Galerien in Salzburg

Marmorgurke, böse Blumen

Von Brita Sachs
08.08.2021
, 16:37
Die Marksburg: Florian Maier-Aichen, „Untitled“, 2021, C-Print, Ed. 3+1/“AP, 195 mal 139,5 Zentimeter, Galerie Ruzicska.
In diesem Jahr wieder zur Festspielzeit: Die Galerien der Stadt inszenieren ihre schönste Kunst.

Oben auf dem Salzburger Mönchsberg steht einer von James Turrells großartigen „Sky Spaces“, wo im Blick durch eine Öffnung in der Decke auf himmlische Wolken- und Lichtspiele Natur und Kunst eins werden. Unten in der Altstadt, in der spätromanischen Krypta des Doms, installierte Christian Boltanski 2009 das mystische Schattenspiel „Vanitas“. Beide Werke liegen am lohnenden „Walk of Modern Art“, den eine Privatinitiative vor zwanzig Jahren ins Leben rief, um Salzburgs öffent­lichen Raum mit Kunst auszustatten. Später übernahm die Sammlung Würth die Werke von Marina Abramović, Stephan Balkenhol, Mario Merz und den anderen und richtete selbst noch einen Skulpturengarten beim Schloss Arenberg ein.

Plastischen Arbeiten widmen in diesem Jahr auch viele Galerien ihre Ausstellungen zur Festspielzeit. So erinnert Welz an Fritz Wotruba, den Künstler und auch den Lehrer einer ganzen Generation, die dieser Vorreiter der österreichischen Bildhauerei nach 1945 geprägt hat. Wotrubas eigenes Œuvre ging vom Menschenbild aus, von der klassischen Gestalt, die er zunehmend abstrahierte, schließlich zu Komplexen aus Röhren und vor allem Kuben verdichtete (Bronzen von 30.000, Zeichnungen von 4600 Euro an). Nach Wotrubas Methode mussten auch seine Schüler den eigenen Weg vom klassisch Figurativen aus finden. Manche ließen dabei das Lehrervorbild einfließen. Andere entfernten sich weiter, wie Joannis Avramidis mit seinen mehrachsigen, weich konturierten Torsi (Bronzen von 55.000, Zeichnungen von 12.000 Euro an) oder Alfred Hrdlicka mit geschundenen Körpern in expressivem Realismus (von 3900 Euro an). (Bis zum 4. September).

Ein stärkerer Gegensatz zur vom manuell formenden Künstler im Atelier ausgeübten Gestaltung als die Arbeitsweise von Donald Judd ist kaum denkbar. Die Galerie Thaddaeus Ropac zeigt den Minimalisten, der sich auf die geometrischen Grundformen, auf Quader und Kubus be­schränkte – und der vor allem jegliche persönliche Handschrift vermied, indem er hoch spezialisierten Handwerksbetrieben die Fertigung der monochromen Wand- und Bodenobjekte aus Holz, Aluminium, Plexiglas übertrug. Bei Ropac, der seit zwei Jahren gemeinsam mit der Galerie Zwirner Judds Nachlass vertritt, stehen zwei große kadmiumrote und mit einer Aluminiumeinlage versehene Bodenarbeiten von 1990, die nicht mehr, aber auch nicht weniger wollen, als über die Beziehung von Farbe und Form sowie von Form und Raum zu reflektieren (je 1,5 Millionen Dollar). Diese Absicht verfolgen auch Judds elegante, nach vorn teilweise offene und innen mit farbigem Plexiglas ausgekleidete Wandquader (950.000 Dollar). (Bis zum 28. August).

Es ist ein Clou, dass Ropac gerade eines der letzten verfügbaren Flaschentrockner-Exemplare von Marcel Duchamp präsentieren kann, im eigenen Raum glanzvoll inszeniert; einen anderen „Porte-bouteilles“, der Robert Rauschenberg gehörte, gab er 2018 an das Art Institute of Chicago ab. Duchamps Konzept, industriell gefertigte Produkte zu Kunst zu erklären, gehört zu den Voraussetzungen von Judds Arbeit. Und in der großen Halle in der Vilniusstraße gewährt Ropac den meterhohen Marmorgurken, Marmorwürsteln und Marmorsemmeln von Erwin Wurm viel Platz.

Dass Mario Mauroner bekennender Liebhaber von Bildhauerei ist, lässt sich im hauseigenen Skulpturengarten direkt am Ufer der Salzach (während der Festspiele samstags geöffnet) erleben. Seine Galerie MAM in der Residenz, die ihre aktuelle Schau dem Thema „Garden of Senses“ oder auch „Zaubergarten der Sinne und Lüste“ widmet, enthält zwar mit kleinen Gehirnen auf sommerlichem Kurs von Jan Fabre (45.500 Euro) auch Plastiken, sonst aber Malerei in großer Vielfalt. Wie nah Blühen und Gewalt beieinanderliegen können, symbolisieren Ken­dell Geers „Fleurs du Mal“ von 2020: Seinen großformatigen Blumenbildern in prächtigen Farben prägte der Südafrikaner nur aus nächster Nähe wahrnehmbare Abdrücke jenes messerscharfen Stacheldrahts auf, der in seiner Heimat schon seit der Apartheid für Ausgrenzung sorgt (je 39.500 Euro). (Bis zum 31. August).

Auf dem Weg nach Bayreuth, wo seine Mitarbeiter die „Walküre“-Aufführungen mit Schütt- und Tropfbildaktionen begleiten, machte Hermann Nitsch in der Galerie Frey Zwischenstopp zur Er­öffnung seiner Ausstellung mit rund zwanzig Werken, viele aus diesem Jahr. Mit eindrucksvoller Vitalität bearbeitete der 83 Jahre alte Künstler in dicker Farbe die bis zu drei Meter breiten Leinwände. Statt Blut, wie einst während seiner Orgien-Mysterien-Spiele, oder dem lange dominierenden Rot bevorzugt Nitsch heute Blau- und Rottöne, Gelb, Weiß und Grün (Gemälde auf Papier von 18.200, auf Leinwand von 35.000 Euro an). Frey tritt mit dieser Ausstellung in die Fußstapfen der im vorigen Jahr ge­storbenen Galeristin Heike Curtze, die Arbeiten von Nitsch und den anderen Wiener Aktionisten regelmäßig für ihre Salzburger Sommerfiliale aus Wien mitbrachte. (Bis zum 11. September).

Das junge Team, das seit einigen Mo­naten die Galerie Trapp leitet, lässt eine weitere österreichische Malerinstanz die Sommerwochen bestreiten: Hubert Schmalix arrangiert „Bäume, Steine, Was­ser“ zu menschenleeren, verträumten Ideallandschaften. Kräftige Konturlinien umreißen Bäume und Wasserfälle in Flächen von expressiver Farbigkeit, was an Glasfenster oder auch frühe Plakatkunst erinnert (Ölbilder von 16.000, Gouachen von 3000 Euro an). (Bis zum 28. August).

Dunkel ragen Zinnen und Türme vor dem schrillbunten Abendhimmel, den Berg zur Burg hinauf kurvt ein Weg aus Sternenstaub, wie hingewischt mit dem Zauberstab. Die Aufnahme sieht aus wie bei Walt Disney, Florian Maier-Aichen machte sie mit der Großbildkamera vor der Marksburg am Mittelrhein, um sie dann digital zu bearbeiten. Der gebürtige Stuttgarter verließ die deutschen Kunstakademien, um in Amerika eine Gegenposition zur Becher-Schule zu finden. Er studierte bei John Baldessari und Christopher Williams und schafft heute surreale Landschaften, die mit allen Mitteln der Fotokunst experimentieren. In der Galerie Nikolaus Ruzicska hängen Sonnenuntergänge, die der Künstler wie einst Gustave Le Gray aus zwei Negativen zusammenbaut und mittels Tricolortechniken in Regenbogenfarben gießt. Mit Langzeitbelichtungen erzielt er etwa die malerischen Unschärfen auf der An­sicht von Big Sur. Den Sternenweg zur Marksburg zauberte Maier-Aichen mit dem Airbrush Tool von Photoshop (Preise von 18.000 bis 53.500 Euro; Auflage 3). (Bis zum 28. August).

Dafür, dass die Klassische Moderne nicht zu kurz kommt, sorgt verlässlich die Galerie Salis am Mozartplatz: Werke von Raoul Dufy, Picasso, Kurt Schwitters oder Max Ernst mischt sie mit Zeitgenossen und Afrikana. Außerdem öffnet am heutigen Samstag die Messe „Art & An­tique“ mit ihrem breiten Angebot in der Residenz. (Bis zum 15. August).

Quelle: F.A.Z.
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