Kunstmesse Art Paris

Aufbruch in Frankreich

Von Bettina Wohlfarth, Paris
Aktualisiert am 11.09.2020
 - 15:31
Miquel Branco, „Untitled (Diana), 2016, Bronze, 25,8 mal 41,2 mal 18,7 Zentimeter, Edition 30, 5000 Euro bei der Galerie Jeanne Bucher Jaeger, Paris.zur Bildergalerie
Trotz aller Widerstände: Die Pariser Messe für Gegenwartskunst hat ihre Tore geöffnet.

Zunächst wurde die Pariser Frühjahrsmesse für Gegenwartskunst, sonst Anfang April, wegen der Pandemie kurzfristig abgesagt; auch ein zweiter Termin Ende Mai konnte nicht eingehalten werden. Nun ist die Art Paris das Glückskind unter den Messen: Seit der Madrider Arco im Februar ist sie die erste europäische Kunstschau, die ihre Tore öffnet. „L’édition de la résistance“, die Messe, die allen Widerständen trotzt, nennt Guillaume Piens, der künstlerische Leiter, diese 22. Ausgabe im Grand Palais. Dreitausend Besucher gleichzeitig sind zugelassen, Maskenpflicht ist selbstverständlich. Das Publikum am Vernissagetag war trotz des Treibhauseffekts unter der Glaskuppel sichtlich glücklich, endlich wieder auf einer Messe ausschwärmen zu dürfen. Die Stimmung der Kunsthändler blieb durchmischt, zwischen optimistischer Freude und skeptischem Abwarten – was nicht verwundert, weil die Galerien derzeit unter sehr unterschiedlichen Bedingungen um ihre Zukunft kämpfen.

Die Art Paris ist eher eine lokale Messe – etwa 75 Prozent des Publikums kommt aus Frankreich –, setzt allerdings überregionale Schwerpunkte mit Gastländern. In diesem Ausnahmejahr treten 112, statt rund 150, Aussteller an; der Anteil der ausländischen Galerien liegt, etwa halbiert, bei 22 Prozent. Aus Deutschland sind nur zwei Galerien angereist. Artkelch aus Freiburg ist auf zeitgenössische Aboriginal Art spezialisiert. Zu den Künstlerinnen, deren Werke in internationale Sammlungen eingegangen sind, gehört die 1939 geborene Nongirrna Marawili; eines ihrer großformatigen Rindengemälde kostet 9000 Euro. Die junge Galerie Red Zone aus Frankfurt stellt drei chinesische Künstler vor. Der in London lebende Qu Leilei, ein Schüler von Ai Weiwei, malt in traditioneller Technik mit chinesischer Tusche auf Papier. Die überdimensionierten Hände, die am Stand zu sehen sind, wirken wie stark vergrößerte Ausschnitte aus Barockgemälden und lassen in der Ausführung an das Chiaroscuro der Alten Meister denken (um 35.000 Euro). Der aktuelle Schwerpunkt auf die iberische Halbinsel fällt den Umständen entsprechend kleiner aus; nur fünf Galerien sind angereist, darunter die Galerie Marc Domènech aus Barcelona; dort fallen zwei Gemälde von Antoni Tàpies aus der frühen surrealistischen Phase auf (48.000 und 58.000 Euro).

Die Galerie Jaeger Bucher aus Paris zeigt fünf ihrer spanischen und portugiesischen Künstler: Neben dem 1963 geborenen Portugiesen Miguel Branco, der mit Skulpturen, Gemälden und Zeichnungen vertreten ist, lässt sich der spanische Maler Fermín Aguayo entdecken, der 1950 nach Paris emigrierte. Seine Pinselführung und subtile Farbpalette hält dem Vergleich mit Paul Cézanne oder Nicolas de Staël stand. Aguayo malte zunächst abstrakt, im Pariser Exil etwa die Bodenschollen seiner Heimat, und ging dann mit Porträts oder wundervollen pastosen Stillleben zur Figuration über (Preise 25.000 bis 100.000 Euro).

Die Art Paris ist weder eine Messe des globalen Jetset noch der jüngsten Tendenzen. Sie ermöglicht vornehmlich einen Blick auf die französische Szene, wobei diesmal ein vom Kurator Gaël Charbau ausgewählter Parcours achtzehn Künstler hervorhebt. Unter ihnen gehört der in Haiti geborene französische Maler Hervé Télémaque zur älteren Generation. Seit den sechziger Jahren entzieht sich seine komplexe Arbeit, die Malerei, Collage und Assemblage verbindet, jeder Kategorisierung und mischt surrealistische und narrative Elemente mit Pop oder Einflüssen der haitianischen Kultur. „La recolte“ heißt ein Assemblage-Triptychon, das bei Rabouan Moussion, Paris, für 150.000 Euro gezeigt wird. Der 1959 geborene Damien Cabanes, bei der Galerie Eric Dupond, Paris, lässt nach seinen Anfängen in der Abstraktion und einer Phase der bildhauerischen Arbeit die Figuration in seine Malerei eindringen. Eine großformatige, so elegante wie bewegende Blumen-Impression in violetten und grünen Tönen zeigt seine von allem Zwang befreite Malgeste (32.000 Euro).

Von den großen Pariser Galerien kommen jedes Jahr Nathalie Obadia und Daniel Templon auf die Art Paris. Bei Obadia beeindruckt eine große Tapisserie von Laure Prouvost (100.000 Euro), die bei der Biennale von Venedig 2019 den französischen Pavillon bespielte. Carolin Smulders hat sich mit der Galerie Karsten Greve zusammengetan, um in einer Solo-Schau die Arbeiten des amerikanischen Fotografen Roger Ballen vorzustellen. Seine so verstörenden wie faszinierenden Inszenierungen setzen sich mit den sozial Ausgestoßenen seiner Wahlheimat Südafrika auseinander (von 10.000 bis 20.000 Euro). Sogar die mächtige Galerie Perrotin mit sechs Standorten weltweit hat sich ausnahmsweise auf die Art Paris begeben. In den Pariser Räumen zeigt Perrotin derzeit den japanischen Künstler Izumi Kato mit seinen befremdlichen Kreaturen, die zwischen Stammeskunst und ET-ähnlichen Außerirdischen schillern. Am Stand hängt ein Gemälde von Kato für 52.800 Euro.

Art Paris; noch bis zum Sonntag, den 13. September, von 12 bis 20 Uhr. Eintritt 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot