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Internationale Auktionen

Wie läuft die Akquise?

Von Anne Reimers, London
Aktualisiert am 29.04.2020
 - 11:39
Ein Mitarbeiter von Christie’s und Kunstwerke aus der Auktion mit moderner britischer Kunst im Januar 2020.
Wer ist im Moment überhaupt bereit mit Kunst zu handeln und wie? Fragen an Dirk Boll von Christie’s, Oliver Barker von Sotheby’s und Cheyenne Westphal von Phillips.

Die großen internationalen Auktionshäuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips kündigen derzeit fast wöchentlich neue Online-Only-Auktionen an, um die Durststrecke bis zur Lockerung der Bewegungsfreiheit – und damit bis zu den nächsten Live-Auktionen – zu überbrücken. Die letzten Auktionen im Saal fanden bei Christie’s am 18. und 19. März in London noch sehr erfolgreich statt, obwohl nur eine Handvoll Besucher vor Ort war. Der Rest verfolgte das Geschehen über „Christie’s Live“, was übrigens schon seit 2006 möglich ist, und bot online oder über die Telefone der Spezialisten im Saal mit.

Sotheby’s war es kurzfristig gelungen, seine Londoner Live-Auktion mit „Modern and Contemporary Middle Eastern Art“ sowie fünf weitere Live-Auktionen in Online-Only-Auktionen umzuwandeln. Von Bedeutung ist hierbei: Im Gegensatz zu Live-Auktionen gilt bei reinen Online-Auktionen das „Fernabgabegesetz“, das ein zweiwöchiges Rückgaberecht für das ersteigerte Los ohne Angabe von Gründen einräumt. Das macht diese Form der Versteigerung für die Einlieferer wie die Auktionshäuser unbequem. Wegen dieser unterschiedlichen rechtlichen Bestimmungen musste Sotheby’s vorher kurzfristig die Zustimmung der Einlieferer einholen. Die Zahlen sprechen allerdings eher für den Erfolg der digitalen Auktionen: Bis zum 15. April hatte Sotheby’s in diesem Jahr bereits 89 Prozent mehr Lose online verkauft als im Vergleichszeitraum 2019 – was natürlich auch an der gravierend veränderten Situation liegt.

Dieser Prozess ist gerade massiv gestört

Diese frühen Erfolge lassen sich allerdings nicht problemlos wiederholen. Tatsächlich war die Akquise für die größeren dieser Auktionen bereits vor der Einschränkung der Bewegungsfreiheit abgeschlossen. Außerdem eignen sich viele Versteigerungen nicht zur Umwandlung ins Online-Only-Format, vor allem wenn es um sehr hohe Werte geht. „Das größte Problem für Auktionen in den kommenden Monaten ist, dass Werke derzeit nicht von unseren Experten begutachtet und geschätzt werden können. Dieser Prozess ist gerade massiv gestört“, erklärt Dirk Boll, bei Christie’s Präsident für Europa, den Mittleren Osten, Russland und Indien (Emeri). Doch auch wenn verunsicherte Sammler derzeit nicht verkaufen wollen, geht das Geschäft mit der Kunst weiter: „Viele Leute haben jetzt andere Sorgen“, sagt Boll, „trotzdem ist die Grundversorgung durch die ,drei Ds‘ – death, debt, divorce – eigentlich immer gesichert.“ Zudem müssen die professionellen Kunsthändler auch weiterhin kaufen und verkaufen, wobei sie oft nicht nur auf ihre eigenen Kontakte zurückgreifen, sondern auch auf die größere Plattform der Auktionen.

Es überrascht nicht, dass Sotheby’s, Christie’s und Phillips nun massiv in die Sparte private sales investieren, die in den letzten Jahren starke Umsatzzuwächse verzeichnet. Neu ist dabei, dass man einige dieser privat zum Verkauf stehenden Werke öffentlich auf den Internetseiten der Auktionshäuser betrachten kann, zum Teil sogar mit Preisschild. Das soll nicht nur Käufer, sondern auch Verkäufer auf diesen Geschäftszweig aufmerksam machen. Die private Vermittlung bietet „eine gute Möglichkeit für uns, mit Leuten in Kontakt zu treten, die derzeit zum Handeln bereit sind“, sagt Cheyenne Westphal, Global Chairwoman von Phillips. Auf der Website von Phillips werden derzeit 29 zeitgenössische Kunstwerke angeboten, darunter eine „African American Flag“ des amerikanischen Konzeptkünstlers David Hammons für 1,5 bis zwei Millionen Dollar. Für dieses Werk ist der Preis nur auf Anfrage zu erfahren, bei den weniger teuren wird er genannt.

Auch Christie’s führt auf seiner Website unter private sales viele Objekte auf. „Der gewünschte Geheimhaltungsgrad ist unterschiedlich“, sagt Boll. „Mancher Besitzer hat kein Problem damit, wer alles weiß, dass er ein bestimmtes Werk verkaufen möchte, zum Beispiel weil es schnell gehen soll oder weil der Preis ohnehin bekannt ist, wenn das Werk bei einer Auktion durchgefallen ist.“ Oliver Barker, Auktionator und Chairman von Sotheby’s Europe, weist auf die bei Sotheby’s bereits etablierten Ausstellungen mit Werken zum privaten Verkauf hin und hebt hervor, „dass nicht alle sogenannten private sales dem Wunsch nach Privatheit entstammen“. Bei Sotheby’s stehen seit Ende März schon mehr als hundert Objekte auf der Website, darunter auch Schmuck und Wein. Bei den Alten Meistern ist ein Blumenstillleben von Christoffel van den Berghe für 1,2 Millionen Dollar im Angebot.

Natürlich richten sich aller Augen auf die Prestige-Auktionen mit Impressionismus, Moderne und Zeitgenossen, die zwei- mal im Jahr in New York stattfinden. Die für Mai geplanten Veranstaltungen sind bereits auf Ende Juni verlegt. Dafür wurden die Londoner Sommer-Auktionen in diesen Sparten gestrichen, was die britische Hauptstadt als europäischen Standort noch weiter gegenüber Paris schwächt. Doch wie läuft die Akquise für New York – unter erschwerten Bedingungen? Dazu sagt Boll, dass „die Grundversorgung mit Werken für die Frühjahrssaison in New York immer gleich nach den Auktionen im November zuvor beginnt. Im Januar wird der Beschaffungsmarkt dann sehr aktiv, und daher gibt es schon eine gute Kerngruppe an Objekten. Falls die derzeitigen Beschränkungen in einigen Wochen aufgehoben werden sollten, wird dies eine Welle von Einlieferungen in Auktionen und private sales auslösen.“ Auch bei Sotheby’s laufe die Zusammenstellung des Programms für New York „sehr gut“, versichert Barker: Dazu zählt zum Beispiel schon Francis Bacons „Triptych Inspired by the Oresteia of Aeschylus“ aus der Sammlung von Hans Rasmus Astrup, eingereicht vom Astrup Fearnley Museet in Oslo und geschätzt auf sechzig Millionen Dollar. Sotheby’s geht für seine Tagesauktionen mit Impressionismus und Moderne und mit Zeitgenossen in New York zudem einen Sonderweg: Sie wurden zu Online-Only-Auktionen umgewandelt, die schon in der ersten Maihälfte stattfinden werden.

Wie wichtig der Erfolg der New Yorker Auktionen ist, unterstreicht auch Dirk Boll: „Nach einer Krise müssen Auktionen mit Qualität inspirieren und ziemlich kommerziell zusammengestellt sein. Das ist eine Lehre, die wir aus den ersten Auktionen nach der Finanzkrise im Jahr 2008 gezogen haben, als zwei Monate nach dem Kollaps von Lehman Brothers rund die Hälfte der Lose in den New Yorker Novemberauktionen unverkauft blieb. Die Yves-Saint-Laurent-Versteigerung in Paris im Februar 2009 signalisierte dann, dass hochwertige Kunst weiterhin starke Preise erzielt.“ Bei Sotheby’s stellte dann im November 2009 Andy Warhols früher monumentaler Siebdruck „200 One Dollar Bills“ mit dem Hammerpreis von 39 Millionen Dollar das Vertrauen in den Zeitgenossen-Markt wieder her.

Die nächste große Saison mit Live-Auktionen steht für Christie’s und Sotheby’s allerdings schon von Ende Mai an in Paris an: Bei Christie’s sind bis Ende Juni vierzehn, bei Sotheby’s zwölf Saal-Auktionen geplant. Damit diese nicht abgesagt werden müssen – und um den Auktionsmarkt in Frankreich zu unterstützen – hat die zuständige Instanz, der „Conseil des Ventes“, Anfang April kurzerhand die bisher geltende Regelung gelockert, die den öffentlichen Zugang zu Objekten vor Live-Auktionen im Saal erfordert. In einer Mitteilung des Rates heißt es, dass angesichts der Corona-Krise von nun an „die Präsentation von Fotos auf der Website der vorherigen Ausstellung entspricht“. Mit dieser Neuerung hat Paris sich einen Wettbewerbsvorteil verschafft, falls die Regelungen zum „Social Distancing“ in anderen Ländern nicht bald gelockert werden. Einfach übernommen werden kann die französische Variante an den meisten Standorten jedenfalls nicht, wie Boll hervorhebt, weil dort Gesetzesänderungen nötig würden.

Für ihre Online-Only-Auktionen können die internationalen Auktionshäuser jedenfalls auch auf erst jüngste Verkäufe oder schon vor einiger Zeit geschätzte Objekte, auf Einlieferungen direkt aus Galerien oder aus professionell betreuten, mit verlässlichen Zustandsberichten versehenen Sammlungen privater und institutioneller Einlieferer bauen. Die Käufer sind bei reinen Online-Auktionen durch das Rückgaberecht für zwei Wochen nach Erhalt der Ware ohne Angabe von Gründen geschützt. Doch um ein marktfrisches, seit Jahrzehnten nicht gesehenes Spitzenwerk irgendwo ausfindig zu machen, müssen die Spezialisten eben wieder reisen können.

Quelle: F.A.Z.
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