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Jahresgaben der Kunstvereine

Was bin ich?

Von Magdalena Kröner
 - 05:50

Wann wird ein Bild zum Kunstwerk? Wie behauptet sich die Malerei gegen die Flut digitaler Bilder? Wie viel Originalität braucht eine Idee, um Kunst zu werden? Es sind grundlegende Fragen zur Kunst und zum Bildbegriff, von denen die aktuellen Jahresgaben der deutschen Kunstvereine geprägt sind.

Gleich an zwei Orten, in Münster und in Köln, sind Arbeiten von „Das Institut“ vertreten: Unter dieser Bezeichnung firmieren die beiden in New York lebenden Künstlerinnen Kerstin Brätsch und Adele Röder, die in diesem Jahr auch auf der Venedig-Biennale darüber nachdachten, wie Malerei im Zeitalter digitaler Bildproduktion aussehen, wirken und sich behaupten könne. Für den Westfälischen Kunstverein haben Brätsch und Röder einen Digitaldruck mit pinkfarbenen Röhren- oder Aortenformen auf Seide über eine ihrer typischen abstrakten Malereien gelegt. (2 Unikate; je 1800 Euro). Das Ergebnis erinnert ein wenig an einen Bildschirmschoner, den man zu lange sich selbst überlassen hat, konfrontiert aber vor allem zwei zunächst entgegensetzte Genres miteinander.

Noch näher an der Selbstbeschreibung als „Import Export Unternehmen“ ist die Jahresgabe, die „Das Institut“ sich für Köln ausgedacht hat: Gemeinsam mit dem Fotografen Albrecht Fuchs entstand „Painting Parasite“: Die Fotografie zeigt Kerstin Brätsch vor einem „Institut“-Gemälde im „Institut“-Pulli, der mit einer typischen „Institut“-Erfindung - einem maschinengestrickten „Parasite Patch“ mit dem Porträt von Brätsch - verziert ist. Handgemachtes und maschinell Produziertes, Branding und Signatur, Massenware und Unikat - Brätsch und Röder führen all das in ihrem Werk zusammen, mit dem die Kunst als erfolgreiche Marke etabliert wird (Auflage 15 +3AP; je 600 Euro).

Die stete Frage nach dem Original und eine eigensinnige Liebe zur Handarbeit prägen auch das Werk des 1958 geborenen niederländischen Künstlers Rob Scholte. Der Documenta-Teilnehmer von 1987 druckt für den Düsseldorfer Kunstverein Ansichten von Vermeers „Straße in Delft“ als Monoprints auf Papier, doch das sieht ganz anders aus, als man es erwarten könnte. Scholte hat Stickbilder mit dem berühmten Vermeer-Motiv auf Flohmärkten gekauft. Diese hat er von ihren Keilrahmen gelöst und die Rückseite nach vorn gekehrt, eingescannt, vergrößert und digital gedruckt. Damit wirft er eine ganze Reihe von Fragen auf: Was gilt nun als Kunstwerk? Wer ist hier eigentlich der Künstler? Ist dieser vielleicht gar erst der Kunstverein, der die Werke in den Handel bringt? (16 Unikate, je 1 + 1AP; 550 Euro für Mitglieder, 650 Euro für Nichtmitglieder).

Im Braunschweiger Kunstverein dagegen lässt der 1976 in Schweden geborene, in Berlin lebende Künstler Bo Christian Larsson so etwas wie eine eindeutige künstlerische Handschrift erkennen. Larsson verändert historische, aus Büchern entnommene Porträts expressiv mit Ölfarbe und Sprühlack, die wie Flammen an den Blättern entlanglodern. Indem er die Eindeutigkeit der anonymen Bildnisse auslöscht, verschiebt er das Dargestellte in den Bereich der Abstraktion - betont darin jedoch, wie er sagt, „den Übergang von einem Seinszustand in einen anderen“; nicht umsonst nennt er seine Porträts „Ghosts“ (2 Unikate; je 900 Euro).

Mit einer Auslöschung, die sich auf Text und auf Bild bezieht, befasst sich die 1976 geborene Natalie Czech für ihre Jahresgabe im Kunstverein Hamburg: Für „A hidden poem by Jack Kerouac#2“ hat die in Berlin lebende Künstlerin einen Brief des Kritikers James Fitzsimmons an Donald Judd aus dem Jahr 1965 abfotografiert und im Text Worte rot markiert, die - nacheinander gelesen - ein Gedicht von Kerouac ergeben. Das Besondere daran ist, dass Fitzsimmons, der Herausgeber der Zeitschrift „Art International“, in seinem Brief den „watschelnden“ Stil in den Texten Donald Judds bemängelt. Die künstlerischen Auslöschungen und Markierungen Czechs heben die überraschenderweise im Brief verborgene Poesie hervor. Damit verweisen sie sowohl auf verschiedene Sprachmodi als auch auf den künstlerischen Kampf um Autorschaft, Deutungshoheit und Autorität (Auflage 10+ 3AP; 550 Euro).

Wem derlei konzeptuelles Nachdenken über Text und Bild zu vertrackt ist, der könnte sich an den Arbeiten des 1979 geborenen Künstlers Stephan Strumbel erfreuen, die, ebenfalls in Hamburg, anheimelndes Wohlgefühl versprechen: Eine von schmelzendem Schnee bedeckte Kuckucksuhr („Holy Heimat/Uhr“, Auflage 3+ 2AP; 4900 Euro) und ein neongerahmtes Kreuz („Holy Heimat Kruzifix“, Unikat; 3500 Euro) strahlen in die Vorweihnachtszeit. Doch fühlen sich diese Produkte recht bald an wie eine Überdosis Weihnachtskonfekt und attackieren die Sehnsucht nach „Heimat“.

Auch im Werk des 1968 in Eutin geborenen, in Berlin lebenden Michael Hakimi überlagern sich paradoxe künstlerische Gesten und Codes: „Scheibenwischer 1-4“ heißt seine Jahresgabe für den Kunstverein Nürnberg. Denkbar einfach gemacht - mit einer Schablone und goldener Sprühfarbe auf Tonpapier -, gibt sich die Arbeit betont unkünstlerisch, suggeriert jedoch zugleich eine Kostbarkeit, die auf vergangene kunsthistorische Darstellungsarten und religiöse Traditionen verweisen mag (4Unikate; je 1200 Euro).

Und zu all diesen Gaben brennt, so gar nicht vorweihnachtlich domestiziert, ein „Feuerchen!“, das der isländische Künstler Ragnar Kjartansson im Frankfurter Kunstverein entzündet. Aus gesägter und bemalter Spanplatte sind die lodernden Unikate gefertigt. Ist das nun ein Bild? Ein Zitat? Eine Plastik? Was immer es auch ist: Es macht einfach Spaß (30Unikate; je 500 Euro).

Quelle: F.A.S.
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