Auf der Kunstmesse TEFAF

Ist weniger mehr?

Von Georg Imdahl, Maastricht
25.06.2022
, 19:16
Die Kunstmesse TEFAF kehrt verschlankt, aber nicht weniger prachtvoll zurück. Für Besucher kein Nachteil: So fällt es leichter, die Vielfalt exquisiter Angebote zu bestaunen.
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„Cross Collecting“ möge gerade in aller Munde sein, sagt Hidde van Seggelen, Direktor der Maastrichter Kunstmesse TEFAF und Galerist in Hamburg, „aber bei unserer Messe gibt es das schon seit Jahrzehnten.“ Tatsächlich ist „The European Fine Arts Fair“ dafür der passende Ort. „Cross“ zu sammeln, quer über die Grenzen von Gattungen, Genres und Epochen hinweg, könnte bei der 35. Ausgabe der TEFAF bedeuten, sich am Stand der Basler Galerie Cahn vom attischen Kopf eines Jünglings aus dem 5. Jahrhundert vor Christi betören zu lassen, um bei dieser Gelegenheit, weil es das Angebot in erreichbarer Nähe gibt, eine atelierfrische Abstraktion von Larry Poons bei Yares Art aus New York zu entdecken. Oder in einer einzigen Koje, bei Robilant and Voena (London, Mailand, Paris), auf ein 1433 gemaltes „Wunder des St. Nikolaus“ von Bicci di Lorenzo neben einer feuerroten aufgeschlitzten Leinwand Lucio Fontanas von 1967 zu treffen. Die Auktionshäuser sind auf diesen Zug aufgesprungen, indem sie Werke alter Meister im Segment moderner Kunst ins Rampenlicht schieben und damit erstaunliche Erlöse beflügeln.

Besucherfreundlich, wenn auch nicht im Sinn des Veranstalters verschlankt hat sich die diesjährige TEFAF gegenüber der Ausgabe von 2020 um vierzig Aussteller. Zudem verkürzt sie ihre Laufzeit, nachdem sie wegen der Pandemie 2021 ausfallen war und jetzt von ihrem angestammten Märztermin abweichen musste. Immerhin berichten Aussteller wie Jonathan Green aus London über einen Zuwachs im Onlinehandel mit Altmeistern von fünf auf zehn Prozent; Abschlüsse habe er im Wesentlichen mit neuen Käufern aus China, aber auch Großbritannien verzeichnet. Frage an den Anbieter: Sind das Sammlerinnen und Sammler mit Expertise — oder reine Investoren? Zumindest wüssten sie, so die Antwort, an wen sie sich wenden müssten. Auf der Messe bietet Green drei dörfliche und mythologische Szenerien von Pieter Bruegel dem Jüngeren, feinmalerisch brillant, zu Preisen von einer bis drei Millionen Pfund an.

Dass die Unwägbarkeiten der Gegenwart an der gediegenen Messe für Kunst und Antiquitäten nicht vorbeigehen, zeigt sich auch darin, dass die TEFAF einen ihrer beiden jährlichen Termine in New York gestrichen hat, um sich in Übersee auf die klassische Moderne zu konzen­trieren. Ohnehin schlägt ihr Herz in Maastricht. Die Kojen lassen dies auch mit zahlreichen eigens produzierten Katalogen erkennen. Über die strengen Auswahlkriterien wachen knapp 200 Experten, die vor der Eröffnung jedes Werk begutachten, teils buchstäblich durchleuchten. Man spürt den Ehrgeiz der Galeristen, den hochfliegenden Ansprüchen mit entsprechenden Gütern – verstärkt übrigens durch Schmuck und Diamanten – gerecht zu werden. Lange­loh Porcelain aus Weinheim bietet ein vollständig erhaltenes Meissener Service für Tee und Kaffee, um 1723 mit den Schwertermarken versehen, für 380.000 Euro an. Die Münchner Kunstkammer Georg Laue wartet mit einer Fratzenkanne von Nikolaus Pfaff auf, einem Schatzkammerobjekt ohne praktische Funktion, für das der Anbieter, weil bereits ein europäisches Museum Interesse angemeldet habe, den Preis unter Verschluss hält. Demisch Danant (New York, Paris) möblieren ihre Koje unter anderem mit einem Sofa von Maxime Old für 70.000 Euro.

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„Ukrainische Renaissance“ aus London

Die römische Galerie Antonacci Lapiccirella präsentiert ein nach 200 Jahren wieder aufgetauchtes, kapitales Format des Neoklassizisten Vincenzo Camuccini mit „Horatius Cocles“ im Kampf gegen die Etrusker für 650.000 Euro. „Ukrainische Renaissance“ nennt der Londoner Galerist James Butterwick seine monographische Schau mit Werken von Oleksandr Bohomazov im Zeichen von Futurismus und Rayonismus, dem das Kölner Museum Ludwig 2023 eine Ausstellung widmet. Für ein Selbstporträt des Malers von 1914 erwartet der Händler 900.000 Euro; weitere Bilder, darunter sehenswerte kaukasische Landschaften aus dem Nachlass, schlagen mit bis zu 1,75 Millionen Euro zu Buche, von denen 15 Prozent als Spenden in die Ukraine fließen sollen. Aus Anlass des vierzigjährigen Galeriejubiläums stellt Thomas Salis (Salzburg) Werke meist auf Papier unter dem Titel „Prinzip Collage. From Arp to West“ mit musealem Zuschnitt zusammen. In leuchtender Allianz versammelt sich eine „Groupe des Femmes“ von Sonia Delaunay am Stand von Zlotowski (Paris) für 195.000 Euro.

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Unter den 21 Neuausstellern unter den 240 Teilnehmern finden sich sechs „Showcases“: Stände für junge Händler hauptsächlich aus Paris wie der von Nicolas Bourriaud, der sich auf Bronzen aus dem 19. Jahrhundert spezialisiert. Vernehmlich ist allerorten die Erleichterung, wieder in Präsenz ins Messegeschäft zu kommen. Das Kommen und Gehen symbolisieren zwei elektrische Türen, rhythmisch abgestimmt in einem der seltsamsten Objekte der Messe von Suchan Kinoshita, zu erwerben bei van Seggelen für 60.000 Euro.

TEFAF, MECC Maastricht, bis 30. Juni, Eintritt 50 Euro

Quelle: F.A.Z.
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