Bücher und Autographen

Weltwissen nicht nur für Mediziner

Von Jonathan Kreß
25.10.2021
, 12:06
Glanzstück der frühen Anatomie: Vesalius, „De humani corporis fabrica libri septem“, Basel, J. Oporinus, 1543, 41 mal 29 Zentimeter, Taxe 700.000 Euro.
Sein fünfzigjähriges Bestehen feiert das Auktionshaus Reiss & Sohn mit einer herbstlichen Jubiläumsauktion. Meilensteine der Wissenschaftsgeschichte könnten für Rekorde sorgen.
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Im Jubiläumsjahr von Reiss & Sohn in Königstein könnte es wieder einen Zuschlag in Millionenhöhe geben. Mit seiner Herbstofferte, die vom 26. bis zum 29. Oktober versteigert wird, feiert das Auktionshaus fünfzigjähriges Bestehen. In einem Sonderkatalog werden dazu 40 besonders wertvolle Lose aus dem Angebot an Büchern, Landkarten, Grafik und Fotografie vorgestellt, deren Schätzpreise meist im fünfstelligen Bereich liegen. Siebenstellig Preise sind selten auf Buchauktionen. Zuletzt stellte das Haus 2017 einen Auktionsrekord von 1,1 Millionen Euro für eine gebundene Ausgabe von Luthers 95 Thesen auf.

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Für eine Ausgabe des „Rudiumentum novitiorum“ von Lucas Brandis werden jetzt 1,2 Millionen erwartet. Das 1475 in Lübeck gedruckte Werk ist eine der ersten Weltchroniken, vergleichbar mit der berühmteren, aber erst 18 Jahre später gedruckten Schedelschen Weltchronik. Das Exemplar enthält die frühesten Landkarten, die im Buchdruck verbreitet wurden. Seine kostbare Ausstattung und der große Umfang des 475 Seiten und mehr als 150 Holzschnitte zählenden Folianten machten ihn schon bei Erscheinen zu einer teuren Anschaffung. So wurde die Chronik seinerzeit kein großer Erfolg, und Exemplare wie das vorliegende im vollständigen Erhaltungszustand sind extrem rar.

Rares Pionierwerk der Kartographie im Buchdruck:  „Rudimentum novitiorum“ von Lucas Brandis, gedruckt 1475 in Lübeck, 39,3 mal 29,2 Zentimeter, Taxe 1,2 Millionen Euro.
Rares Pionierwerk der Kartographie im Buchdruck: „Rudimentum novitiorum“ von Lucas Brandis, gedruckt 1475 in Lübeck, 39,3 mal 29,2 Zentimeter, Taxe 1,2 Millionen Euro. Bild: Reiss & Sohn

Für das siebenbändige Anatomie-Werk „De humani corporis fabrica libri septem“ von Andreas Vesalius, 1543 in Basel gedruckt, werden 700.000 Euro erwartet. Es ist bekannt für seine Illustrationen, die sezierte menschliche Körper in allegorischen Posen darstellen, und gilt als für die medizinische Praxis revolutionär. Erster Besitzer des vorliegenden Exemplars war der sächsischen Arzt Caspar Neefe, der es mit zahlreichen Anmerkungen versehen hat. Ein weiterer Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte folgte 1632 mit dem Druck des „Dialogo“ von Galileo Galilei. Die Verteidigung des heliozentrischen Weltbilds landete auf dem Index der Inquisition, und seine Gegner zerstörten jedes Exemplar, dessen sie habhaft werden konnten. Eine der deshalb seltenen Erstausgaben in gutem Erhaltungszustand wird auf 100.000 Euro geschätzt. Zum Aufruf kommen auch zwei weitere Erstausgaben einflussreicher Schriften: Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ von 1781 (12-000) und Sigmund Freuds „Traumdeutung“ von 1899 (10.000).

Unter den Autographen finden sich zwei Briefe von der Hand Friedrichs des Großen. In einem auf den 22. September 1773 datierten Brief erkundigte er sich beim Arzt Friedrich Jagwitz nach der Gesundheit des Generals Friedrich Wilhelm von Seydlitz (800). Ein Schreiben vom 7. November 1781 ist an die Witwe des Geheimen Finanzrats Roden gerichtet und lehnt ihre Bitte, in die Prozesse der Justiz einzugreifen, ab (500). Aus der Offerte illustrierter Bücher stechen die wunderbar gezeichneten und kolorierten Früchte hervor, die auf den 60 Kupfertafeln der „Pomona Britannica“ abgebildet sind. Im Angebot ist die zweite Ausgabe der botanischen Sammlung von George Brookshaw von 1817 (7000).

Von fernen Ländern und Zeiten berichten Bücher und Alben aus der geographischen Abteilung. Eine ganze Sammlung von Reiseliteratur bieten die sechs Bände der reich illustrierten „Collection of Voyages and Travels“, die von 1744 an in der dritten Ausgabe in London erschien (4000). Von der ersten Südseefahrt der HMS Endeavour unter James Cook stammen die Zeichnungen des jungen Künstlers Sidney Parkinson. Der 1773 erschienene Band enthält neben Landschaftsdarstellungen auch die Porträts von Neuseeländern in Kampfausrüstung, ihren tätowierten Gesichtern und eine Karte der Insel (5000). Das 1861 in Paris erschienene Album „Stamboul. Souvenir d’Orient“ von Amadeo Preziosi ist mit prachtvoll farbig lithographierten Tafeln ausgestattet, die einen Basar, fliegende Händler und Straßenmusiker auf den Straßen Istanbuls zeigen (5000).

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Quelle: F.A.Z.
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