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Kunstmesse in Kairo

Die Frauen sind nicht aufzuhalten

Von Kevin Hanschke
 - 16:46
Ghada Amer, „Borqa“, 1997, Seide und schwarze Perlen, 80,6 mal 70,5 Zentimeter.

Eine der rauh verputzten Wände des Qalawun-Komplexes ist von einem großformatigen, zweiteiligen Bild verdeckt. Darauf ist viermal dieselbe Frau zu sehen in unterschiedlichen Posen, mit einem dunkelblauen Kleid und verträumtem Blick. „The 40th Day“ von Ibrahim el Dessouki, der von der Kairoer Galerie El Misr vertreten wird, ist für Ägypten ein vielfacher Bruch mit der Tradition: Ihre nackten Arme und Beine sind erotische Verweise, und das Gemälde hängt in einem Kulturdenkmal, das bis heute als Moschee genutzt wird. Auch deshalb war es zunächst fraglich, ob es überhaupt ausgestellt werden darf. Die Genehmigung der Behörden für die Präsentation in der Al-Muizz-Straße traf erst nach mehreren Monaten ein. Die lange Straße in der mittelalterlichen Altstadt von Kairo führt durch eines der ältesten Viertel weltweit; ihre Entstehung geht bis auf das Jahr tausend nach Christus zurück. Stadtpaläste mit riesigen Holztüren, monumentale Moscheen aus Stein und kleine Geschäfte mit Gewürzen, Kleidung und Schmuck säumen die Achse. Weil die Straße die höchste Dichte islamischer Architektur des Mittelalters aufweist, wurde sie 1979 von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Doch dieses Erbe ist in Gefahr. Der Umbau der Stadtstruktur, Smog und die Witterung in der Wüstenstadt greifen die historischen Bauten an. Auch wegen dieser Gefährdung ist das Viertel in diesem Jahr Freiluftmuseum und Herz der Ausstellung Art d’Égypte, die unter dem Titel „Reimagined Narratives“ das internationale Kunstpublikum anlockt.

Die Schau verteilt sich in diesem Jahr über das gesamte alte Stadtzentrum, auf Stadtpaläste wie den Bayt al Suhaymi, Moscheen und andere Kulturdenkmäler. Mit 28 Künstlern ist sie zudem größer als je zuvor. In einem der meterhohen, mit Holzintarsien verzierten Räume im Bayt el Suhaymi, dreht sich eine kinetische Metallskulptur im Kreis. Die Form erinnert in ihren Bewegungen an die Derwischtänzer, die im Mittelalter das Publikum unterhielten, oder an die Darbietungen des Tanoura, des traditionellen Festtanzes der Kairoer. Das Werk „Floating Spaces“ von Amir Youssef aus dem Jahr 2019 soll nicht nur an die soziale Interaktion beim Tanzen erinnern, sondern klagt auch an, dass die Tanzpraktiken des alten Ägyptens verloren gehen und so ein Interaktionsraum verschwindet.

Die Kunstwelt Ägyptens ist seit der Revolution 2011 im ständigen Umbruch. Trotz Repressionen hat sich in den Millionenmetropolen Kairo und Alexandria eine kleine freie Kunstszene entwickeln können, die seit einigen Jahren auch internationale Erfolge feiert: Die lange Geschichte der Straße mit den aufstrebenden Künstlern zusammenzubringen und so zur Auseinandersetzung zwischen zeitgenössischer Kunst und kulturellem Erbe anzuregen sei das Ziel von Art d’Égypte, so Nadine Abdel Ghaffar, die Gründerin der Initiative. Sie und ihr Team, ausschließlich Frauen, stehen für das progressive Ägypten. Sie haben über die Jahre ein weites Netzwerk aus Künstlern, Galeristen, Sponsoren und Sammlern geknüpft. Weil der ägyptische Staat bisher nur sehr wenig in die Kunstförderung investiert, zählen dazu auch private Geldgeber.

Neben der attraktiven Altstadt zieht das Tamara Building in einer Seitenstraße des Tal Haarb Square die Kunstfreunde in Kairo an. In den ehemals industriell genutzten Hallen haben sich die wichtigsten Galerien zu einer gemeinsamen Veranstaltung versammelt. Hier werden die neuesten Positionen ägyptischer Künstler gezeigt. Zu ihnen gehören die organischen Skulpturen aus Granit des britischen Künstlers Marcus Harris, der mit der Londoner Galerie A&D verbunden ist und ägyptische Wurzeln hat. Die kreisrunden und geometrischen Gebilde sind an die Formensprache von Brancusi und Miró angelehnt und verbinden abstrakte Naturdarstellung mit dem Ausdruck menschlicher Gefühle.

In einem weiteren Bau des Qalawun-Komplexes, der im 15.Jahrhundert als psychiatrisches Sanatorium genutzt wurde, setzt sich die Künstlerin Huda Lutfi mit dem Wechselspiel von Psychologie und Kunst auseinander. In ihrer Videoinstallation „Empty Bed in Qalawun’s Bimaristan“ zeigt sie, wie die islamische Heilkunde mit seelisch Kranken umging und wie durch Klang- und Wassertherapie psychische Leiden gelindert wurden. Lutfis Arbeit aus dem Jahr 2019 ist eine berührende Hommage an das einstige Heilwissen der ägyptischen Ärzte. Überall plätschert das Wasser, ertönt die andächtige altägyptische Musik. Für eine zweite Installation hat sie Heilrezepte und Zeichnungen gesammelt, die sie collagenartig neu arrangiert hat.

Die erste Fotografie auf dem afrikanischen Kontinent

Auch die Künstlerin Hebay Amin, die von der Zilberman Gallery in Istanbul vertreten wird, benutzt historische Vorlagen und entwickelt daraus neue Bildformate. Mit ihrem gewobenen, teppichähnlichen Werk „Windows on the West“ schafft sie ein Negativ der ersten Fotografie, die am 7. November 1839 auf dem afrikanischen Kontinent von dem Franzosen Horace Vernet angefertigt wurde. Sie löste bei ihrer ersten Ausstellung in Paris einen Skandal aus, weil das Bild den Haremspalast eines Paschas in Alexandria zeigt. In der damaligen Kolonialzeit war das ein Affront; die märchenhaften Vorstellungen über das Leben der Herrscher waren hochgradig erotisiert. Dass nun eine Frau diese Fotografie in postkolonialer Zeit und feministisch neu interpretiert, zeigt, wie politisch aufgeladen die ägyptische Kunst geworden ist.

Das beweist auch die am stärksten kontroverse Installation der gesamten Ausstellung: „Borqa“ von Ghada Amer aus dem Jahr 1997. Die ägyptische Künstlerin hat ein schwarzes Dessousteil weiterverarbeitet, so dass es die Form eines Burka-Schleiers hat. Zwischen die Augen ist auf Arabisch das Wort „Angst“ gestickt. Amer, die von der Marianne Boesky Gallery in New York vertreten wird, verbindet in ihrer Arbeit zwei Gegenpole, die konservativste Bekleidung für Frauen im Islam mit der Sinnlichkeit erotischer Unterwäsche: Das ist eine klare Provokation, zugleich ist das Wechselspiel von Angst vor staatlichen Repressionen und dem Mut zur Auflehnung dagegen thematisiert. Auch Amers Werk zeigt, dass die zeitgenössische Kunst ihre Rolle für eine demokratische Zukunft Ägyptens spielen will.

Art d’Égypte. In Kairo; noch bis zum 9.November.

Quelle: F.A.Z.
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