Katalog der Antiquare

Lektüre über Lektüren

Von Jonathan Kreß
22.08.2021
, 10:53
Das „Asiatische Nashorn“ aus Johann Elias Ridingers prächtigem Band über das „Thier-Reich“.
Zum zwölften Mal gibt die Genossenschaft der Internet-Antiquare ihren Katalog heraus. Erhältlich sind seltene Bücher, alte Handschriften und wertvolle Drucke.
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Für viele Antiquare ist das Ladengeschäft längst nicht mehr die Hauptsache. Denn der Handel mit den raren und gebrauchten Büchern hat sich schon eine Weile vor den Corona-Lockdowns ins Internet verlagert. Dort lassen sich ganze Bücherbestände durch Volltextsuche erschließen und die weltweiten Preise mit nur wenigen Klicks vergleichen. Angeboten sind so nicht nur gebrauchte Bestseller und vergriffene Lieblingskrimis, sondern es wird ein wichtiger Beitrag dazu geleistet, das gedruckte Buch auch im digitalen Zeitalter zu bewahren. Das beweisen die Mitglieder der Genossenschaft der Internet-Antiquare nun zum zwölften Mal mit einem Gemeinschaftskatalog: Auf 180 Seiten stellen 54 Anbieter besondere Preziosen aus ihrem Bestand vor, fachgerecht beschrieben und oft auch bebildert.

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Meist sind es besonders seltene Bücher oder Exemplare mit niedrigen Auflagen in guter Erhaltung. Das mit 115.000 Euro bezifferte Spitzenstück besitzt zudem eine bemerkenswerte Provenienz: Es handelt sich um eine original kolorierte Ausgabe des „Thier-Reich“ mit Kupferstichen von Johann Elias Ridinger, herausgegeben von seinen Söhnen im Jahr 1754. Schon aus einem Katalogeintrag aus dem späten 19. Jahrhundert geht hervor, dass dieses Buch als „das gesuchteste und seltenste Werk Ridingers“ gilt. Aus dem Besitz der Familie von Weinberg gelangte es 1938 in die Städtischen Sammlungen Frankfurt, von wo es 1950 an die Erben der Weinbergs restituiert wurde. Die Ridinger-Kenner des Antiquariats Lüder H. Niemeyer in Göhrde widmen der Beschreibung des herausragenden Exemplars jetzt zwei Katalogseiten.

Barbara Regina Dietzsch, „Gimpel auf einem Zweig“, Goauche auf Pergament, 27 mal 208, Zentimeter, 8900 Euro beim Nürnberger Buch- und Kunstantiquariat.
Barbara Regina Dietzsch, „Gimpel auf einem Zweig“, Goauche auf Pergament, 27 mal 208, Zentimeter, 8900 Euro beim Nürnberger Buch- und Kunstantiquariat. Bild: Nürnberger Buch- und Kunstantiquariat

Manche Bücher sind, trotz hoher Auflagen, nur noch selten zu finden, weil sie später verboten wurden. So beschlagnahmten die Nationalsozialisten Maximiliane Ackers Roman „Freundinnen“ aus dem Jahre 1923, in dem die Autorin ihre Erfahrungen aus der Berliner Lesben- und Künstlerinnenszene zum Inhalt machte. Das aufschlussreiche Zeitdokument galt einst als Geheimtipp der Weimarer Republik. Ein Exemplar der zweiten Auflage, die bereits 1924 erschien, ist im Kölner Querschnitt-Antiquariat für 180 Euro zu haben. Als Widerstand gegen die nationalsozialistische Repression gründeten deutsche Exilanten in Mexiko-Stadt den Verlag „El libro libre“. Dort erschien auch Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“ im Jahr 1942 in deutscher Sprache. Ein solches Exemplar des mexikanischen Verlags ist beim Roten Antiquariat in Berlin für 900 Euro erhältlich.

Wer sich für Handschriftliches interessiert, wird beim Berliner Antiquariat Manuscryptum fündig. Dort findet sich die eigenhändige Unterschrift Napoleon Bonapartes auf einem Generalspatent von 1803 (1300 Euro) oder die Unterschrift des belgischen Königs Leopold I. auf einem Adelsbrief mit Wachssiegel von 1848 (1800 Euro). Bemerkenswert ist auch eine Sammlung mit Dokumenten fanatischer Antifreimaurer aus den Jahren 1849 bis 1869, die mit Pamphleten und Denkschriften an deutsche Staatsmänner auf eine Weltverschwörung des Freimaurerbunds aufmerksam machen wollten (850 Euro).

Einige Antiquariate betreiben neben dem Buch- auch einen Kunsthandel. Auf den Seiten des Nürnberger Buch- und Kunstantiquariats findet sich zum Beispiel das Porträt eines zierlichen Gimpels in leuchtenden Farben auf rosafarbenem Grund. Der Detailreichtum dieser 28 mal 20,8 Zentimeter großen Gouache auf Pergament ist typisch für die Arbeiten von Barbara Regina Dietzsch, die als talentierteste Vertreterin der Nürnberger Künstlerfamilie aus dem 18. Jahrhundert gilt (8900 Euro). Aus dem berühmten „Hortus Eystettensis“ von 1613 stammt ein Blatt mit dem Kupferstich einer Kartoffelpflanze, die damals noch als üppig blühende Zierpflanze die barocken Gärten schmückte (780 Euro).

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Seitdem man per Videoschaltung Einblick in die Heimbüros der Kollegen erhalten kann, erlebt das gut bestückte Bücherregal eine Renaissance. Dass ledergebundene Ausgaben mittlerweile auch bequem zwecks Raumausstattung geliehen werden können, spricht für den symbolhaften Charakter solcher Bücherwände. Für diejenigen mit echter Zuneigung zur bibliophilen Buchausstattung unterhält das Antiquariat Peter Ibbetson in Engelskirchen ein umfangreiches Archiv für Buchbinderei und Einbandkunde. Dort findet sich etwa ein Luxusdruck von Goethes „Faust“ aus dem Jahr 1929, der nicht nur von außen durch seinen Einband aus blindgeprägtem Oasenziegenleder besticht, sondern auch von innen durch den prachtvollen vierfarbigen Druck nach der Originalhandschrift des Kalligraphen Johann Holtz (650 Euro).

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Der Gemeinschaftskatalog der Antiquare kann unter service@antiquariat.de kostenlos bestellt werden.

Quelle: F.A.Z.
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