutschen und europäischen Markt sei intensiver geworden; für die wenigen Sammler aus Übersee biete man Zoom-Touren durch die Galerien an.

Julian Schnabel, „The Parade Begins and the Parade Ends (for Reinaldo Arenas) III“, 2020, Tusche auf Seidenpapier auf Leinwand, 275,6 mal 215,9 Zentimeter, Preise für Werke des Künstlers von 127.000 bis 300.000 Euro bei der Galerie Max Hetzler.
Julian Schnabel, „The Parade Begins and the Parade Ends (for Reinaldo Arenas) III“, 2020, Tusche auf Seidenpapier auf Leinwand, 275,6 mal 215,9 Zentimeter, Preise für Werke des Künstlers von 127.000 bis 300.000 Euro bei der Galerie Max Hetzler. Bild: Max Hetzler/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Mit dem psychologischen Prozess des Ausstellens setzen sich die konzeptionellen Werke von Louise Lawler bei Sprüth Magers in Berlin-Mitte auseinander. Die düstere Fotoinstallation „Lights off, after hours, in the dark“ zeigt Kunstwerke in Depots, Ausstellungshallen und Auktionshäusern. Sie deutet die Schicksale von Kunstobjekten, als wären sie beseelte Wesen. Das Augenmerk der amerikanischen Künstlerin liegt auf den Werken von Donald Judds Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art. Die Fotografien wurden in zwei Nächten aufgenommen, ohne künstliches Licht im Dunkeln der Museumssäle. (Preise von 10.000 bis 90.000 Euro. Bis 30. Oktober.) Die Galerie Buchholz in Charlottenburg stellt den Schweizer Künstler Peter Fischli aus, der die Räume in eine Bibliothek verwandelt. Fischlis Installationsprojekt „Planet People Profit“ versammelt 296 Buchumschläge, die das Ordnungsprinzip von Buchhandlungen imitieren: Ratgeber-, Sach- und Fachbücher. Alle Titel umkreisen Fragen und Antworten zu Finanzen und Wirtschaft, Profitmaximierung und Wirtschaftspsychologie. (Preis auf Anfrage. Bis 30. Oktober.)

Eigen+Art in Berlin-Mitte widmet sich den Zeichnungen und Collagen von Karl-Heinz Adler (1927 bis 2018), einem der wichtigsten Vertreter der konkreten Nachkriegs-Avantgarde der DDR. Seine geometrischen und minimalistischen Arbeiten finden inzwischen große Resonanz in Architekturkreisen. Von 1957 an schuf Adler Collagen. Diese schwarzen „Schichtungen“ stehen im Mittelpunkt der Einzelschau. (Preise von 850 bis 180.000 Euro. Bis 30. Oktober.) Ein Neuzugang beim Wochenende ist die Galerie Soy Capitán in Kreuzberg; sie zeigt die surrealistisch anmutenden Zeichnungen von Dirk Lange. Der Künstler, Jahrgang 1972, zeichnet detailreich in großen Formaten, seine Motive sind oft Gestalten aus Sagen oder Esoterik. So zitiert etwa „Eigennacht“ die Tarotkarte des „Narren“ als eine Figur mit Gepäck, die durch eine karge Berglandschaft in einen Abgrund zu spazieren scheint. (Preise von 30.000 bis 40.000 Euro. Bis 23. Oktober.)

Donald Baechler, „Black Flowers“, 2021 Acryl, Stoff Collage auf Leinwand, 182 mal 122 Zentimeter, Preise für Werke des Künstlers von 22.000 bis 75.000 Euro bei der Galerie Crone.
Donald Baechler, „Black Flowers“, 2021 Acryl, Stoff Collage auf Leinwand, 182 mal 122 Zentimeter, Preise für Werke des Künstlers von 22.000 bis 75.000 Euro bei der Galerie Crone. Bild: Galerie Crone

Die Galerie Carlier Gebauer konzen­triert sich auf Julie Mehretu. Die 1970 in Addis Abeba geborene, amerikanische Malerin ist bekannt für ihre dunkel-ab­strakten Bildmotive. „Dissident Score“ erinnert mit seiner Farbigkeit an Werke der Brücke-Künstler und zugleich an Bilder von Jackson Pollock. Als Ergänzung werden die Fotografien und Fotomontagen von Richard Mosse gezeigt, die Märkte, Naturlandschaften und Dörfer aus der Vogelperspektive abstrakt abbilden. (Preise von 30.000 bis 60.000 Euro. Bis 13. November.) Die aus Kuba stammende Künstlerin María Magdalena Campos-Pons verwandelt die Galerie von Barbara Thumm in einen vertikalen Garten aus Glas-Mobiles, die Blumen und Schmetterlinge symbolisieren. Ihre Installation „The Rise of the Butterflies“ ist Breonna Taylor gewidmet, einer Afroamerikanerin, deren gewaltsamen Tod durch Polizisten die Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung befeuerten. Im Zentrum der Arbeit aus Muranoglas steht die kollektive Geschichte der afrikanischen Diaspora in der Karibik. (Preise von 15.000 bis 25.000 Euro. Bis 31. Dezember.)

Bei Crone werden die schwarzen, neoexpressiven Blumen-Silhouetten des Pop-Art-Künstlers Donald Baechler gezeigt. Schon 1985 gab es in der Galerie seine erste Einzelausstellung; an diese knüpft die aktuelle ,,Flowers“-Schau an. Fünf der Arbeiten waren bereits damals zu sehen, andere sind neu. Mit seinen klaren kraftvollen Linien und seiner Formensprache ist Baechler einer der markanten Vertreter der Pop-Art. (Preise von 22.000 bis 75.000 Euro. Bis 23. Oktober.) In der Charlottenburger Goethestraße hat man sich bei Max Hetzler nicht ganz an das Motto „Discoveries“ gehalten; dafür glänzt die Galerie mit ungewöhnlichen Werken von Julian Schnabel, Mathew Barney und Raphaela Simon. Dabei sind elf neue Arbeiten Schnabels, die er mit einem Kalligraphiepinsel und roter Tinte gemalt hat: Für die Werkserie experimentiert er mit verschiedenen Flüssigkeiten. Das Ergebnis sind spannungsgeladene Bilder auf Seidenpapier wie „The Parade Begins and the Parade Ends (for Reinaldo Arenas) III“, eine Hommage an den kubanischen Revolutionsdichter. (Preise von 127.000 bis 300.000 Euro. Bis 11. Dezember.)

Auf der Website des Gallery Weekend soll außerdem von Mitte September an die jüngere Berliner Kunstmarktgeschichte seit der Wiedervereinigung präsentiert werden. Es ist geplant, ein „Archiv der Berliner Galerien“ aufzubauen, das öffentlich zugänglich ist. Maike Cruse hofft auf den Erfolg des gesamten neuen Konzepts.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hanschke, Kevin
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