Art Cologne

Denke global, handele lokal

Von Georg Imdahl
20.11.2021
, 11:30
Die Art Cologne ist zurück und trotzt der vierten Corona-Welle: Rheinischer als zuvor macht sie aus der Not eine Tugend.
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Dreimal musste die Art Cologne seit dem Frühjahr 2020 verschoben werden, bis ihre 54. Ausgabe jetzt endlich stattfinden kann – und prompt von der vierten Welle der Corona-Pandemie erwischt wird. Sie schlägt sich sehr respektabel. Ein Ansturm internationaler Sammlerinnen und Sammler war unter diesen Vorzeichen nicht zu erwarten. Dankbar registrieren die Galerien dafür die Präsenz von Interessenten aus der Region wie auch von Kuratoren und Museumsleuten aus Deutschland.

Wenn der Tenor in den Gesprächen auf den Korridoren lautet, die Aufplanung sei großzügig und angenehm, das allgemeine Angebot gehe allerdings eher auf Nummer sicher – dann mag eine gewisse Gediegenheit die momentanen Erwartungen spiegeln und in geschäftlicher Hinsicht das Gebot der Stunde sein. Wer geht denn jetzt freiwillig ins Risiko?

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„Neustart Kultur“

Eine „Rheinlandmesse“ nennt ein Galerist die laufende Art Cologne und meint das nicht despektierlich, obwohl der Kölner Kunstmarkt diesmal (oder auch schon länger) sogar auf manch gestandenen rheinischen Teilnehmer verzichten muss. Insgesamt stellt eine reduzierte Zahl von 150 Ausstellern die hiesige Nachfrage wohl angemessen dar – sie alle kommen für ihre Standmieten übrigens in den Genuss von Bundesmitteln, Stichwort „Neustart Kultur“.

Auch im Zuge einer gewissen Regionalisierung von Teilnehmerfeld und Käuferklientel wird offenbar verkauft, sogar in höheren Preisregionen: Am Stand von Daniel Buchholz (Köln) wechselte am Eröffnungstag eine Betonskulptur von Isa Genzken zum Preis von 750.000 Euro in eine heimische Sammlung. Für Kölner Verhältnisse eine beträchtliche Summe.

In der Halle 11.2 fahren die Galerien Sprüth Magers, Gisela Capitain, Johann König (Köln, Berlin), Karsten Greve (Köln) sowie nächst St Stephan (Wien) ihre Energien hoch und bilden ein attraktives Zentrum der Gegenwartskunst, das durch den Nonprofit-Stand Queer Budapest, kuratiert von Zsuzsanna Zsuró und Thomas Roughan, zusätzlich belebt wird: In einem Boxring veranstaltet die LGBTQ-Initiative Performances, an ihrem Stand zeigt sie Szenefotos, um mit künstlerischen Mitteln auf die politische Verdrängung in Ungarn aufmerksam zu machen.

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Einige Schritte weiter richtet die Galerie Pearl Lam (Hongkong, Schanghai und Singapur) der in Südafrika lebenden Zanele Muholi eine museal anmutende Soloschau mit Selbstporträts in Form von Fotografie und Malerei aus – und bietet damit ebenfalls einer aktivistisch sich verstehenden Kunst im Zeichen von diverser Identität eine Bühne (die Werke kosten 23.000 bis 63.000 Dollar). Mathias Güntner (Hamburg und Berlin) präsentiert in seiner Koje Fotocollagen der 1945 geborenen Warschauerin Ewa Partum, einer Künstlerin, die 1980 ebenso entblößt wie unerschrocken auf die Straße ging und mit Performance vor der Kamera die Zensur herausforderte (13.500 bis 20.000 Euro).

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Im Zeichen des Geldes

Aus Berlin nimmt mit Neugerriemschneider eine Programmgalerie zum ersten Mal in Köln teil und rollt Skulpturen aus Projekten von Paweł Althamer den roten Teppich aus. Zu den Debütanten der Art Cologne zählt der junge Münchner Galerist Max Goelitz: Seine Koje hat er stylish und cool mit Gitterrost ausgelegt, an der Wand hängt eine „Cryptic Machine“ von Niko Abramidis, einem Künstler, der die globalen Geldströme und das Finanzgebaren großer Unternehmen eher subtil als in knallharter Kritik verfolgt und parodiert (9800 bis 16.500 Euro).

Jenes Schwarzgeld in diesen Kapitalflüssen schleust wiederum Gunter Reski in Form der für ihn typischen Text-Malerei-Kombination in die Messe ein, wird es doch der Sage nach auch auf dem Kunstmarkt für Geldwäsche eingesetzt (am Stand von Nagel Draxler, Berlin und Köln, kostet das Bild 13.500 Euro).

Im Segment von Moderne und Nachkriegskunst scheint das Teilnehmerfeld in der Halle 11.1 rund um die Galerien von Vertes (Zürich), Lahumière (Paris), Utermann (Dortmund) oder Schwarzer (Düsseldorf) insgesamt luftig.

Eine Entdeckung gilt es bei der Galerie Valentien zu machen: Außer einer ganzen Reihe von Gemälden Franz Radziwills auch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs (bis 360.000 Euro) zeigt der Händler aus Stuttgart Bilder des kaum bekannten Volker Böhringer, einem Veristen, der während der NS-Diktatur mit Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt worden war – was ihn nicht daran hinderte, im Atelier heimlich eine düstere, traumatische Welt in Szene zu setzen. Beispiele jener messerscharfen Neuen Sachlichkeit sind eine „Frau am Zaun“ und eine „Krankenschwester“, prophetische Werke von 1936 und 1937 (sie kosten 90.000 und 250.000 Euro).

Bei Walter Storms (München) hängt eine Komposition „Dehnung“ von Günter Fruhtrunk aus dem Jahr 1974 mit grünen und weißen Diagonalen, die schon nach kürzestem Hinsehen ihre Komplementärfarbe aktiviert und in Pink zu leuchten beginnt; solche Werke scheinen nicht zu altern (220.000 Euro). Was auch für eine kleine, orange lackierte Skulptur von Norbert Kricke auf dem Sockel bei Aurel Scheibler (Berlin) gilt, sie kostet hier 120.000 Euro. Unter den Käufern befinden sich bisweilen übrigens auch die besagten Museumsleute. So meldet die Galerie Thaddaeus Ropac (London, Paris, Salzburg) den Erwerb dreier fotografischer „Körperfigurationen“ von Valie Export durch das Kölner Museum Ludwig.

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An ihrem Herbsttermin will die Art Cologne künftig wieder festhalten und überlässt den April der Art Düsseldorf. Zeitgleich mit der laufenden Ausgabe richtet die Kölnmesse die Cologne Fine Art für Design und Antiquitäten aus, die sich in ihrer Sonderschau diesmal auf „Vienna 1900“ konzentriert.

Art Cologne und Cologne Fine Art auf dem Gelände Koelnmesse in Köln-Deutz, bis 21. November, Eintritt 25 Euro, es gilt 3 G.

In einer früheren Version des Artikels war zu lesen, die Galerie Karsten Greve sei in Halle 11.1 im Segment Moderne und Nachkriegskunst zu finden gewesen. Tatsächlich stellte sie in Halle 11.2 aus. Wir bitten den inzwischen korrigierten Fehler zu entschuldigen.

Quelle: F.A.Z.
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