Deutsche Auktionshäuser

Trotz Krise gab es 2020 vier Zuschläge für mehr als eine Million Euro

Von Rose-Maria Gropp
13.08.2021
, 22:06
1) Die kaiserliche Goldbronze-Figur des Vajrabhairava aus der chinesischen Ming-Dynastie, datiert 1473, 94 Zentimeter hoch, 169 Kilogramm schwer. Zuschlag 9,5  Millionen Euro (Taxe 1 Million), Preis 14,07 Millionen Euro (inkl. 19 Prozent Mehrwertsteuer) bei Nagel in Stuttgart.
Die deutschen Auktionshäuser erlangen internationale Aufmerksamkeit. Der Grund sind ihre guten Ergebnisse – Tendenz steigend. Ein Blick auf 2020 und die Bilanz des ersten Halbjahres 2021.

Der deutsche Kunstmarkt ist, was die Auktionen hierzulande angeht, schon im Lauf des vergangenen Jahres so stark in den Fokus internationaler Beachtung ge­langt wie kaum je zuvor. Er ist aus dem Schatten der europäischen Konkurrenz, etwa in Paris, getreten. Die dominante Rolle Londons besteht bislang unverändert; allerdings hat der Brexit spürbare Auswirkungen auf das internationale Geschäft mit der Kunst. Der Grund für das gewachsene Interesse am deutschen Markt waren die guten Ergebnisse, die erzielt werden konnten – trotz der andauernden, sich sogar verschärfenden Pandemie. Dabei sind es hier ausschließlich einheimische Häuser, die den Markt mit Versteigerungen bespielen – derzeit jedenfalls noch. Sie haben sich, in einem für viele unerwartet schnell und geschmeidig erfolgten effizienten Innovationsschub, auf die durch Covid-19 oktroyierten Bedingungen eingestellt: mit zahlreichen Onlineauktionen samt schriftlicher und telefonischer Beteiligung; zuletzt dann auch wieder mit unter den erforderlichen Hygienemaßnahmen möglichen Hybridveranstaltungen.

Die dabei erzielten Preise erregten berechtigte Aufmerksamkeit. So konnte Mitte Juli 2020 Ketterer in München Gerhard Richters Schwestern-Porträt von „Christiane und Kerstin“ für 2,1 Millionen Euro zuschlagen, wohl an eine Bieterin aus Hongkong. Die absolute Spitze markierte Lempertz in Köln, als dort der Hammer bei 3,6 Millionen Euro für George de La Tours „La fillette au braisier“ fiel; dieser exquisite Altmeister wurde mit 21 weiteren Losen aus der Sammlung des Unternehmers Hinrich Bischoff versteigert. Als Käufer wurde dann in diesem Frühling der Louvre Abu Dhabi bekannt­ gegeben. Insgesamt gab es im Krisenjahr 2020 in Deutschland vier Zuschläge oberhalb von einer Million Euro.

4) Max Liebermann, „Reiter in der Allee bei Sakrow“, 1924, Öl auf Leinwand, 95 mal 114 Zentimeter: Zuschlag 1,2 Millionen Euro (Taxe 500.000/700 .000); Preis 1,465 Millionen Euro bei Grisebach in Berlin.
4) Max Liebermann, „Reiter in der Allee bei Sakrow“, 1924, Öl auf Leinwand, 95 mal 114 Zentimeter: Zuschlag 1,2 Millionen Euro (Taxe 500.000/700 .000); Preis 1,465 Millionen Euro bei Grisebach in Berlin. Bild: Grisebach

Konnte der Erfolgskurs, immerhin unter fort­gesetzten Einschränkungen bei der Besichtigung der Kunstwerke durch mögliche Käufer wie auch bei der Akquise, weitergehen? Zwar ist das aktuelle Jahr erst bei der Halbzeit angekommen, aber eine erste Bilanz sieht außerordentlich positiv aus. Es lassen sich sogar weitere Steigerungen feststellen, in mehr als einer Hinsicht: Nicht nur sind die in den Auktionen angebotenen Kunstwerke höherwertig geworden. Sondern auch die kaufkräftige Klientel ist, auffällig im obersten Preissegment, deutlich internationaler geworden. Dafür stehen die Spitzenstücke, die wir hier abbilden.

Es gab in den deutschen Häusern einschließlich der wichtigen Sommerauktionen bis in den Juli bereits acht Zuschläge bei einer Million Euro und einige Male noch beträchtlich darüber; das jeweilige Aufgeld eingerechnet, liegen damit insgesamt mehr als ein Dutzend der erzielten Preise oberhalb der Millionengrenze. Dieses bei Auktionen fällige Aufgeld, das die Einlieferer, vor allem aber die Käufer zu entrichten haben, liegt auf der Käuferseite inzwischen im Bereich von zwanzig bis 25 Prozent der Summe des Zuschlags. Darin liegt das eigentliche Geschäft für die Kunstversteigerer.

6) Günther Uecker, „Energiefeld“, 2009, Nägel, ­weiße Farbe auf Leinwand, auf Holz, 120 mal 200 mal 16 Zentimeter: Zuschlag 1,05 Millionen Euro (Taxe 500.000/700.000); Preis 1,125 Millionen Euro bei Ketterer in München.
6) Günther Uecker, „Energiefeld“, 2009, Nägel, ­weiße Farbe auf Leinwand, auf Holz, 120 mal 200 mal 16 Zentimeter: Zuschlag 1,05 Millionen Euro (Taxe 500.000/700.000); Preis 1,125 Millionen Euro bei Ketterer in München. Bild: Ketterer/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Auffällig ist, dass fünf der Spitzenlose aus bedeutenden Sammlungen stammen, die sich die deutschen Häuser entweder ganz oder in den Teilen, die daraus verkauft wurden, sichern konnten. Sie bescherten ihnen entsprechend auch noch unterhalb der Millionengrenze weitere teure Verkäufe. Die Deutsche Bank, die sich seit einiger Zeit sukzessive von ihrer einst kapitalen Kollektion trennt, um, so die Räson des Geldhauses, Raum für Zeit­genössisches zu schaffen, steuerte bei Ketterer Ernst Wilhelm Nays „Doppelspindel – Rot“ von 1967 (unser Bild 2) bei, die ihre Schätzung weit übertraf; das Werk geht in die Schweiz.

3) Eine von 10 Blümchen: Andy Warhol, „Flowers“, 1970, vollständige Folge von 10 Farbserigraphien, je 91,5 mal 91,5 Zentimeter: Zuschlag 1,7 Millionen Euro (Taxe 800.0000/1 Million); Preis  2,193 Millionen Euro bei Van Ham in Köln.
3) Eine von 10 Blümchen: Andy Warhol, „Flowers“, 1970, vollständige Folge von 10 Farbserigraphien, je 91,5 mal 91,5 Zentimeter: Zuschlag 1,7 Millionen Euro (Taxe 800.0000/1 Million); Preis 2,193 Millionen Euro bei Van Ham in Köln. Bild: Van Ham

Ebenfalls aus der Deutschen Bank kam Günther Ueckers großes „Energiefeld“ (6), das von einer amerikanischen Kunstberaterin übernommen wurde. Bei Van Ham in Köln entstammte der eminenten Kollektion des Ehepaars Walther und Helga Lauffs der komplette Satz der zehn Warhol-„Flowers“ von 1970 (3); sämtliche Lose des Sonderkatalogs wurden verkauft, ein „White Glove Sale“. Bei Grisebach in Berlin kam die Sammlung des berühmten Fotografen August Sander zum Aufruf, ebenfalls von einem eigenen Katalog begleitet.

7A) Franz Wilhelm Seiwert, „Wandbild für einen Fotografen“, 1925, Öl auf Leinwand, 109,5 mal 154,5 Zentimeter: Zuschlag 1 Million Euro (Taxe 400.000/600.000); Preis 1,225 Millionen Euro bei Grisebach in Berlin.
7A) Franz Wilhelm Seiwert, „Wandbild für einen Fotografen“, 1925, Öl auf Leinwand, 109,5 mal 154,5 Zentimeter: Zuschlag 1 Million Euro (Taxe 400.000/600.000); Preis 1,225 Millionen Euro bei Grisebach in Berlin. Bild: Grisebach

Für das „Wandbild für einen Fotografen“ von Franz Wilhelm Seiwert, einem Mitglied der Gruppe der „Kölner Progressiven“ (7), setzte das Art Institute of Chicago in der Auktion eine Million Euro ein. Und schließlich hatte Lempertz in Köln die Privatsammlung mit erlesenen Gold- und Silberobjekten des belgischen Kunsthändlers Bernard De Leye an sich bringen können, darunter eine geschichtsträchtige Lavabogarnitur (9).

9 A) Lavabogarnitur von Jean-Baptiste-François Chéret, Geschenk von Louis XV. an den Marquis und die ­Marquise de Montmelas, 1770, Silber, Vergoldung, Höhe der Kanne 29,5 Zentimeter: Zuschlag  900.000 Euro (Taxe 1/1,2 Millionen);  Preis  1,1 Millionen Euro bei Lempertz in Köln.
9 A) Lavabogarnitur von Jean-Baptiste-François Chéret, Geschenk von Louis XV. an den Marquis und die ­Marquise de Montmelas, 1770, Silber, Vergoldung, Höhe der Kanne 29,5 Zentimeter: Zuschlag 900.000 Euro (Taxe 1/1,2 Millionen); Preis 1,1 Millionen Euro bei Lempertz in Köln. Bild: Lempertz
5) Ernst Ludwig Kirchner, „Sertigweg“, 1937, Öl auf Leinwand, 120 mal 100 Zentimeter: Zuschlag 1,2 Millionen Euro (Taxe 400.000/600.000); Preis  1,5 Millionen Euro bei Ketterer in München.
5) Ernst Ludwig Kirchner, „Sertigweg“, 1937, Öl auf Leinwand, 120 mal 100 Zentimeter: Zuschlag 1,2 Millionen Euro (Taxe 400.000/600.000); Preis 1,5 Millionen Euro bei Ketterer in München. Bild: Ketterer

Eine Sammlergeneration tritt ab

Dahinter steht das offensichtliche Geschick des deutschen Auktionshandels, solche Kollektionen an sich zu binden, in denen sich individueller Geschmack spiegelt, Eigenständigkeit abseits des Mainstreams. Eine Sammlergeneration, die in Deutschland teils sehr diskret agiert hat, tritt nun langsam ab; sie selbst oder schon ihre Erben trennen sich von den Werken. So kommt ihr Vermächtnis in den Markt – und kann eben eine globale Klientel aktivieren, die in Europa nicht länger auf London oder Paris fixiert ist. Hinzu kommt darüber hinaus ein Geschmackswandel, der sich seit einigen Jahren beobachten lässt. Die einstige hiesige Domäne des deutschen Spätimpressionismus und vor allem Expressionismus in all seinen Ausfaltungen scheint passé, ist begehrt nur noch in den Spitzenwerken.

8) Luis de Morales (1509 bis 1586) und Werkstatt, „Kreuztragender Christus“, Öl auf Nussbaum, 62 mal 51,5 Zentimeter: Zuschlag 910 .000 Euro (Taxe 10.000/15.000, als Zuschreibung); Preis 1,18 Millionen Euro bei Nagel in Stuttgart.
8) Luis de Morales (1509 bis 1586) und Werkstatt, „Kreuztragender Christus“, Öl auf Nussbaum, 62 mal 51,5 Zentimeter: Zuschlag 910 .000 Euro (Taxe 10.000/15.000, als Zuschreibung); Preis 1,18 Millionen Euro bei Nagel in Stuttgart. Bild: Nagel Auktionen

Ein neues Publikum, das weltweit sichtet in den virtuellen Räumen, setzt seine Akzente. Der veränderte Blick auf die Moderne mag auch mit den viel umworbenen jüngeren Käuferschichten zusammenhängen. Vielleicht ist Nays spätes, im Jahr vor seinem Tod entstandenes Gemälde für solche Verschiebungen ein Indiz, das ein bisschen an die „Papiers découpés“ von Matisse erinnert, ganz frei gemalt in klaren Farben und Formen.

Entsprechend sind auch die Resultate in der Gesamtheit, jenseits der absoluten Toplose, für die deutschen Häuser erfreulich; dafür sprechen die Umsatzzahlen im ersten Halbjahr 2021: So meldet Ketterer in München, derzeit Marktführer in Deutschland, gut 44 Millionen Euro. Lempertz in Köln spricht von insgesamt 31 Millionen Euro. Grisebach in Berlin bilanziert 24,3 Millionen Euro. Van Ham in Köln gibt rund 24 Millionen Euro bekannt. Nagel in Stuttgart kommt auf 23,2 Millionen Euro. Auch das Gesamtbild lässt sich sehen: Die wichtigen, aber etwas kleineren Häuser wie zum Beispiel Karl & Faber und Neumeister in München oder Bassenge in Berlin freuen sich ebenfalls über die positive Gesamtentwicklung; so verzeichnet Karl & Faber für die erste Jahreshälfte einen starken Umsatz von 13,2 Millionen Euro.

Tatsächlich ein Novum im deutschen Auktionsgeschäft ist die Höhe des Zuschlags von 9,5 Millionen Euro bei Nagel für eine monumentale chinesische Bronze kaiserlichen Ursprungs, datiert auf 1473, die den Vajrabhairava, eine Gottheit des tibetischen Buddhismus, darstellt. Der Endpreis für das monumentale, 169 Kilogramm schwere Stück, in dem allein zehn Kilogramm Gold verarbeitet sein sollen, liegt bei 14,07 Millionen Euro. Michael Trautmann vom Stuttgarter Auktionshaus kann das erklären: Das reguläre Aufgeld dafür liege bei 24,5 Prozent, was einen Endpreis von 11,82 Millionen Euro bedeuten würde. Hinzu kommen, in diesem Fall, aber die neunzehn Prozent Mehrwertsteuer an den deutschen Staat, weil die Einlieferung aus der Schweiz, also von außerhalb der EU, erfolgte. Sie muss der Käufer aus Hongkong, ein Sammler kapitaler Spitzenstücke dieser Art, entrichten, wenn die Bronze innerhalb Europas bleibt.

9 B) C) D) Wassily Kandinsky, „Gebogene Spitzen“, 1927, Aquarell, Tusche auf Papier, 48,4 mal 32 Zentimeter: Zuschlag 900.000 Euro (Taxe 250 .000/350 .000); Preis 1,125 Millionen Euro bei Ketterer in München – gleichauf mit: Alexej Jawlensky, „Mystischer Kopf: Galka Fatum – Fate“ und Gabriele Münter, „Stillleben mit Madonna“.
9 B) C) D) Wassily Kandinsky, „Gebogene Spitzen“, 1927, Aquarell, Tusche auf Papier, 48,4 mal 32 Zentimeter: Zuschlag 900.000 Euro (Taxe 250 .000/350 .000); Preis 1,125 Millionen Euro bei Ketterer in München – gleichauf mit: Alexej Jawlensky, „Mystischer Kopf: Galka Fatum – Fate“ und Gabriele Münter, „Stillleben mit Madonna“. Bild: Ketterer

Was Trautmann in diesem Zusammenhang weiter erläutert, ist allerdings prinzipiell von einiger Tragweite – und eine der Auswirkungen des Brexits auf den Kunsthandel: Die erwähnten neunzehn Prozent Einfuhrumsatzsteuer muss künftig jedenfalls jeder Käufer aus Deutschland (die Mehrwertsteuerrate in der EU ist nicht einheitlich) entrichten, der in London ein Kunstwerk erwirbt und in die EU mitnehmen will. Denn es handelt sich bei Großbritannien seit dessen Austritt aus der EU um die Einfuhr aus einem Drittland. Wie weit diese Veränderung bereits von benennbarem Einfluss auf den deutschen oder überhaupt kontinentaleuropäischen Kunstmarkt ist, etwa was Einlieferungen angeht, lässt sich noch nicht abschätzen. So wenig wie eine Prognose möglich ist über das künftige Verhalten deutscher Kunstkäufer und Sammler in Bezug auf London.

Was die angekündigte Aktivität des Global Players Sotheby’s in Deutschland – mit Standort in Köln für Repräsentation und Akquise sowie als Ausgangspunkt für Online-only-Auktionen – angeht, bedeutet das zunächst vor allem: Die deutschen Auktionsfirmen sind dann nicht mehr ganz unter sich.

Zu kurzschlüssig wäre es dabei, den Aufschlag von Sotheby’s hierzulande nur mit dem Brexit erklären zu wollen; so simpel funktioniert dieses globale Geschäft dann doch nicht. Außerdem verfügt das Auktionshaus über andere gediegene Stützpunkte neben Großbritannien, so in Frankreich und Italien oder der Schweiz. Die Frage nach einer Verbindung zwischen dem Brexit und dem verstärkten Engagement seines Unternehmens in Deutschland verneinte Charles Stewart, der CEO von Sotheby’s, gegenüber der F.A.Z.: Die Aktivität deutscher Käufer und Einlieferer in den Londoner Auktionen sei stabil geblieben nach dem Brexitvotum. Und er fügte hinzu, dass die deutschen Auktionen ein zusätzliches Angebot an Werken des mittleren Marktsegments darstellten, die sonst nicht bei Sotheby’s in London oder bei anderen internationalen Auktionen angeboten werden.

Diese Absicht könnte die deutschen Häuser, die zugleich in hartem Konkurrenzkampf untereinander stehen, besonders bei der zeitgenössischen Kunst tangieren. Auch sie versuchen nämlich seit einiger Zeit schon, das Gegenwartssegment in ihren Angeboten auszubauen. Unter Stress müssen sie wegen des neuen Mitbewerbers vorerst freilich gar nicht geraten. Noch sind sie in der Vorhand, was den manchmal so geheißenen „Mittelmarkt“ angeht, immerhin die Preisregion bis zu 300.000 Euro. Vielmehr kann die neue Konkurrenz, die gewiss auch Kunden mitbringen wird, die sich dann gern einmal in der deutschen Auktionslandschaft umtun, das Geschäft weiter beleben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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