Marwan Rechmaoui in Beirut

Aber die Bäume riefen nach der Axt

Von Lena Bopp, Beirut
23.05.2021
, 13:09
Marwan Rechmaoui: „The COOP“, 2019, Beton und Metall, 560 mal 200 mal 120 Zentimeter.
Die Werke von Marwan Rechmaoui bergen die Bruchlinien seiner Heimatstadt in sich – so minimalistisch wie vielschichtig. Sie sind in der ersten Schau der Galerie Sfeier-Semler nach der Explosion in Beirut zu sehen.
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Marwan Rechmaoui findet den Stoff, aus dem seine Werke sind, stets in der Stadt: Beton, Zement, Draht, Holz und Keramik und immer wieder auch Aluminium und Metall, wovon in der Galerie Sfeir-Semler nach der Explosion im Hafen von Beirut im vergangenen August eine ganze Menge herumlag. Die Druckwelle hatte die Trennwände aus Gips in Stücke gerissen, deren Metallträger verbogen und die Aluminiumrahmen der zerborstenen Fenster hinweggefegt. Wie die halbe Stadt lag die Galerie in Trümmern. Und Marwan Rechmaoui fing an, das Chaos zu sondieren. Er sortierte die Metall- und Aluminiumteile nach ihrer Größe, stapelte die unrettbar verformten Stücke zu einem bald mannshohen Haufen und umkreiste das Material ein paar Monate lang.

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Danach – was für Rechmaoui, der oft jahrelang an seinen Werken arbeitet, bemerkenswert schnell ist – hatte er sich so an ihren Anblick gewöhnt, dass er die Aluminiumstreben schmutzig ließ, wie an dem Tag, an dem es geschah, sie aber in eine Ordnung brachte, die ihnen den Schrecken nimmt. Nun hängen sie in der ersten Schau, die Andrée Sfeir-Semler in ihrer Galerie nach der Explosion zeigt. Der Titel „But the trees kept voting for the axe“ ist eine schöne Metapher für den nicht zu leugnenden Umstand, dass zumindest einige der vielen Krisen, die der Libanon derzeit durchlebt, hausgemacht sind. Auch zur Explosion haben Korruption und Fahrlässigkeit einen guten Teil beigetragen. Die Aluminiumstreben, die nun eng nebeneinandergereiht wie stumpfe Fenster an der Wand hängen und sich als Mobiles im Wind drehen, erinnern an diese Katastrophe.

Klug arrangiert sind koffergroße, formgleiche Quader, die Rechmaoui mithilfe einer Maschine aus den völlig verbogenen Metallresten der Galerie zusammenpressen ließ. Wie Menschen auf der Flucht durchziehen sie den Raum, bewegen sich auf das Wandbild „Beirut by the Sea“ zu und setzen ihre Reise auf der anderen Seite der Wand unbeirrt fort. Ankommen und Aufbrechen, Immigration und Emigration – die Referenzen an die Gegenwart von Beirut, das dieser Tage so heftig gebeutelt wird, dass mehr Menschen denn je ihr Heil in der Fremde suchen, sind so vielfältig wie die an seine Geschichte, durch die sich Auswanderungs- und Einwanderungswellen gleichermaßen ziehen.

Selbst jetzt möchte man den Abgesang nicht anstimmen, denn auch wenn Armut und Hunger vieler Libanesen, die unter dem enormen Verfall der einheimischen Währung leiden, die Stadt in kurzer Zeit verändert haben, ist nicht gewiss, wie sich der Niedergang fortsetzen wird. Es stimmt, dass viele Künstler das Land zu verlassen suchen. Und Möglichkeiten finden sich. Gerade erst hat beispielsweise die französische Botschaft ein Programm mit Residenzen für hundert Künstler lanciert. Ob Beirut als kreatives, weil vergleichsweise freies Zentrum der Region so einfach zu ersetzen wäre, darf bezweifelt werden.

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Wieder aufgebaut

Andrée Sfeir-Semler, deren Galerie seit mehr als zehn Jahren die Messlatte für zeitgenössische, politische Kunst in der Stadt hoch hängt, hat ihre neben Hamburg bestehende Dependance jedenfalls wieder aufgebaut und nicht etwa nach Dubai verlegt, von dem in den vergangenen Wochen hier und da zu lesen war, es biete libanesischen Künstlern eine neue Heimat. „In Beirut gibt es Altes und Neues, Schiefes und Krummes, hier gibt es Sachen, an denen Sie sich von früh bis spät reiben können“, sagt sie. Marwan Rechmaoui winkt ebenfalls ab: „Man findet keine Herausforderung in Dubai. Wer Geld machen will, kann dorthin gehen. Aber wer Ideen haben möchte, nicht.“

Man kann sich Marwan Rechmaoui ohnehin nirgendwo anders als in Beirut vorstellen, denn um die Stadt, in der er 1964 geboren wurde, kreist seine Arbeit seit Jahrzehnten. Wie andere Künstler seiner Generation, wie Walid Raad, Akram Zaatari und Rabih Mroué, ist er stark von der Nachkriegszeit geprägt, vom Wiederaufbau in den neunziger Jahren, der in Beirut paradoxerweise mit der Zerstörung des alten Zentrums einherging, dessen alter Souk großflächig abgerissen und durch ein nobles, aber menschenleeres Shoppingviertel ersetzt wurde. Rechmaoui nähert sich der Stadt immer sehr konkret. Nicht nur in der Wahl seines Materials. Auch seine Arbeitsweise ist bodenständig in dem Sinn, dass er sämtliche Bezirke erlaufen, fotografiert und kartografiert hat, wobei er die vielen religiösen, sozialen und kulturellen Bruchlinien genauso zu fassen sucht wie die genealogischen, geographischen und historischen Schichten. Aus der daraus entstehenden Komplexität, und darin liegt seine Kunst, destilliert er Werke, die oft minimalistisch sind, aber jene gebrochene Vielschichtigkeit aufweisen, die Beirut ausmacht.

Besonders augenfällig ist das in seinen „Pillars“, die zuletzt in Amsterdam und Sharjah und nun zum ersten Mal in Beirut zu sehen sind. Ursprünglich wollte er nur eine Handvoll von ihnen anfertigen, mittlerweile sind es mehr als vierzig geworden. Die jeweils etwa zwei Meter hohen, eckigen Säulen aus Zement, in die Rechmaoui von Bast-Hockern über Fernsehgeräte bis zu Keramikkacheln allen möglichen Beifang eingearbeitet hat, während er hier und da Öffnungen und Blickachsen frei lässt, sind wie Häuser einer Stadt, deren Geschichten sie erzählen: von syrischen Bauarbeitern, die auf den Baustellen wohnen, auf denen sie arbeiten; von der Natur, die sich brachliegende Häuser zurückerobert; von offenen Treppenaufgängen, in denen sich sommers die Nachbarn treffen, weil der Wind so schön durch sie weht.

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Das Beiruter Publikum, dem diese Säulen gerade in ihrer Versehrtheit vertraut vorkommen dürften, wird noch weit mehr Zitate und Referenzen in ihnen entdecken: auch solche, die über die Stadt hinaus in eine Region weisen, deren Grundpfeiler in den vergangenen Jahren so heftig ins Wanken geraten sind. (Preise von 15.000 bis 300.000 Dollar. Bis zum August.)

Quelle: F.A.Z.
Magdalena Bopp Portraitaufnahme für das Blaue Buch / FAZ.Net
Lena Bopp
Redakteurin im Feuilleton.
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