Kunst bei Ketterer

Das Geheimnis der Ziegenhirtin

Von Brita Sachs
Aktualisiert am 29.11.2020
 - 11:49
Ernst Ludwig Kirchner, „Unser Haus“, 1918-1922, Öl auf Leinwand.
Bei Ketterer in München erstrahlt Kirchner wieder als Star über einem starken Feld. Ein Blick in den Katalog.

Hinter rosafarbenen Lupinen erhebt sich weiß das „Haus in den Lärchen“, das Ernst Ludwig Kirchner und seine Lebensgefährtin Erna Schilling in Frauenkirch bei Davos 1918 bezogen. „Unser Haus“ schreibt der Künstler hinten auf das 1,20 Meter breite Werk und datiert es „1918–1922“. Die kräftigen Farben kündigen den Stilwandel an, den Kirchner an diesem Ort vollziehen würde, der ihn von seiner Morphiumsucht befreien half und seelisch stabilisierte. Das Gemälde gehört zu den wenigen Arbeiten, die Kirchners Familie bis heute zurückgehalten hat, und es ist mit seiner Taxe von 500.000 bis 700.000 Euro das Spitzenlos der Ketterer-Auktionen am 11. und 12. Dezember in München.

Einmal mehr ist Kirchner der Star im Hause Ketterer, dem sein OEuvre besonders nahesteht, seit die Erben den Großteil des Nachlasses 1954 Roman Norbert Ketterer zur Verwaltung übergaben, dem Onkel des heutigen Eigentümers des Auktionshauses. Unter den 77 Losen des Evening Sale am ersten Auktionstag tritt mit „Frau mit Ziege“ vor munterem Bach auch eines der drei letzten Bilder an, die Kirchner vor seinem Freitod 1938 schuf (250.000/350.000). Bei Röntgenuntersuchungen gab es jüngst ein Geheimnis preis: Mit dem bäuerlichen Staffelalpmotiv übermalte Kirchner die im Werkverzeichnis als „verschollen“ registrierten „Zwei Tänzerinnen“ von 1927/29.

Auch Nolde nahm eine Leinwand zweimal her, als er 1919 eine Taormina-Vedute umdrehte für die „Schauspielerin“. Dass die Dargestellte mit blitzblauen Augen und knallroten Lippen eine Schwester von Noldes Frau Ada war, scheint laut Katalog möglich, ist jedoch nicht beweisbar (400.000/600.000). In der Umbruchzeit zum Expressionismus entsteht 1908/09 Gabriele Münters „Haus mit Schneebäumen in Kochel“, ein Bild warmer Geborgenheit in klirrender Kälte (200.000/300.000). Zwei Jahre später malt die Künstlerin und Mitbegründerin des Blauen Reiters den „Blick aufs Murnauer Moos“, eine klare, flächige Komposition, die bei 250.000 bis 350.000 Euro angesetzt ist. Während Wladimir Bechtejeff mit seiner „Zirkusszene“ im Entstehungsumfeld der Blaue-Reiter-Gruppe siedelt (140.000/180.000), schuf Alexej Jawlensky sein abstrahiertes Stillleben lebhafter Formen nach Zerfall der Gruppe um 1917 (80.000/120.000). Das Bild kommt nach Jahrzehnten in Privatbesitz zur Auktion. Auch Lehmbrucks „Gebeugter weiblicher Torso“ aus rosa gefärbtem Gips blieb in Familienbesitz, seit ihn Erich Raemisch, Funktionär in der Krefelder Textilindustrie, um 1930 bei Alfred Flechtheim erwarb (180.000/220.000).

Das starke Angebot zur Klassischen Moderne mischt der Katalog mit Hochkarätigem der Zeit nach 1945, von Hans Arp das biomorphe Relief „Guripe II“ (70.000/90.000) und auch eine der poetischen „Metaphysischen Landschaften“ Willi Baumeisters von 1948 (50.000/70.000). Mit einer Schätzung von 250 000 bis 350 000 Euro liegen bei den Zeitgenossen drei Künstler gleichauf: Andy Warhol mit dem „Portrait of a Lady“ – es zeigt eine Grünäugige vor rotem Grund als Unikatdruck von 1982. Sodann Anselm Kiefer: In Anlehnung an Lobgesänge zum Palmsonntag schrieb er 2007 „Domenica in ramis palmarum“ auf einen mit Terracotta geschlämmten Stahlgrund, dem ein weißgetünchtes Palmblatt aufliegt. Und schließlich Tony Cragg, dessen hochglanzpolierte Stahlplastik je nach Blickwinkel Assoziationen an menschliche Körper und Profile weckt.

Auf viel Interesse dürfte Daniel Richters 1999 gemalte „Fühlung, Flirrung, Flüchtung“ stoßen, ein vielfarbiges Gemenge freier Formen, geometrischer Körper und kleiner Eruptionen auf 215 mal 170 Zentimetern (180.000/240.000). Ähnliche Dimensionen füllt eine unbetitelte Komposition Katharina Grosses – von einer Schräge durchschnitten, handelt das Bild von Rot, Blau und Grün (140.000/180.000). Bei Günter Förg trennen zwei schmale, helle Senkrechten ein tiefes Schwarz in zwei Teile;diese Hommage an Barnett Newman von 2003 liegt bei 150.000 bis 250.000 Euro. Als einzige Fotoarbeit bereichert Thomas Struths Museumsbild „Hermitage 5, St. Petersburg“ den Abend (Cibachrome-Abzug, Aufl.10; 50.000/70.000 Euro).

Landschaften aller Himmelsrichtungen und Jahreszeiten beherrschen das Angebot zum neunzehnten Jahrhundert am 12. Dezember. Die aktuelle Periode stellt Peder Mönsteds „Sonniger Wintertag in Norwegen“ besonders schön dar (7000/9000). In üppiger Auswahl stehen Genrebilder meist bayerischen Zuschnitts zur Verfügung. Dazwischen adelt Auguste Renoir die Offerte mit dem Porträt einer jungen Frau, ein um 1885 gefertigtes Pastell aus einstigem Besitz des Dichters Hans Bethge (90.000/120.000). Außerdem gibt es eines der Rosenbilder aus Renoirs Spätwerk (70.000/90.000). Hund und Katz beobachten den Nachtwächter, den Spitzweg um 1870 beim Gang durchs romantisch mondbeschienene Dorf malte (50.000/70.000), eine Skizzenbuchzeichnung zum berühmten „Armen Poeten“ liegt ebenfalls parat (3000/4000). Auch Franz von Stuck vertreten mehrere Werke, darunter, im Originalrahmen, „Adam und Eva (die Familie)“, die als glückliches Elternpaar ihren Ältesten, Baby Kain, mit zwei Äpfeln bespaßen (70.000/90.000).

Quelle: F.A.Z.
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