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Londoner Ergebnisse

Am liebsten isst Punchinello Gnocchi

Von Gina Thomas
Aktualisiert am 06.12.2019
 - 16:19
Londoner Ergebnisse: Die Auktionen mit Alten Meistern bei Christie’s und Sotheby’s.

Sir Brinsley Ford war ein Dilettant im ursprünglichen Sinn des Wortes dilettare – für erfreuen oder ergötzen –, den sich gebildete britische Kavaliersreisende in der Frühaufklärung aneigneten. Ein Vermächtnis ermöglichte ihm, als kunstverständiger Privatier zu forschen und zu sammeln. Seine Interessen waren breitgefächert. In seinen drei zusammengefügten Londoner Reihenhäusern, deren unscheinbare georgianische Backsteinfassade nicht ahnen ließ, welche Schätze sich dahinter verbargen, mischten sich Renaissancebronzen und Altmeisterzeichnungen, französische Terracotta-Skulpturen des 18. Jahrhunderts und arkadische Landschaftsgemälde von Richard Wilson mit Werken von Toulouse-Lautrec und anderer moderner Künstler wie Gaudier-Brzeska und Henry Moore.

Bei einem Glas Sherry pflegte der hochgewachsene Hausherr Besucher durch die dichtbehängten Räume zu führen, derweil er mit Stentorstimme und einer wunderbaren Mischung aus Kennertum und Anekdoten die Geschichte der Sammlung erzählte. Kurz nach seinem Tod erzielte Michelangelos Studie für die Skulptur des auferstandenen Christus in Santa Maria sopra Minerva im Juli 2000 den damaligen Rekordpreis von 8,1 Millionen Pfund. Ford hatte sie 1936 erworben – für immerhin 3579 Pfund, rund 250.000 Pfund nach heutigem Wert. Nun haben sich die Nachkommen von sechs lavierten Federzeichnungen aus Domenico Tiepolos phantasievoll-karnevalesker Punchinello-Serie getrennt, deren 104 Blätter 1920 bei Sotheby’s auktioniert und verstreut wurden. Vierzehn davon zierten bei Sir Brinsley einen wunderbaren Raum mit blaugestreifter Tapete. Die sechs Lose aus Tiepolos prachtvollem satirischen Spätwerk bildeten mit zwei, um 1450 datierten, Predellen Giovanni di Paolos für ein Altargemälde, das sich heute in der Pinakothek von Siena befindet, die Höhepunkte der Versteigerung mit Alten Meistern bei Christie’s. Sie ließ sonst, wie am folgenden Abend auch das Angebot bei Sotheby’s, die Materialknappheit im Schatten des Brexits spüren.

Die Predellen mit zwei Szenen aus dem Leben der heiligen Klara, ihrer dramatischen Rettung der Schiffbrüchigen und ihrer Einkleidung durch den heiligen Franz, waren unlängst von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz an die Erbin des Frankfurter Telefonunternehmers Harry Fuld restituiert worden. Ein Telefonbieter sicherte sich beide Werke für 4,5 und drei Millionen Pfund, mehr als doppelt und dreifach so viel wie die oberen Schätzwerte. Die Tiepolo-Zeichnungen gingen an vier Kunden aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Europa und China, für saftige Preise zwischen 340.000 und 820.000 Pfund. Am teuersten wurde das Blatt mit dem Festmahl Punchinellos mit seinen geliebten Gnocchi, das einen neuen Rekord für den Künstler setzte.

Bei Sotheby’s bekräftigte das starke Interesse für ein Porträt von Anthonis Mor, dass ein wählerisches Publikum marktfrische Qualitätware begehrt, auch wenn es sich bei dem Maler am spanischen Hof in den Niederlanden nicht um einen Künstler der allerersten Reihe handelt. Mors mit bis zu 500.000 Pfund taxiertes Bildnis des Jacopo da Trezzo stieg auf 1,6 Millionen Pfund. Derselbe Telefonbieter schlug bei drei weiteren Losen zu, darunter ein großes Gemälde mit Diana und ihren jagenden Nymphen aus der Werkstatt von Rubens, die es, bewertet mit bis zu 500.000 Pfund, auf 1,4 Millionen Pfund brachte. Die schonungslose Kreuzigung, die Francisco Zurbarán vermutlich für ein Kloster in Kolumbien malte, fand wohl wegen des düsteren Sujets und des großen Formats keinen Abnehmer. Sotheby’s hatte das Bild bis auf 3,5 Millionen Pfund geschätzt und mit einer Garantie versehen. Insgesamt zeigte sich einmal mehr, wie preiswert die Alten Meister sind, gemessen an zeitgenössischer Kunst, in einem Markt, dem Dilettanten wie ein Brinsley Ford fehlen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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