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Große Kunst für kleines Geld

Schneller sein als der eigene Geschmack

Von Rose-Maria Gropp
Aktualisiert am 13.12.2019
 - 16:10
Erling Kagge während der Frankfurter Buchmesse 2019.
Starke Kondition: Erling Kagge erklärt auf seine Art, wie das Sammeln von zeitgenössischer Kunst funktioniert.

Der Norweger Erling Kagge, Jahrgang 1963, ist ein Mann mit bemerkenswerten Eigenschaften. In den neunziger Jahren marschierte er hintereinander zum Nordpol und zum Südpol und dann den Mount Everest hinauf. So etwas braucht Kondition und einen starken Willen. Derzeit ist der studierte Jurist erfolgreicher Verleger in Oslo, auch seiner eigenen Bücher, zuletzt „Gehen. Weiter gehen. Eine Anleitung“. Er lässt es inzwischen etwas langsamer angehen. Den Eindruck macht Kagge allerdings überhaupt nicht, wenn es ums Kunstsammeln geht.

Auch in dieser Disziplin ist er Spitze auf dem Feld der zeitgenössischen Kunst. Beim Lesen seines nun in deutscher Übersetzung als „Große Kunst für kleines Geld. Eine Anleitung“ erschienen Buchs kann es einem schwindelig werden, wie man sich ungefähr die Höhenkrankheit vorstellt. Zuerst erschien die rasante Selbstauskunft 2015 auf Englisch, unter dem Titel „A Poor Collector’s Guide to Buying Great Art“. Was ein bisschen nach Selbstbeweihräucherung klang. Die Tränen der Rührung müssen einem aber auch beim deutschen Titel „Große Kunst für kleines Geld“ nicht kommen. Vor allem staunt man über die offenbar unendliche Zeit, die er beim Essen und Trinken mit Künstlern, Kuratoren, Sammlern, Kritikern, Galeristen, Händlern und Beratern verbringt, dazu mit einschlägiger Lektüre und Recherchen. Man könnte meinen, Kagge sei hauptberuflich Kunstsammler. Und schnell erkennt man, was ihm auch in dieser Sphäre hilft – Kondition und starker Wille.

Ein Schaufenster für die eigene Sammlung

Einmal beiseitegelassen, was denn „große“ Kunst sei – und übrigens auch, was „kleines“ Geld –, ist das Buch mit seinen zahlreichen Abbildungen zuvörderst ein Schaufenster für Kagges eigene Sammlung. Wobei er es bestimmt nicht nötig hat, die Künstlerinnen und Künstler, die seine rund 700 Werke umfassende Kollektion bestücken, für den ohnehin heißen Markt weiter aufzuheizen (weshalb wir hier auch keine Namen nennen; einige sind ohnehin klangvoll genug). Charmant sind Kagges Kommentare zum Thema. Er ist in Plauderlaune, gespickt mit vielen lustigen, auch entlarvenden Zitaten von Teilnehmern der Kunstwelt (die nirgends belegt sind) und mit seinen eigenen Erfahrungen in diesem Zirkus. Er erzählt freimütig – und da hat er wirklich einen Punkt –, wie entscheidend es ist, nicht einfach nur dem eigenen Geschmack beim Kunsterwerb zu folgen (die alte Leier: Sammeln, was einem gefällt). Sondern dem Geschmack voraus zu sein, bis sich durch Anschauung die Erkenntnis eines Werks einstellt.

Er gibt sich zerknirscht, wo er aus pekuniären Gründen zu früh kapitulierte (ein Sammlerklassiker). Und er übt Bescheidenheit, gleich im ersten Kapitel, wenn er Anfängerglück hatte, wie beim amerikanischen Konzeptkünstler Richard Prince. Kagge kaufte früh für (relativ) kleines Geld ein Bild aus dessen später marktnotorischer Krankenschwestern-Serie, für 50.000 Dollar die „Surfing Nurse“: „Vier Jahre später verkaufte ich das Bild für fünf Millionen Dollar. Zwar liebte ich es noch immer, aber bei dieser Summe wurde ich schwach.“ (In der „Nurse“-Preis-Parade liegt die „Surfing Nurse“ derzeit auf Rang 21.)

Die Kapitel machen ganz wuschig, allerdings wiederholen sie Kagges Markt- und Sammelmantra in gefühlt ein paar hundert Schleifen, bis es auch der letzte Adept an der Schwelle zur Gegenwartskunst verstanden hat – unter Überschriften wie „Zu lieben, was man versteht, fällt schwer“, „Mit wem man in der Kunstwelt abhängen sollte“ oder „Wirst du Geld verdienen?“. Am Anfang von „Wann man einen Künstler kaufen sollte“ steht die Wahrheit in ihrer binsenweisheithaften Nacktheit: „Die Geschichte lehrt Folgendes: 1. Die Avantgarde wird fast immer assimiliert. 2. Junge Leute werden älter. 3. Die meisten Künstler, auch die, die einmal als herausragend galten, werden vergessen.“ Genauso ist das. Und dazwischen kann eine Menge Geld unterwegs gewesen sein – und verlorengegangen.

Kagge ist vielleicht ein Zocker, was die Zeitgenossen angeht, aber man glaubt ihm seine Leidenschaft. Ganz sicher ist er keiner von denen, die Werke spekulativ anhäufen, um sie bei nächster Gelegenheit mit maximalem Gewinn abzustoßen (was in der Kunstwelt flipping heißt). Im Schlusskapitel steht: „Sammler müssen süchtig sein: Die besten Sammler, die ich kenne, würden niemals aufhören, selbst wenn sie wollten.“ Das stimmt seit Jahrhunderten; anders wird es auch nichts. Und das Buch ist schon ein Spaß, bloß die Funktion als Ratgeber sollte man nicht allzu ernstnehmen. Es sei denn, man besäße schon eine Menge Spielgeld.

Erling Kagge: „Große Kunst für kleines Geld“. Eine Anleitung. Aus dem Englischen von Moritz Müller-Schwefe. Insel Verlag, Berlin 2019. 186 S., geb., zahlr. Abb., 20,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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