Kunstmarkt und Corona-Krise

Hat der Ausbruch der Pandemie alles verändert?

Von Kevin Hanschke
19.04.2021
, 12:00
Dirk Boll ist Präsident von Christie’s für Europa und Großbritannien, Mittlerer Osten und Afrika. In seinem aktuellen Buch „Was ist diesmal anders? Wirtschaftskrisen und die neuen Kunstmärkte. 1990. 2001. 2009. 2020“ (Hatje Cantz Verlag) reflektiert er die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Kunstmarkt.
Die Corona-Pandemie ist nicht die erste Bedrohung für den Kunstmarkt. Christie’s-Präsident Dirk Boll lässt in seinem aktuellen Buch die Krisen des Kunstmarkts Revue passieren.
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Disruption, das Wort, das wie kein anderes für den digitalen Umbau der Wirtschaft steht, fällt häufig in Gesprächen mit Dirk Boll. Seit 2017 ist der studierte Jurist und Kulturmanager, Jahrgang 1970, der Präsident von Christie’s für Europa und Großbritannien, Mittlerer Osten und Afrika. Zu Beginn der Corona-Pandemie hat Boll selbst erlebt, was Disruption bedeutet: die Erschütterung eines Geschäftsmodells durch externe Schocks. Der erste Lockdown war ein solcher Schock. Boll und sein Team mussten das traditionsreiche Auktionshaus binnen weniger Wochen in digitale Sphären führen. Eine „Mammutaufgabe“ in einer „globalen Zeitenwende“, wie er sagt, denn der Handel mit Kunst war bis dahin alles andere als digital.

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Der globale Betrieb hetzte von einer Messe zur anderen. Für die Auktionshäuser war der Online-Handel ein Nebengeschäft, das nur rund zehn Prozent der Gesamtumsätze ausmachte. Man setzte, wie die Galerien auch, auf persönlichen Kontakt. Gut ein Jahr nach Beginn der Corona-Krise zieht Boll Bilanz und betrachtet den Umbau bei Christie’s als gelungen. Die Pandemie habe als Katalysator gewirkt. „Wir befinden uns in einem Wandlungsprozess im Turbogang, der Gewinner und Verlierer produziert und unsere Branche durchrüttelt.“

Was ist diesmal anders?

All das reflektiert er in seinem aktuellen Buch „Was ist diesmal anders? Wirtschaftskrisen und die neuen Kunstmärkte. 1990. 2001. 2009. 2020“ (Hatje Cantz Verlag). Darin setzt er die laufende Transformation ins Verhältnis zu den vergangenen Erschütterungen der Kunstwelt, angefangen mit den achtziger Jahren. Von 1945 bis 1980 hatte sich das Kunsthandels-Volumen verzwanzigfacht. Im Jahr 1990 folgte die Asien-Krise: In den Boomzeiten hatten vor allem wohlhabende Japaner eine Vielzahl impressionistischer Werke gekauft, was zu Überbewertungen führte, die diesen Sektor des Markts zusammenbrechen ließen.

Nach einem Jahr der Stagnation, ist bei Boll nachzulesen, folgte ein neues Wachstum. Das Platzen der Dotcom-Blase setzte diesem ein Ende. Boll schreibt über unerfüllte Träume von Fusionen zwischen Kunsthändlern und Versicherungen, zeichnet globale Handelsströme nach und berichtet von seiner Arbeit bei Christie’s. Nach der Jahrtausendwende folgte der nächste Aufschwung, nicht zuletzt weil die Preise für Kunst nicht mehr nur von „dem künstlerischen Wert bestimmt, sondern auch von der Marktgeschichte, Breitenwirkung und dem Wiedererkennungswert abhängig“ wurden.

Dieser Trend war eng mit dem ökonomischen Aufstieg Chinas und parallel der Entwicklung neuer Abnahmemärkte verbunden. Mindestpreisgarantien für die Einlieferer halfen den Auktionshäusern, die Nachfrage nach Werken aus dem höchsten Preissegment zu befriedigen – bis die globale Finanzkrise 2008 ihnen Millionenverluste bescherte. Doch weil niedrige Zinsen Kunst weiterhin als Wertanlage attraktiv machten, setze wieder eine Erholung ein. Die goldenen Jahre endeten mit der Corona-Pandemie. „Diese Krise, wie wir sie jetzt erleben, ist anders als die vorherigen“, konstatiert Boll.

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Als Grund für seine Einschätzung nennt er, dass unter Covid-19 der Zusammenbruch Angebot und Nachfrage gleichzeitig betraf. Vor allem das Kapitel darüber liest sich in seinem Buch wie ein Krimi. Boll beschreibt die juristische Grundlage für die Online-Auktionen. Er rekonstruiert die schon dramatische Absage der Art Basel Hong Kong im März 2020. Er berichtet über den Abbau von Personal in den großen Galerien. Dabei verfolgt er seine Kernthese, dass dieses vergangene Jahr 2020 als das der digitalen Revolution in die Geschichte eingehen wird. Die Innovationsfreude der Kunden, auch der für die Auktionshäuser so wichtigen Käufergruppe der über Sechzigjährigen, habe ihn überrascht, hält er fest: „Zwei Drittel unserer Bestandskunden nutzen auch die Online-Auktions-Funktionen.“ Daneben sei eine neue Sammlergeneration herangewachsen, die digitalaffin sei und den Kauf im Netz bevorzuge. Die Online-only-Verkäufe sorgten zudem über die klassischen Saisonauktionen hinweg für einen stetigen Geldfluss, ergänzt er.

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Nach dem Zusammenbruch

Was die Zukunft betrifft, hat Dirk Boll präzise Vorstellungen. Er glaubt, dass es mehr Hybridmodelle geben werde, die den Primär- und Sekundärmarkt verbinden. Das sei auch notwendig, weil allein in Deutschland die Galerien mit Umsatzeinbrüchen von bis zu vierzig Prozent konfrontiert seien. Nach dem Zusammenbruch des globalen Messegeschäfts als Präsenzveranstaltungen – eine Situation, die sich auch in diesem Jahr bisher fortsetzt – hält es Boll zudem für wahrscheinlich, dass Regionalität im Kunstmarkt wieder eine größere Rolle spielen könne.

Umgekehrt finde die Geschmacksbildung inzwischen auch in digitalen Diskussionsformaten statt. Er setzt Hoffnungen in Start-ups am Kunstmarkt. Und er blickt interessiert auf den ganz neuen Handel mit Digitalkunstwerken als NFTs. Ergänzen lässt sich hier, dass eine Prognose schwierig bleibt. Denn eine wirkliche Perspektive für dieses Geschäft wird sich, was den Eintritt in den klassischen Auktionsmarkt angeht, erst noch erweisen müssen. Einen kurzen Exkurs widmet das Buch den Themen Nachhaltigkeit und Diversität: „Das sind Fragen, die auch in der Kunstwelt beantwortet werden müssen.“ Boll selbst hat bei Christie’s ein Diversitätsteam eingerichtet.

Trotz der Umsatzeinbrüche am Kunstmarkt bleibt das Fazit optimistisch. Zitiert ist eine Studie, der zufolge 92 Prozent der Sammler angaben, dass sie auch im Krisenjahr 2020 Kunst erworben haben; 59 Prozent hätten ihr Engagement am Kunstmarkt sogar verstärkt. Das zeigt für Dirk Boll, dass die Fundamente des Geschäfts mit der Kunst stabil seien. Da kann er sich natürlich auf die seit eh und je unerschütterliche, bisher nicht gebrochene Basis stützen, über die Pandemie hinaus: Künstler und Künstlerinnen wollen wahrgenommen werden. Und die Sammler, selbst längst etablierter Künstler, wollen weiter mit den Werken leben, die ihnen lieb sind und eben auch – sehr teuer.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hanschke, Kevin
Kevin Hanschke
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