Kunstmesse Art Basel

Dieses Gefühl des Wiedersehens

Von Rose-Maria Gropp, Basel
25.09.2021
, 20:10
Urs Fischer, „Untitled (Bread House)“, 2004/06, 5 Meter hoch: bei Jeffrey Deitch, 3 Millionen Dollar.
Nach eineinhalb Jahren ist die Art Basel in physischer Präsenz zurückgekommen. Die Freude der Besucher ist überall zu spüren. Und es ist beinah wie früher. Zugleich hat sich viel verändert.
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Sie ist zurück. Die Art Basel am Ort ihrer Entstehung im Jahr 1970, eben im schweizerischen Basel. Was bis zum Beginn des Jahres 2020 einfach eine Messe war, heißt jetzt IRL-Ausgabe, also im echten Leben, mit realer Kunst zum Betrachten, mit wirklichen Menschen in den gewohnten zwei Hallen. Marc Spiegler, der weltweite Art-Basel-Direktor, und sein Team haben über Monate den Glauben nicht aufgegeben und alles darangesetzt, um der Traditionsschau ihre physische Präsenz zurückzugeben. Jetzt für einmal im September; in neun Monaten, im Juni 2022, soll sie auf ihren angestammten Termin zurückkehren.

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Mit 272 Teilnehmern aus 33 Ländern sind zur aktuellen Ausgabe nur ein paar weniger gekommen als zuletzt 2019; 24 Galerien sind zum ersten Mal dabei. An den drei Preview-Tagen schien — beinah —alles wie früher zu sein. Die geladenen Gäste strömten gefühlt genauso zahlreich in die Hallen 1 und 2 wie schon immer, jetzt ausgestattet mit einem Bändel am Arm als Nachweis für Impfung, Genesung oder Test und ständig mit Mundschutz. Zwar sind nur wenige Amerikaner und asiatische Besucher gekommen, aber die Klientel des finanzkräftigen Europas tritt geschlossen an. Deren Kauffreude ist ablesbar an den zahlreichen Abschlüssen, die von den ersten Stunden an gemeldet wurden. Ein Fachbegriff aus der Wirtschaft lautet „Überliquidität“; er bedeutet, dass jetzt womöglich noch mehr Geld als vor dem Ausbruch von Covid-19 vorhanden ist, das untergebracht werden will: Der Kunstmarkt im Spitzensegment boomt entsprechend. Und die Art Basel ist das ersehnte ganz große Fest.

Ein jüngeres Publikum

Wie üblich galt die erste Eröffnung der „Art Unlimited“-Sektion mit ihren übergroßen Formaten in der Halle 1. Dort war das Publikum eindeutig verjüngt und deutlich stärker fokussiert auf die gezeigten Werke als auf den eigenen Auftritt. Zum ersten Mal kuratiert hat die „Unlimited“ Giovanni Carmine, der Direktor der Kunst Halle Sankt Gallen. Es gibt weniger raumgreifende Installationen, dafür mehr weiträumige Abteile, gern für großformatige Gemälde oder andere wandtaugliche Objekte. Dazu gehört der achtteilige Gemäldezyklus „Traffic Jam“ von An­dreas Schulze mit seiner eigensinnig witzigen Vehikel-Parade (Galerie Sprüth Magers; 680.000 Euro); oder die 2020 entstandene, 3,2 mal 6,8 Meter messende Keramikkachel-Wand der 1925 in Beirut geborenen Etel Adnan mit ihrem strahlenden „Le Soleil Toujours“-Motiv (Galerie Sfeir-Semler; um 400.000 Dollar). Altmeister David Hockney hat eine Breitwand-„Photographic Drawing“ geschaffen, von der die Besucher in der Halle gleichsam einbezogen werden in die Betrachtung von den „Pictures at an Exhibition“ auf dem Druck (Richard Gray Gallery). Bei den Skulpturen findet sich John Chamberlains hochragende, für ihn sehr ungewöhnliche, kurios verschlungene „Naughtynightcap“ aus bemaltem Aluminium von 2008 (Galerie Hauser & Wirth). Zwirner hat pinkfarbene Neonmodule des Klassikers Dan Flavin von 1974 zu einer „Barrier“-Arbeit aneinandergereiht (um 3 Millionen Dollar).

Frank Stella, „Gray Scramble“, 1968,  Acryl auf Leinwand,  175,2 mal  351,2 Zentimeter: bei Edward Tyler Nahem, 7,5 Millionen Dollar.
Frank Stella, „Gray Scramble“, 1968, Acryl auf Leinwand, 175,2 mal 351,2 Zentimeter: bei Edward Tyler Nahem, 7,5 Millionen Dollar. Bild: Art Basel

In der Halle 2 mit den Galerien dominiert, noch stärker als zuvor, die Malerei. Auffällig ist das Aufgebot an figürlichen Bildern, als solle damit eine Sehnsucht nach — leibhaftiger — Begegnung gestillt werden. Auffällig ist zudem der Wille, Arbeiten von Künstlerinnen zu präsentieren. So sind etwa Werke der amerikanischen Malerin Alice Neel auf diverse Kojen verteilt anzutreffen. Ein Riesenformat Helen Frankenthalers, „Arriving in Africa“ von 1970, war sofort verkauft bei Richard Gray. Petzel hat ein typisches Bild von Maria Lassnig, „Fernsehkind“ aus dem Jahr 1987, an seinem Stand gehängt (900 000 Euro). Leiko Ikemura setzt die Zürcher Galerie Peter Kilchmann in Szene. Und in der „Feature“-Sektion zeigt Kasmin aus New York eine großartige Suite an Kohlezeichnungen Lee Krasners, von den späten Dreißiger bis in die Siebzigerjahre (je 150.000 Dollar).

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Überhaupt, auch das ist gleich geblieben, sind die Blue Chips dicht an dicht versammelt. Zu den höchstpreisigen Werken gehört bei Van de Weghe aus New York Jean-Michel Basquiats „Hardware Store“, ein mehr als zwei mal drei Meter messendes Diptychon, für das vierzig Millionen Dollar genannt sind. Ein weiteres Gemälde und eine Papierarbeit des Malstars, außerdem ein imposanter Lichtenstein und „Diamond Dust Shoes“ von Warhol ergänzen diese Parade. Am Stand von Edward Tyler Nahem, ebenfalls New York, entfaltet ein Diptychon von Frank Stella, „Gray Scramble“ aus dem Jahr 1968, seine starke Wirkung (7,5 Millionen Dollar). Bei Acquavella hängen aus Privatsammlungen zwei Bilder von Balthus: das selten gesehene „Portrait de Madame Pierre Loeb“ von 1934 (6 Millionen Dollar) und „Le poisson rouge“ von 1948 (15 Millionen Dollar).

Treffen der Stars

Picasso, naturgemäß mehrfach auf der Messe vertreten, firmiert dort mit dem attraktiven, noch nicht ganz späten „L’Atelier“ von 1961/62 (15 Millionen Dollar). Balthus erscheint nochmals bei Luxembour g + Co aus London mit einer großen Ölstudie zu „Le salon“ von 1941 (3 Millionen Euro). Der Stand flirtet mit dem Thema Psychoanalyse, wozu — neben Gerhard Richters Öl-Studie für sein Freud-Porträt von 1971 („not available“) — ein Exemplar von Man Rays gipserner, mit Seilen umschlungener „Vénus restaurée“ von 1936 passt (Auflage 10; 850.000 Euro). In der Riege der Big Players führt Michael Werner seine Hauskünstler vor wie auch David Zwirner, hier angereichert mit Francis Picabias reizvoller „Femme nue devant la glace“ von 1943 (um 5 Millionen Dollar).

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Auch White Cube aus London setzt auf seine Stars, darunter Damien Hirst mit dem 2,7 mal 2,4 Meter großen „Concealment“ aus glänzend überlackierten Schmetterlingsflügeln (1,4 Millionen Dollar). Bei Mitchell-Innes & Nash beweist Annette Lemieux Humor mit ihrem kinderkleinen rosafarbenen „Girl’s Felt Suit Pink (after Beuys)“, am Kleiderbügel hängend, von 2013 (45.000 Euro). Bernard Jacobson aus London zeigt attraktive nachkubistische Bilder von Georges Braque (um 500.000 bis 2 Millionen Dollar). Und die Vedovi Gallery aus Brüssel widmet ihre „Feature“-Koje einer One-Man-Show mit Papierarbeiten René Magrittes; das teuerste Blatt, „La saveur des larmes“, ist mit 2,5 Millionen Dollar beziffert.

Die Zukunft ist hybrid

Im oberen Geschoss der Halle 2 kann die Wiener Galerie Krinzinger fünfzig Jahre Art-Basel-Teilnahme feiern und stellt dafür Lois Weinbergers Plastik „Invasion“ von 2013 auf, eine von wuchernden Pilzen befallene lebensgroße Figur (Auflage 3; 120.000 Euro). Ein 3,2 Meter hoher „Gigant Triple Mushroom“ aus Kunstharz von Carsten Höller ziert den Stand der Galleria Continua; er ist lustigerweise nur für drinnen gedacht (310.000 Euro).

Balthus, „Portrait de Madame Pierre Loeb“, 1934, Öl auf Leinwand, 72 mal 52 Zentimeter:  bei Acquavella,  6 Millionen Dollar
Balthus, „Portrait de Madame Pierre Loeb“, 1934, Öl auf Leinwand, 72 mal 52 Zentimeter: bei Acquavella, 6 Millionen Dollar Bild: Galerie/VG Bildkunst, Bonn 2021

Hinter der physischen Präsenz der Art Basel, die wieder so gewohnt, ja geliebt auftritt, steht eine kategoriale Veränderung, die von den Einschränkungen des Pandemiejahrs nur zusätzlich beschleunigt wurde: Denn das Modell der Hybrid Fair, des hybriden Formats, wird bleiben, sich sogar noch stärker etablieren. Die enge Verschränkung von OVR (Online Viewing Rooms), virtuellen Galerierundgängen und im Internet zugänglichen Werken, teils samt Preisangaben, hat sich schon jetzt etabliert als physisch nicht erfahrbarer Teil des Geschehens. Längst sind die Veränderungen spürbar. Bereits vor der ersten Preview wurden Verkäufe abgeschlossen, nachdem die potentiellen Kunden hochaufgelöstes Bildmaterial der für die Messe avisierten Werke sichten konnten. Die Virtualität kann kompensiert werden , wo das Vertrauen in die Galeristen, Händler und Berater steigt.

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Dennoch: Die Art Basel, in ihrer feinen Stadt am Rhein, wird der Ort bleiben für die Begegnung von Sammlern und Galeristen — und endlich mit der Kunst in leibhaftiger Gestalt. Die Freude über dieses Wiedersehen vibrierte spürbar durch die Messehallen.

Messe Basel. Bis Sonntag, den 26. September, von 11 bis 19 Uhr. Tageskarte 65 Franken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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