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Erbstreit

Da war Kunst für eine geschätzte halbe Milliarde Dollar

Von Stefan Koldehoff
 - 16:38

Verliehen haben Basil und Elise Goulandris ihre Bilder immer gern: das Frauenbildnis von Toulouse-Lautrec, das Selbstporträt von Cézanne, das „Stillleben mit Kaffeetopf“ oder den „Korb mit Orangen“ von Van Gogh. Rund zweihundert Werke im Gesamtwert von geschätzt einer halben Milliarde Dollar hatten beide im Laufe eines halben Jahrhunderts zusammengetragen. Basil Goulandris sorgte 1957 weltweit für Schlagzeilen, als er - in ständiger Sammlerkonkurrenz vor allem mit seinem Landsmann Stavros Niarchos - in Paris für ein „Stillleben mit Äpfeln“ von Gauguin den damaligen Weltrekordpreis von umgerechnet 297 000 Dollar bezahlte. Fast alles, was danach folgte, hatte museale Qualität: eines der letzten Bilder zum Beispiel, das Cézanne 1906 kurz vor seinem Tod von seinem Gärtner malte. Viele Werke hingen, wie Fotos belegen, über die Wintermonate im Châlet in Gstaad; über den Sommer wurden die Bilder dann in die Villa nach Lausanne oder in ein Lagerhaus gebracht.

Wer immer eines für eine Retrospektive oder Themenausstellung benötigte, konnte auf die Unterstützung des Sammlerpaars mit Wohnsitz in der Schweiz rechnen. Im Sommer 1999, ein Jahr vor ihrem Tod, entschied sich Elise Goulandris sogar, die Hauptwerke für knapp drei Monate öffentlich zu zeigen - im kleinen strahlend weißen Kunstmuseum auf der Kykladeninsel Andros, das das Paar selbst hatte bauen lassen: Dort hingen neben 25 anderen Werken Van Goghs „Alyscamps“ und die „Olivenernte“, Monets „Kathedrale von Rouen“, ein Drip-Painting von Pollock, abstrakte Bilder von Kandinsky und Klee, ein Triptychon von Francis Bacon. Und dort stand auch eines der kostbaren Exemplare von Degas’ „Kleiner Tänzerin von vierzehn Jahren“, natürlich auf einer griechischen Säule. Verkauft aber wurde zu Lebzeiten der Sammler nur selten. Ein zweites Kathedralen-Bild Monets wechselte 1990 über die Baseler Galerie Beyeler in die Sammlung der japanischen Sicherheitsfirma Nomura: Zwei Fassungen desselben gesuchten Motivs schienen selbst für Milliardäre ein zu großer Luxus.

Nun allerdings behauptet eine Erbin des Paars, große Teile der Sammlung seien verschwunden oder gegen den Willen der Sammler verkauft worden. Die Nichte, Aspasia Zaimis, hat deshalb in der Schweiz Klage eingereicht. Sie sieht den Letzten Willen vor allem ihrer Tante missachtet und fürchtet, dass Bilder unter der Hand verkauft worden sein könnten. Im April 1994 starb Basil Goulandris, der sein Geld mit den Tankern der Orion Shipping & Trading Company gemacht hatte und vor der Demokratisierung in seinem Heimatland enge Kontakte zum dortigen Militärregime unterhielt, im Alter von 81 Jahren. Seine Frau Elise überlebte ihn um sechs Jahre. Noch zu Lebzeiten hatten beide festgelegt, dass ein Kernbestand ihrer Sammlung einmal in einem Museum in Athen gezeigt werden sollte. Mit dem Bau war der japanische Stararchitekt Ieoh Ming Pei beauftragt worden: Grundfläche zehntausend Quadratmeter, geschätzte Kosten rund 27 Millionen Euro.

Das Goulandris-Museum sollte 2012 fertig sein

Der griechische Staat stellte ein Grundstück zur Verfügung. Der Bau stoppte aber schon, als Arbeiter im Herbst 1996 beim Ausschachten auf die antiken Mauern angeblich jenes Lyzeums stießen, in dem schon Aristoteles seine Schüler unterrichtet haben soll. Ein anderer Standort scheiterte am Protest von Anwohnern. 2009 dann gab die drei Jahrzehnte zuvor für den Erhalt der Sammlung gegründete Goulandris-Stiftung den Kauf eines neoklassizistischen Gebäudes im Viertel Eratosthenous im Vorort Pangrati mit immerhin noch 7000 Quadratmetern Fläche bekannt. Bis 2012 sollte dort das Goulandris-Museum entstehen. Es folgten drohende griechische Staatspleite, drastische Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen. Man verfolge das Ziel trotzdem weiter, heißt es seither unverbindlich im Athener Kulturministerium.

Was von ihrem persönlichen Besitz nicht antik und nicht für ein Museum geeignet sei, so soll die kinderlose Elise Goulandris verfügt haben, sollten ihre Nichten und Neffen erhalten. Nun klagt eben eine Nichte vor einem Gericht in Lausanne gegen die Testamentsvollstrecker ihrer Tante. Aspasia Zaimis, der laut Testament ein Sechstel des Nachlasses zusteht, zählt dazu auch die Werke der Klassischen Moderne. Diese aber habe sie zuletzt Anfang dieses Jahrhunderts gesehen, so Zaimis: Seitdem seien zahlreiche Werke verschwunden, hat sie gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg beklagt. Zitiert wird dort ein auf 1995 datierter Vertrag, dem zufolge Basil Goulandris 83 Werke an eine panamaische Firma namens Wilton Trading SA verkauft haben soll - für zusammen gerade einmal 31,7 Millionen Dollar, weit unter dem Marktwert also.

Auch nach dem Tod wurden Werke verkauft

Die Wilton Trading SA habe Goulandris’ 2005 gestorbener Schwägerin Maria gehört, bestätigte gegenüber dem Schweizer Gericht deren Sohn Peter John Goulandris; sein Onkel habe Geld benötigt, um Schulden zu begleichen. Deshalb sei er mit dem Preis einverstanden gewesen. Außerdem habe Maria Goulandris zugestimmt, dass die verkauften Werke auch weiterhin in Gstaad hängen bleiben dürften. Teile des Konvoluts - darunter elf Picassos, drei Braques, fünf Gemälde von Cézanne, je drei von Chagall und Renoir, je zwei von Degas, Gauguin, Max Ernst, Manet, Miró, Monet und Pollock sowie je ein Matisse, Klee und Kandinsky - sollen Mitte 1992 in die im liechtensteinischen Vaduz registrierte Stiftung Sirina überführt worden sein. Dieser Darstellung widersprechen, aus Sicht der klagenden Aspasia Zaimis, verschiedene Fakten. So sei nach einem Gutachten der Lausanner Staatsanwaltschaft der Vertrag von 1985 auf einem Papier verfasst worden, das es vor 1988 gar nicht gegeben habe. Der an Parkinson erkrankte Basil Goulandris sei 1988 aber gar nicht mehr in der Lage gewesen, eine Unterschrift zu leisten.

Die Familie widerspricht der Klage

Auf Nachfragen dieser Zeitung reagierten bisher weder Aspasia Zaimis noch ihr Anwalt. Die Agentur Bloomberg berichtet aber, dass in den Versicherungsunterlagen für das 1993 ans Museum of Modern Art in New York ausgeliehene Miró-Gemälde „Paysage (La Sauterelle)“ Basil Goulandris als Besitzer genannt sei - und nicht die Wilton Trading, die es angeblich acht Jahre zuvor gekauft haben soll. Und auch bei der Ausstellung im Jahr 1999 auf Andros, bei der Werke von Bacon, Balthus, Bonnard, Braque, Cézanne, Degas, Ernst, Gauguin, Giacometti, Van Gogh, Kandinsky, Klee, Léger, Miró, Monet, Picasso, Pollock, Rodin und Toulouse-Lautrec gezeigt wurden, deutete nichts darauf hin, dass sie nicht Eigentum des Paars gewesen seien.

Zaimis’ Miterben - ihre Schwester und vier weitere Nichten und Neffen - tragen deren Klage allerdings nicht nur nicht mit, sie widersprechen ihr ausdrücklich über einen gemeinsamen Anwalt. Alles gehe mit rechten Dingen zu, entgegnet auch Elise Goulandris’ Testamentsvollstrecker Kyriakos Koutsomallis, gegen den die Schweizer Behörden wegen des Verdachts auf Vortäuschung falscher Besitzverhältnisse und Weitergabe gefälschter Dokumente ermitteln. Auch Peter John Goulandris, einer der Miterben, lässt über seinen Anwalt mitteilen: „Es gibt ein Grundstück für das Museum und fortgeschrittene Pläne und Vorbereitungen für seinen Bau. Die Gemälde, um die es geht, waren Teil einer privaten Transaktion zwischen Basil Goulandris und Wilton Trading S.A., etwa zehn Jahre vor seinem Tod.“

Wird die Frau im Garten verkauft?

Tatsächlich wurden nach Recherchen dieser Zeitung allerdings auch noch nach dem Tod von Basil und Elise Goulandris Werke verkauft, die zwar nicht antik, dafür aber so museal sind, dass jeder Museumsdirektor für sie sofort eine Wand frei räumen würde. Vincent van Goghs kurz vor seinem Tod 1890 entstandenes Doppelbildnis „Zwei Kinder“ zum Beispiel vermittelte der New Yorker Kunsthändler Alexander Apsis im Januar 2002 an den Inhaber der Investmentfirma Perpetual Corporation, Joseph Allbritton in Washington. Er verdankt sein Vermögen unter anderem Geschäften mit dem Regime des chilenischen Diktators Augusto Pinochet. Der kolportierte Kaufpreis lag bei siebzehn Millionen Dollar. Ein weiteres Gemälde Van Goghs - „Stillleben mit Korb und Orangen“ von 1888 - fand über die Galerie Heather James im kalifornischen Palm Desert in eine amerikanische Privatsammlung. Gerüchten zufolge gibt es zumindest Verkaufsverhandlungen auch über Toulouse-Lautrecs „Frau im Garten“, die Basil Goulandris aus dem Bestand des Toledo Museum of Art erwarb, und über Van Goghs „Olivenernte“, die 1972 vom New Yorker Metropolitan Museum über die Marlborough Galleries verkauft worden war und heute auf mindestens sechzig Millionen Dollar geschätzt wird.

Aspasia Zaimis lässt sich unterdessen ihre Klage vom New Yorker Kunsthändler Ezra Chowaiki mitfinanzieren. Der Inhaber der auf Impressionisten spezialisierten Park-Avenue-Galerie Chowaiki & Co. bestätigt, dass er dafür ein Zugriffsrecht habe, falls der Erbin Werke zugesprochen würden.

Quelle: F.A.Z.
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