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Karikaturen bei Sotheby’s

Diese Russen

Von Andreas Platthaus
 - 10:00

Aktualität belebt das Geschäft bei alten Karikaturen: Als bei Sotheby’s in London jetzt eine 1963 im „Daily Express“ abgedruckte Zeichnung des Zeichners Ronald Carl Giles zum Ausruf kam, steigerte sie ihre untere Schätzung von dreitausend Pfund auf das Doppelte. „Die Sicherheitskräfte bieten mit“, scherzte der Auktionator, denn Giles hatte seinerzeit ein Geheimnis verraten: Auf seinem Blatt sieht man eine englische Kneipe, in der die Hälfte der Gäste aus typisch russisch gekleideten Männern besteht, denen die andere, die einheimische Hälfte Vertraulichkeiten zuflüstert. Der Text dazu: „Binnen einer halben Stunde in einem Country Pub würden die Russen viel mehr über die Briten lernen als in allen Museen oder Handelzentren des Landes.“ Die Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal in einem englischen Lokal hat der Karikatur ihre neue Aktualität verschafft. Sie war Teil des größten Angebots an Karikaturen, die seit Jahrzehnten versteigert wurde, der Sammlung des britischen Schriftstellers und früheren konservativen Politikers Jeffrey Archer, die dieser seit 1986 zusammengetragen hat. Ihr Schwerpunkt liegt auf britischen Arbeiten des 20. Jahrhunderts, doch Archer trug auch Werke von Klassikern wie etwa John Tenniel, Thomas Rowlandson oder James Gillray zusammen. Eine Originalzeichnung des Letzteren, 1796 gegen die Französische Revolution gerichtet, war mit 30 000 Pfund das am höchsten eingeschätzte Los. Am Ende erreichte sie auch den Spitzenplatz, doch den teilte sie sich mit einer Churchill-Karikatur von Max Beerbohm aus dem Jahr 1943: Beide Blätter erzielten jeweils 38 000 Pfund; bei Beerbohm war das fast der fünffache Schätzpreis. Der oft vertretene Churchill als Motiv war wie der oft vertretene Beerbohm als Zeichner Garant für hohe Preise, und so übertraf die Auktion mit insgesamt fast 500 000 Pfund ihren geschätzten Gesamterlös von 360 000 Pfund deutlich, obwohl ein rundes Fünftel der 225 Lose unverkauft blieb. Etwas enttäuschend waren trotz Verdoppelung des Schätzpreises die 11 000 Pfund, die für eine Karikatur von Ronald Searle aus seiner Zeit beim „Punch“ gezahlt wurde, die sich der Aufregung um Graham Sutherlands Porträt des greisen Churchill von 1954 widmete. Dessen Gattin ließ das Bild, das ihrem Mann missfiel, damals zerstören, aber Searle hat es meisterhaft auf seinem Blatt wiedererstehen lassen. Keine britische Institution hatte die Sammlung des siebenundsiebzigjährigen Jeffrey Archer komplett erwerben wollen, und so erfolgte ihr Verkauf nun zu wohltätigen Zwecken: ein Markttest für Karikaturen auf dem Kunstmarkt. Den haben sie gut bestanden.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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