Kunstmessen Frieze in London

Diverser, weiblicher, ökologischer

Von Gina Thomas, London
16.10.2021
, 13:01
Die Messen Frieze und Frieze Masters sind zurück, gezeichnet von der Pandemie und mit neuem Optimismus. Bei den Zeitgenossen war im Lockdown Zeit für malerische Introspektion. Und asiatische Händler zeigen mehr Präsenz denn je.
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„Save me“, prangt in lilafarbener und roter Kursivschrift an einem der Stände der Frieze-Messe. Tracey Emins Neon-Schrei stammt zwar aus vorpandemischer Zeit, doch drückt er auf der ersten Londoner Wiederversammlung des in der Regel jährlich stattfindenden Großereignisses von Frieze und Frieze Masters etwas von der Nervosität eines Marktes aus, der nach der coronabedingten Zwangspause das Terrain sondiert und aus dem Nachholbedarf Kapital zu schlagen hofft.

Ausländische Teilnehmer sind freilich in den zwei großen Zelten im Regent’s Park weniger präsent als gewohnt. Hier und da waren unter den rund 280 Ausstellern auch Klagen über die beschwerlichen Zollformalitäten seit dem Brexit zu vernehmen, die durch die Lastwagen-Krise weiter verschärft worden sind. Einige ließen sich dadurch sogar ganz von der Teilnahme abschrecken; andere zitterten bis zuletzt, ob ihre Ware rechtzeitig ankommen würde.

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Davon war bei der Eröffnung allerdings nichts zu spüren: Die Energie, berichteten Händler, die auch auf der Art Basel gewesen sind, schwinge höher als dort; die Stimmung sei zuversichtlich, das Geschäft bei Werken bis zu einer halben Million Dollar laufe zügig. Das bisher übliche Gedränge hingegen wird durch die von der Organisation ergriffene Corona-Maßnahme eingeschränkt, den Eintritt zeitlich festzulegen. Die Eintrittspreise von bis zu 205 Pfund für beide Messen dürften ebenfalls ins Gewicht fallen.

Das Angebot bei der aufs Zeitgenössische konzentrierten Frieze-Messe wirkt auffallend zurückhaltender, der Ton in­trospektiver, wohl nicht zuletzt, weil die im Lockdown auf sich selbst zurückgeworfenen Künstler verstärkt gemalt haben. Das macht auch der Stand der Londoner Händlerin Victoria Miro durch eine Auswahl von Bildern sichtbar, zu denen Chantal Joffes Ölgemälde kleeblütenartiger „Corona“-Blumen in einem Krug gehört, die unter dem Eindruck der Pandemie entstanden sind (Preise bis zu 22.000 Euro).

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Akribisch gearbeitete Leinwände

Statt ausgefallener konzeptioneller Installationen drängen sich akribisch gearbeitete Leinwände auf: wie bei der Galerie Krinzinger aus Wien der labyrinthische Kreis, den Waqas Khan mit feinsten roten Tintenstrichen auf eine 2,4 mal 2,4 Meter große Leinwand gebannt hat. Ähnlich suggestiv wirken am Stand von Edouard Malingue aus Hongkong die großformatigen Porträts der Schauspielerin Maggie Cheung, welche die amerikanisch-taiwanische Künstlerin Brooke Hsu in grüner Tinte ausgeführt hat. Die gesamte Präsentation von Hsus Werken – einschließlich eines dem Balthus-Gemälde „Das Opfer“ frei nachempfundenen Diptychons, das fast 2,5 mal 2,7 Meter misst – ist für Preise zwischen 20.000 und 42.000 Dollar bereits verkauft.

Gewiss warten die großen Händler, wie Gagosian und der auf beiden Frieze-Messen vertretene Thaddaeus Ropac, mit ihren berühmten Namen auf. Ropac verzeichnete gleich am ersten Tag unter seinen Verkäufen das in diesem Jahr entstandene Ölgemälde „Zimmer mit Dusche“ von Georg Baselitz. Die mit 1,2 Millionen Euro bezifferte Darstellung eines skizzenhaft gemalten, überlebensgroßen violetten Kopfstehenden vor

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Fragen der Identität

Zu beobachten ist auch der fortschreitende Trend hin zu Künstlerinnen und zu schwarzen Künstlern und Künstlerinnen, die sich mit Umweltfragen beschäftigen. Besonders markant sind die figurativen Collagen der Amerikanerin Deborah Roberts, die sich mit scharfem dadaistischen Witz mit Gender- und Rassenidentität auseinandersetzt. Die fünf großformatigen Werke, die Stephen Friedman für 125.000 bis 150.000 Dollar angeboten hat, sind allesamt an Museen verkauft worden. Regen Absatz findet auch die durch den Erfolg einer Retrospektive der Tate bestärkte britische Malerin Lynette Yiadom-Boakye mit ihren fiktiven Porträts von Schwarzen, für die die Londoner Galerie Corvi-Mora bis zu 400.000 Dollar verlangt.

Hervorstechend ist der wachsende Anteil asiatischer Händler, der mit der Ausweitung von Frieze nach Seoul im kommenden Herbst weiter ansteigen dürfte. Die Galerie Hyundai stellt auf beiden Messen Werke des aus Nordkorea stammenden, in Südkorea ansässigen Künstlers Seung-taek Lee aus, dessen avantgardistische Keramik und anschauliche, wellenrhythmische Kompositionen aus Seilen auf hohen Leinwänden an die traditionelle koreanische Kultur anknüpfen. Der gleiche Eindruck entsteht bei Friese Masters am Stand der alteingesessenen Galerie Shibunkaku aus Kyoto bei ihren japanischen Künstlern: Zu erkennen ist dort, wie Morita Shiryu und Yuichi Inoue unter dem Einfluss des Abstrakten Expressionismus die kalligraphische Tradition erneuert haben – und wie sie, am Beispiel von Robert Motherwells „Automatism with Splash“, ihrerseits die westliche Kunst befruchtet haben.

In aller Ruhe ausgewählt

Dem Angebot von Frieze Masters ist anzumerken, dass die Händler Zeit hatten, ihre Auswahl ohne die sonstige Hetze zu treffen. Die von Luke Syson, dem Direktor des Fitzwilliam Museum in Cambridge, kuratierte Initiative „Stand Out“ lenkt das Augenmerk stärker auf Kunsthandwerk aller Epochen und Stile, wie die italienische Keramik bei Raccanello & Leprince, Meisterwerke der viktorianischen Ära bei Oscar Graf oder Skulpturen von Rachel Whiteread bei Stuart Lochhead.

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Es fällt eine Fülle von sorgfältig komponierten Ständen ins Auge, von denen einige sich auf einzelne Künstler konzentrieren in Zusammenstellungen von musealem Anspruch. Dazu gehören Annely Juda mit einer Re­trospektive auf das Werk von Leon Kossoff, aber auch Daniella Luxembourg, die sich auf die italienische Malerin Giosetta Fioroni aus den Sechzigerjahren fokussiert, und Osborne Samuel, die unter dem Titel „Raum und Form“ ein reichhaltiges Angebot an Werken von Henry Moore zeigen.

Simon Dickinson wartet mit lateinamerikanischen Künstlerinnen auf, allen voran der kubanisch-amerikanischen Carmen Herrera, deren abstraktes geometrisches Gemälde „Field of Combat“ aus dem Jahr 1952 ein Preisschild von 1,1 Millionen Pfund trägt. Dazwischen erscheinen immer wieder exquisite Einzelwerke, wie das große Pastell des aus Chile stammenden, in Marokko niedergelassenen Claudio Bravo, das bei Stephen Ongpin für 220.000 Pfund zu haben ist. Die Entdeckerfreude erhält viel Nahrung von diesen Schwestermessen.

In Regent’s Park, London; noch bis zum Sonntag, dem 17. Oktober.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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