Online-Auktion mit Hawking

Das Genie und sein Kult

Von Sibylle Anderl
26.10.2018
, 15:57
Original-Produktionsdrehbuch der The Simpsons-Episode „Elementary School Musical“ (2010) an der Stephen Hawking selbst mitwirkte. Taxe 2.000/3.000 GBP
Den Spuren eines Genies habhaft zu werden verspricht Christie’s mit einer Online-Auktion. Das Haus versteigert Teile aus dem Nachlass Stephen Hawkings.
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Die öffentliche Sehnsucht nach dem Genie ist ungebrochen – das gilt für die Wissenschaft so wie für die Kunst. Die Vorstellung des brillanten Kopfes, der alle anderen überstrahlt und schöpferisch Ideen hervorbringt, deren Herkunft und Entstehung ihm letztlich selbst ein Rätsel bleiben müssen, beflügelt unsere Phantasie aufs wunderbarste. Doch nicht nur Kant bezweifelte die Existenz des Genies in den Wissenschaften. In der modernen Forschung ist der kollektive Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis kaum noch zu leugnen. Die Öffentlichkeit muss sich damit abfinden, dass Durchbrüche heute meist auf das Konto von Kollaborationen gehen.

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Vielleicht der letzte Physiker, über dessen Bezeichnung als Genie man sich zumindest außerhalb der Physik weitgehend einig war, verstarb mit Stephen Hawking vor wenigen Monaten. Das Auktionshaus Christie’s stellt ihn nun in eine Reihe mit Newton, Darwin und Einstein, wenn es vom kommenden Mittwoch an persönliche Hinterlassenschaften Hawkings zusammen mit Schriften seiner wissenschaftlichen Vorgänger in einer Online-Auktion anbietet. „Einen Einblick in das persönliche und akademische Leben des bedeutenden Physikers“ verspricht Christie’s damit zu liefern. Indes fällt auf, dass Hawkings Besitztümer wenig persönlich daherkommen: Während die handschriftlichen Briefe und Aufzeichnungen von Newton, Darwin und Einstein so etwas wie Nähe zu den großen Wissenschaftlern vermitteln, tragen Hawkings Stücke kaum persönliche Spuren ihres Besitzers.

Ein Exemplar seiner 1965 eingereichten Promotionsschrift ist zweifach signiert. Eine Ausgabe seines Bestsellers „A Brief History of Time“ zeigt einen Fingerabdruck. Das Produktionsskript seines Auftritts in der Serie „The Simpsons“, eine Reihe von Ausdrucken seiner wissenschaftlichen Artikel und einer seiner „ikonischen Rollstühle“ – so Christie’s – beziehen ihren Wert dagegen wohl vor allem durch ihre vorgestellte raumzeitliche Nähe zum Physiker. Die fehlenden direkten Spuren von Hawking sind wenig erstaunlich: Zunehmend eingeschränkt durch seine Nervenkrankheit, steht Hawking wie kaum ein anderer für die Fähigkeit des menschlichen Geistes, das Universum rein theoretisch zu erkunden.

Weder hing diese Fähigkeit an Gegenständlichem, noch sagen Gegenstände viel darüber aus, was wir mit seinem Werk verbinden. Es hilft also nichts: Wer den Physiker Hawking verstehen möchte, muss seine Schriften studieren. Oder, frei nach Kant: Um das Werk großer Wissenschaftler zu verstehen, braucht es keine mysteriöse Genialität – und somit auch keinen Geniekult. Ihr Werk ist für die Nachwelt mehr oder weniger einfach nachzulesen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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