Kunstauktionen

Im Wiener Sommer

Von Nicole Scheyerer, Wien
22.06.2020
, 11:49
Die Auktions-Serien des Dorotheums und im Kinsky.

Lange wurde Koloman Moser vor allem als vielseitiges Mitglied der Wiener Werkstätte geschätzt. Retrospektiven wie jene im Leopold Museum 2007 haben jedoch das Bild von Moser als bloßem Kunstgewerbler korrigiert. Sein Gemälde „Feldeinsamkeit“ von 1912/13 schmückt nun im Auktionshaus Kinsky den Katalog der Klassischen Moderne. Das auf 250.000 bis 500.000 Euro geschätzte Werk stellt einen Träumenden auf einem Wolkenbett dar. Der Einfluss von Mosers Idol Ferdinand Hodler ist zwar deutlich, aber in der Plastizität dieses Jünglingsakts beschreitet der Wiener bereits eigene Wege. Eine lange Ausstellungsliste hat Klimts Zeichnung „Brustbild einer Frau im Profil nach links“ vorzuweisen, deren Lippen er 1904/05 rot akzentuierte (Taxe 75.000/150.000 Euro). Drei Aktstudien Klimts beweisen im Kinsky dessen virtuose Linienerotik (Taxen von 35.000 bis 140.000 Euro). Auch die Konkurrenz Dorotheum hat bei ihrer Moderne-Auktion drei Skizzen des Jugendstilkünstlers im Köcher. Sie werden jedoch von Schieles hochformatiger Zeichnung „Sich entkleidende Frau“ ausgestochen: Dabei fasziniert die Haltung der Dargestellten, die weder steht noch liegt, sondern eher wie ein an die Wand gepinnter Schmetterling wirkt (180.000/260.000).

Die Vereinigung der „Secession“ nahm zwar keine Künstlerinnen als Mitglieder auf, die Gemälde von Broncia Koller-Pinell (1863 bis 1934) sorgten bei Ausstellungen dort dennoch für Furore. Das Kinsky bietet drei Gemälde aus ihrem Nachlass, darunter „Kutschenfahrt im winterlichen Wald“ (25.000/50.000). Eine Generation später geboren, spezialisierte sich die Grazer Malerin Norbertine Bresslern-Roth auf dekorative Tierbilder wie „Flamingos“ von 1935 (100.000/ 200.000). Dass sie sich auch auf exotische Frauenakte verstand, belegt im Kinsky ihr auf Jute gemaltes Südsee-Idyll „Fernes Land“ (150.000/300.000).

Das Dorotheum bietet von Alfons Walde dessen Evergreens „Einsamer Berghof“ (280.000/340.000) und „Sonntag in Tirol“ (80.000/140.000) an. Sehr dekorativ sehen Franz von Stucks „Faun und Bacchus“ im originalen achteckigen Goldrahmen aus (75.000/90.000). Von Max Liebermann gelangt das 54 mal 69 Zentimeter große Ölbild „Gemüsekarren – Hundekarren“ von 1906 zur Auktion (100.000/150.000). Viel Stimmung verströmt Rudolf Wackers „Stillleben mit St. Sebastian“, bei dem der neusachliche Maler 1927 eine Schnitzfigur in seinem Atelier festhielt (80.000/140.000). Von den internationalen Modernisten bietet das Dorotheum Fernando Boteros „Paar mit Schirm“ von 2004 (180.000/ 240.000) oder Renato Guttusos Pastiche „Büglerin mit Jungen von Caravaggio“ von 1974 (70.000/100.000) auf.

Das Kinsky hat all seine Frühjahrsauktionen auf die Tage vom 23. bis zum 25. Juni verlegt, darunter auch die Alten Meister und das 19. Jahrhundert. Das Highlight stellt dort das als Rembrandt-Schule ausgewiesene „Bildnis eines Philosophen“ dar, das einen Weisen im Lehnstuhl zeigt (60.000/100.000). Aus der Werkstatt von Frans Hals stammt ein „Lachender Junge mit Krug“ (25.000/50.000), während die angebotene „Allegorie der Liebe“ der Zusammenarbeit von Pieter Brueghel d. J. mit Hendrik van Balen entspringt (25.000/40.000).

Vom Umschlag des Katalogs zum 19. Jahrhundert lächelt ein „Mephisto“ verschlagen, den der Münchner Maler Eduard von Grützner 1895 aufwendig rot kostümiert hat (10.000/20.000). Aus der Epoche lockt ferner Ferdinand Waldmüllers Kleinformat „Junger Mann mit Strohhut“ (20.000/ 40.000) oder eine Ansicht bei Bad Ischl, die er 1834 zum Motiv nahm (80.000/ 120.000). Das Toplos bildet das 2,6 Meter hohe Ganzkörperporträt „Andreas Hofer“ des jungen Albin Egger-Lienz, für den der Tiroler Befreiungskampf fortan Thema blieb (100.000/150.000).

Dicke Kataloge legen Dorotheum und Kinsky in der zeitgenössischen Kunst vor. Das Dorotheum bedient den Trend zu Keith Haring mit dessen „Pyramidenskulptur“, die 1989 als Edition in Aluminium gegossen wurde (120.000/160.000). Das Schwarzweiß-Gemälde „Kreislauf der Spiele“, das A. R. Penck 2005 schuf, wirkt Harings Strichmännchen verwandt (100.000/150.000). Auch Markus Lüpertz hat sein Kopfbild „Othello vor Vasen“ 1996 bewusst grob gepinselt (40.000/60.000). Im Kinsky ist Lüpertz mit seinem Gemälde „Männer ohne Frauen. Parsifal“ von 1993 vertreten, das ebenfalls von Kopfformen dominiert wird (80.000/120.000). Der Großteil der Offerte bleibt aber national. Sie wird preislich von Hundertwassers Aquarell „Die Fenster eines Fluidoid“ angeführt; bei dem 1957 entstandenen Werk ist alles im Fluss (15.000/250.000). Auch Arnulf Rainers Hochformat „Schleierkreuz“ erinnert an einen Strom (75.000/130.000). Von Maria Lassnig stammt das Doppelporträt „Der Frank und die Frankfurterin“, das 1970 in New York entstanden ist (150.000/250.000). Ihren eigenen scharfen Blick hat Lassnig als Nahaufnahme in dem 33 mal 42 Zentimeter großen Ölbild „Ohne Titel (Auge)“ eingefangen (50.000/60.000).

Quelle: F.A.Z.
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