Herbstauktionen bei Grisebach

Revuegirls, kühle Madonna, offenherzige Flora

Von Kevin Hanschke
15.12.2020
, 10:30
Mit Rekorden: Die Ergebnisse der traditionellen Herbstauktionen bei Grisebach in Berlin.

Mit einigen Rekorden, wenigen Rückgängen und besonderen Erfolgen für die Kunst des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit verlief die Auktion der „Ausgewählten Werke“ im Berliner Auktionshaus Grisebach recht erfolgreich, obwohl von den insgesamt 57 Losen achtzehn zurückgingen. Der Saal war am Abend ebenso gut besucht wie die OnlineKanäle. Georg Tapperts expressionistische Varietészene „Geisha-Revue“ von 1911/13 mit ihrem fiebrigen Duktus elektrisierte den Saal. Das Bild eroberte nach einem Gefecht zwischen Telefonen, Internet und Saal für 570.000 Euro ein telefonischer Bieter; die Schätzung lag bei 350.000 bis 450.000 Euro. Max Liebermanns „Große Seestraße in Wannsee mit Spaziergängern“ von 1920 bekam eine deutsche Privatsammlung zur oberen Taxe von 600.000 Euro, damit das teuerste Los bei Grisebach.

Zum Star des Abends avancierte Rudolf Schlichters sinnliches Porträt von „Speedy als Madonna“, mit dem Hammerpreis von 210.000 Euro (Taxe 120.000/150.000). Wie schon im Frühjahr konnte auch jetzt für ein Gemälde des Dresdner Künstlers Hans Grundig ein gutes Ergebnis erzielt werden: Das „Mädchen mit rosa Hut“ begeisterte die Bieter und wurde für ebenfalls 210.000 Euro (100.000/150.000) zugeschlagen. Einen Weltrekord gab es für den „Filzanzug“ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1970: Eines von hundert Exemplaren ging beim Zuschlag von 110.000 Euro (50.000/70.000) an eines der Telefone. René Magrittes surrealistische Gouache „Le domaine enchanté““ ging, zur Untertaxe von 400.000 Euro, auch an einen Telefonbieter. Karin Kneffels großformatiger Nudelteller „Ohne Titel“ kam auf seine untere Schätzung von 100.000 Euro. Vor allem gegen Ende der Versteigerung gingen einige Lose zurück, darunter eine „Garnitur von fünf Vasen“ von 1750 (200.000/300.000) und ein „Flötenkasten“, der für Friedrich den Großen angefertigt wurde (250.000/300.000), beide aus Meissener Porzellan. Gleichfalls unverkauft blieben Alexej von Jawlenskys „Abstrakter Kopf. Komposition Nr. 9“ (250.000/350.000) und „Kleines Haus vor Buschwerk“ (180.000/250.000).

Bei der Moderne-Auktion wurde Walter Leistikows „Hafen“ von 1895 mit Holzbooten bei Sonnenuntergang auf 85.000 Euro (30.000/40.000) hochgeboten. Erfolgreichstes Los wurde dort das Alpenpanorama „Elmau, Neuschnee im Oktober“ von Gabriele Münter, beim Zuschlag von 100.000 Euro (100.000/ 150.000). Lovis Corinths durchdringender Blick im „Selbstporträt im Harnisch“ fixierte auch einen Bieter bis zu 70.000 Euro (60.000/80.000). Von den mehr als 250 Losen ging rund ein Drittel zurück.

Drei Werke Arnulf Rainers hatten es dem Publikum angetan: Sein „Ohne Titel (Rotes Bild)“ von 1959 war bis zum Hammerschlag bei 320.000 Euro (130.000/160.000) besonders umkämpft – ein Auktionsweltrekord für den österreichischen Künstler. Das Bietgefecht entschied eine Dame im Saal für sich gegen einen Telefonbieter aus Österreich. Rainer dominierte auch die Sektion mit zeitgenössischer Kunst; sein schwarz-abstraktes Gemälde „Monte“ aus der Sammlung von Thomas und Raffaela von Salis stieg auf 170.000 Euro (50.000/70.000). Spitzenlos unter den Zeitgenossen wurde eine Landschaft „Ohne Titel“ Per Kirkebys von 2006 für 300.000 Euro (300.000/ 400.000). Es gab 33 Rückgänge in der Offerte von 186 Losen.

Das Angebot des 19. Jahrhunderts musste hingegen 64 Rückgänge bei 145 Losen verschmerzen. Carl Gustav Carus’ kleines Gemälde der „Schiffsmühle auf der Elbe bei Dresden“ von 1826 markiert die Spitze mit dem Zuschlag bei 110.000 Euro (100.000/150.000) und geht nach Sachsen. Osmar Schindlers jugendlich-erotischer „Römischer Knabe mit Bildhauerwerkzeug“ entfachte ein Bietgefecht, das erst bei 15 000 Euro (5000/ 7000) endete. Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins attraktive Federzeichnung „Der Jüngling denkt über den Bau eines Bootes nach“ war ebenso beliebt und erreichte den Zuschlag bei 6000 Euro (1000/1500). Otto Scholderers hübsches „Selbstbildnis des 24 Jahre alten Künstlers“ schaffte seine obere Taxe von 15.000 Euro. Carlos Schwabes wahrlich schräge, große Rötelzeichnung „L’heure du faune“ von 1920 (40.000/60.000) fand erstaunlicherweise keinen Fan, dafür allerdings drei Lose zuvor Karl Wilhelm Diefenbachs brandungsumtoster Rückenakt „Frage an die Sterne“ von 1901 für starke 40 000 Euro (10.000/15.000). Und freuen darf man sich, dass eine bezaubernde Dame, die aus dem 18. Jahrhundert ins Angebot gekommen war, künftig in deutschem Privatbesitz wohnt, nämlich Anna Dorothea Therbuschs „Selbstbildnis als Flora“, beim beherzten Einsatz von 45.000 Euro (25.000/35.000).

Bei der Fotografie glänzte eine „Herbststimmung“, die piktorialistische Ansicht eines nebligen Waldwegs mit drei Frauen, von einem unbekannten Fotografen um 1900/1910 aufgenommen; der Zuschlag dafür erging erst bei 40.000 Euro (20.000/30.000). Von den 174 Losen blieben allerdings 66 liegen. – Als Umsatz für die insgesamt mehr als 900 Lose dieser Herbstauktionen meldet Grisebach 17,2 Millionen Euro. Die Gesamtschätzung – wie allgemein üblich ohne das fällige Aufgeld – lag bei 15,5 bis 21,5 Millionen Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hanschke, Kevin
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