Mit Magritte auf Rekordjagd

Ein Haus lädt zum Tagträumen ein

Von Ursula Scheer
15.01.2022
, 15:22
Für Anne-Marie: René Magritte, „L’empire des lumières“, 1961, Öl auf Leinwand, 114,5 mal 146 Zentimeter
Magrittes „L’empire des lumières“ in einer Fassung von 1961 soll bei Sotheby’s in London einen neuen Auktionsrekord für den belgischen Surrealisten aufstellen. Gemalt hat er das Bild für seine Muse Anne-Marie Gillion Crowet.
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Besucher des Musée Magritte in Brüssel kennen dieses Gemälde, das am 2. März bei Sotheby’s in London zur Auktion kommen soll und mit einer Garantie versehen die Erwartung von sagenhaften 45 Millionen Pfund weckt. Das wäre ein bemerkenswerter neuer Rekordwert für ein Gemälde des Surrealisten René Magritte. Bislang ist das gesichtslose Porträt „Le Principe du plaisir“ von 1937, das 2018 bei Sotheby’s in New York für 23,5 Millionen Dollar zugeschlagen wurde – taxiert damals auf 15 bis 20 Millionen – sein teuerstes je in einer Auktion verkauftes Bild.

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Jetzt geht „L’empire des lumières“ ins Rennen, eine von 27 Versionen eines Sujets, auf das René Magritte immer wieder zurückkam. Von 2009 an war die erstmals in den Handel kommende Fassung von 1961 als Dauerleihgabe im Magritte-Museum ausgestellt. Ein zweigeschossiges Stadthaus, wie es in der belgischen Kapitale zu finden sein könnte, hat der Künstler abgebildet. Doch wäre er nicht er selbst gewesen, hätte er der Darstellung nicht die Qualität eines paradoxen Traumbilds verliehen: Hellblau und von weißen Wolken durchwirkt, steht der Himmel über dem Anwesen, das selbst in tiefer Nacht liegt. Das Dunkel lichten nur der Schein einer zentral vor dem Gebäude platzierten Straßenlaterne und Licht, das aus der oberen Etage nach außen dringt – doch halb verschattet wird vom scherenschnittartigen Schwarz eines Baums. Keine Menschenseele ist zu erahnen, kein Windhauch, kein Vogel im Geäst: Eine unwirkliche Stille beherrscht die Ansicht.

Auch Peggy Guggenheim liebte das Sujet

Die von 1939 an bis in die Sechzigerjahre hinein sich ungeplant entwickelnde Serie „Reich der Lichter“ – so der gängige deutsche Titel – war schon zu Zeiten ihrer Entstehung in Form von Gouache- und Ölgemälden derart beliebt, dass Magritte der konkurrierenden Nachfrage von Sammlern auf der Venedig-Biennale 1954 nur gerecht werden konnte, indem er sogleich mehrere neue Versionen des dort ausgestellten Bildes nachlieferte – das sich Peggy Guggenheim für ihre Kollektion gesichert hatte.

Muse und Freundin: Anne-Marie Gillion Crowet
Muse und Freundin: Anne-Marie Gillion Crowet Bild: Sygma/Getty Images

Die nun zur Auktion kommende Fassung hat Magritte für Baronin Anne-Marie Gillion Crowet gemalt: seine Muse und seit Jahrzehnten eine Größe im belgischen Kulturbetrieb. Kennengelernt hatte der Maler die Tochter seines Mäzens Pierre Crowet als Sechzehnjährige. Damals, 1956, saß sie ihm Modell für „La fée ignorante“ – und sah bei dem Künstler eines seiner anderen Gemälde an der Wand, „Belle idée“ von 1950, in dem das Gesicht einer Frau im Kopf eines Pferdes erscheint. Die Augen, das Haar: Anne-Marie erkannte sich selbst wieder, und Magritte, so erzählt sie seither gerne in Interviews, habe spöttisch gelächelt und gesagt: „Siehst du, ich habe dich schon gemalt, bevor ich dich kennengelernt habe.“ Tatsächlich fand er in ihr ein ästhetisches Ideal verkörpert, dem er schon zuvor gehuldigt hatte. Sie seien unzertrennlich geworden. Der Künstler verewigte sie bildlich, malte für sie Werke wie „La poitrine“ und „La voix du sang“ und die mit 114,5 mal 146 Zentimeter größte Fassung vom „Reich der Lichter“.

Seither war diese im Familienbesitz von Anne-Marie Gillion Crowet, einer Sammlerin, die sich mit ihrem Mann Roland Gillion vor allem dem Jugendstil verschrieben hat. 2013 stiftete das Paar eine bemerkenswerte Kollektion von Werken den Musées royaux des Beaux-Arts in Brüssel für ihr Fin-de-Siècle-Museum. „L’empire des lumières“ aus ihrem Besitz geht nun auf Besichtigungstour durch die Dependancen des Auktionshauses in Los Angeles, New York, Hongkong und schließlich London. Beim Ehepaar Gillion Crowet, hieß es vor ein paar Jahren in „Le Figaro“ , hingen übrigens nur noch Kopien von Magritte-Gemälden an den Wänden. Auch irgendwie surreal.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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