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Kunstmarkt in Wien

Zirkulation, überall

Von Nicole Scheyerer
Aktualisiert am 27.09.2019
 - 16:32
In Wien kommt Kunst im Herbst mittels zweier erprobter Modelle auf den Markt: Die Messe „Viennacontemporary“ und das Kunstfestival „Curated by“.

Einmal mehr den Blick gen Osten richtet dieser Tage die Kunstmesse Viennacontemporary in der Marx Halle, die seit ihrer Gründung auf die postkommunistischen Länder spezialisiert ist. Mit Johanna Chromik hat sie eine neue künstlerische Leiterin, die selbst in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen ist. Die Berlinerin, die für Eigen+Art, Pace, Johann König und für das Museum Frieder Burda tätig war, tritt in die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin Christina Steinbrecher-Pfandt. Mit einem Verhältnis von 42 österreichischen und 68 internationalen Teilnehmern – 39 davon aus Ost- und Südosteuropa – bleibt die Entdeckermesse ihrer bisherigen Gewichtung treu. Rund zwei Dutzend Galerien kommen zum ersten Mal.

Ein in pastosem Überschwang geschaffenes Großformat von Jonathan Meese sticht als Erstes ins Auge: Das 270 mal 180 Zentimeter messende Bild „Krokodill’s Blubbgrill“ hat er mit seinem Pseudonym Zardoz signiert; die Galerie Krinzinger bietet es für 74.000 Euro an. Auch bei den von Fiona Liewehr ausgewählten Nachwuchs-Soli in der „Zone1“ wurde mit Ölfarbe nicht gespart: Der Maler Stefan Reiterer braucht zunächst aber die Computermaus, denn den verzerrt-illusionistischen Shaped Canvases des 1988 geborenen Österreichers geht ein Prozess digitaler Generierung voraus. Die Galerie Crone hat die spannenden Ergebnisse zwischen 8000 und 12.000 Euro angesiedelt. Gegenüber, bei der Galerie Svit aus Prag, arbeitet sich Markus Proschek an politisch rechter Ikonographie ab. Sein zwei Meter hohes Ölbild „Laminat (Opfer)“ sieht wie ein Plakatabriss aus, und hinter der Kopie eines historischen Gemäldes lugt das Symbol der Identitären hervor (7500 Euro). Ohne Pinsel kommt der Daniel-Richter-Schüler Dejan Dukic aus, „massiert“ er doch Farbe durch Leinwände, so dass sie wie Fäden hervorquellen (2800 bis 10.000 Euro).

Die Galerie Ropac widmet ihren Stand der Collage. Arbeiten von Warhol, Rauschenberg und Rosenquist werden dort von Valie Export flankiert. Die feministische Ikone hatte die längste Zeit gar keine Galerie; seit 2018 ist sie bei Ropac. Fotoarbeiten wie „Extremitäten des Verhaltens“ (75.000 Euro) entstanden im Zuge von Performances und Filmen. Eine jüngere queere Position vertritt die Galerie Georg Kargl mit Jakob Lena Knebl, deren neuer Wandteppich ihrer Beschäftigung mit Design entspringt (12.000 Euro). Bei der Charim Galerie, ebenfalls Wien, hängen Dorit Margreiters verschwommene Fotografien der Serie „Silicon Valley“: In Kalifornien hat sie Spiegelungen an den Gebäuden von Internetriesen wie Google eingefangen (10.000 Euro). Aus Madrid ist erstmals die Galeristin Sabrina Amrani angereist. An ihrem schwarzweiß gehaltenen Stand präsentiert sie Papierarbeiten der Südafrikanerin Alexandra Karakashian; Auf den mit Ölfarbe tiefschwarz bemalten Blättern flackern Lichter auf (2600 Euro).

Die rumänische, aber in Berlin ansässige Galerie PlanB kehrt nach einer Messe-Pause zurück und ist in der Sektion „Explorations“ vertreten. Dort hat Museumskurator Harald Krejci zu Unrecht vergessene Positionen versammelt. PlanB zeigt Objektbilder pyramidaler Strukturen von Horia Damian (1922 bis 2012); Entwürfe kosmischer Architekturen von ihr wie „Pyramide Blanche“ (37000 Euro) besitzt auch das Centre Pompidou. Die Galerie Krobath stellt Performance-Fotos und Papierarbeiten des visionären Sprachkritikers Josef Bauer aus, der gerade im Wiener Belvedere gewürdigt wird.

Neben der Kunstmesse demonstriert dieser Tage auch das Festival Curatedby die Vitalität der Wiener Galerieszene. Das diesjährige Motto „Circulation“ sagt zwar wenig aus, aber etliche Ausstellungen widmen sich statt den vielbeschworenen Kapital- oder Datenbewegungen vielmehr den heißen Strömen von Lust, Gender und Identität. An dem mit öffentlichen Mitteln geförderten Parcours nehmen 22 Galerien teil; erstmals ist die jüngere Generation vollständig vertreten. So etwa Sophie Tappeiner, die ihr Debüt der Kuratorin Nicoletta Lambertucci anvertraut hat: Zu den drei Künstlerinnen der Schau „Radical Self-Love“ zählt die derzeit gehypte Französin Tabita Rezaire, deren überbordende Fotos und Videoinstallationen unverkennbar sind. Rezaire bringt Esoterik und Afrofuturismus mit der Ästhetik von Videospielen zusammen. Ihre neue Produktion „Hoetep Blessings“ von 2016 läuft auf einem Flatscreen, der in einer sternförmigen Metallkonstruktion verankert ist; Auskopplungen daraus bieten Fotos der Künstlerin, die sie als eine Art nackter Hohepriesterin zeigen (8000 Euro).

Gegenüber bei Emanuel Layr untersucht der britische Kurator Paul Clinton die Inflation queerer Bilder in der Gegenwartskunst. Dienen sie einer ernsthaften Auseinandersetzung oder doch eher dem exotischen Kitzel von Andersheit? In die Ära vor Aids führt Robert Blanchons Videoarbeit „Let’s just kiss+say goodbye“ von 1995, für die er aus Vintage-Schwulenpornos alle Sexszenen entfernt hat. Und der „Orgasm Energy Chart“ der New Yorker Künstlergruppe GeneralIdea von 1970/72 verweist in der Galerie auf die Kontrolle von Lustqualitäten. Bei Mario Mauroner hat der südafrikanische Künstler Kendell Geers Arbeiten von Kolleginnen versammelt, die für Emanzipation und Widerstand gegen patriarchalische Systeme stehen. Der weite Bogen der 24 gezeigten feministischen Positionen reicht von Betty Tompkins’ expliziten „Cunt Paintings“ über die surrealistischen Installationen von Anneliese Schrenk bis hin zu Marina Abramovics Videoperformance „Art must be beautiful, artist must be beautiful“. In der Galerie Steinek macht schon der Titel „Kibbutz Buchenwald“ hellhörig: Diese Kommune gab es nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich kurz. Für seine gleichnamige Werkreihe hat der Israeli Gil Yefman, Jahrgang 1979, mit dem 1927 geborenen Künstler und Holocaust-Überlebenden Dov Or-Ner zusammengearbeitet. Das Herzstück der von Jürgen Tabor kuratierten Schau bildet eine deformierte Wollpuppe hinter einem Vorhang. Die rosafarbene Figur ist nicht umsonst unheimlich, gemahnt sie doch an die sexuelle Gewalt, die in den Bordellen von Konzentrationslagern ausgeübt wurde.

Viennacontemporary. In der Marx Halle; bis zum Sonntag, dem 29.September. – Curated by; bis zum 12.Oktober.

Quelle: F.A.Z.
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