Christie’s One

New York, grenzenlos

Von Anne Reimers, London
Aktualisiert am 07.07.2020
 - 10:16
Christie’s ersetzt die traditionellen Abendauktionen mit Impressionismus und Moderne und mit Nachkriegskunst und Zeitgenossen durch seine die Kontinente übergreifende Auktionsserie „One“.

Die großen internationalen Auktionsunternehmen Christie’s, Sotheby’s und Phillips entwickelten je individuelle Formate für die wegen Covid-19 von Mai auf den Sommer – und ins Internet – verlegte große New Yorker Auktionssaison. Eines haben alle die hochpreisigen Abendveranstaltungen jedoch gemeinsam: die meisten Lose kamen und kommen gar nicht in New York unter den Hammer. Bei Sotheby’s und Phillips stand der Auktionator in London vor der Kamera. Das neue Format von Christie’s, das am 10. Juli Premiere hat und in diesem Jahr beide New Yorker Abendauktionen ersetzt, heißt „One“.

Zwei Auktionatoren und Auktionatorinnen werden nacheinander und an verschiedenen internationalen Niederlassungen von Christie’s auf das Rostrum steigen; die Live-Übertragung wechselt von einer Auktion zur nächsten. Der Staffellauf beginnt mit zehn Losen, die in Hongkong aufgerufen werden (um 14 Uhr deutscher Zeit). Danach sind Paris mit sechzehn und London mit 21 Losen an der Reihe. Den Abschluss und Höhepunkt bildet die Veranstaltung in New York mit 35 Losen im Angebot.

Für die insgesamt 82 Lose – mit Moderne, Nachkriegskunst, Zeitgenossen und Design – erwartet Christie’s einen Umsatz von „mehr als 336 Millionen Dollar“. Für dreißig Lose ist der Verkauf durch im voraus vereinbarte Garantien bereits gesichert. Im vorigen Jahr spielte Christie’s in New York mit den traditionellen zwei Abendauktionen für 105 verkaufte Lose zusammengerechnet 938 Millionen Dollar ein.

Die jeweiligen Spitzenlose der vier Stationen von „One“ sind dem Geschmack des lokalen Publikums angepasst. Das teuerste Los in Hongkong ist ein zwei Meter hohes, abstraktes Gemälde des chinesisch-französischen Malers Zao Wou-Ki. Für „21.10.63“ aus dem Jahr 1963, das größte der roten Bilder in seiner begehrten „Hurricane“-Serie, werden „in the region of“ zehn Millionen Dollar erwartet. In Paris werden die teuersten Lose von Nicolas de Staël mit seiner sommerlichen „Plage à Agrigente“ und von Amedeo Modigliani mit seinem „Portrait de Maurice Drouard“ gestellt (obere Taxe je 5,5 Millionen Euro). An der Spitze der Londoner Sektion steht Magrittes surrealistisches Gemälde „L’Arc de Triomphe“ (6,5/9,5 Millionen Pfund), das mit Größenordnungen spielt: Ein kleiner Baum steht vor einem Hintergrund aus überdimensional großen grünen Blättern. In London kommt außerdem ein Bild aus der wichtigen „Trinker“-Serie von Georg Baselitz zum Aufruf: „Gebeugter Trinker“ (4,5/6,5 Millionen Pfund), in brennendem Orange, befand sich seit 1983 in derselben Sammlung und war zuletzt 1984 in der Kunsthalle Basel öffentlich zu sehen. Der Rekord für Baselitz liegt seit 2017 bei 9,1 Millionen Dollar.

New York fährt die schwersten Geschütze auf. Dort kommen von Picasso das 65 Zentimeter breite Gemälde „Les femmes d’Alger (version ,F‘)“ (um 25 Millionen Dollar) und die marktfrische Papierarbeit „Baigneuses, sirènes, femme nue et minotaure“ (6/9 Millionen Dollar) aus dem Jahr 1937 zum Aufruf. Roy Lichtensteins „Nude with Joyous Painting“ (um 30 Millionen Dollar) aus dem Jahr 1994 gehört neben Werken von Brice Marden, Ed Ruscha und Wayne Thiebaud zu den weiteren Zugpferden. Barnett Newmans blaue Abstraktion „Onement V“ (30/40 Millionen Dollar) wurde zuletzt 2012 bei Christie’s für 22,4 Millionen Dollar (mit Aufschlägen) vermittelt.

Ebenfalls am 10. Juli führt Christie’s im New Yorker Rockefeller Center auch seinen regulären Post-War and Contemporary Day Sale durch. Es werden 148 Lose im Gesamtwert von 27,4 Millionen Dollar angeboten, von denen acht mit oberen Taxen von mehr als einer Million Dollar versehen sind. Das Unternehmen gab außerdem in der vorigen Woche die Zusammenlegung der bisher separaten „Impressionist & Modern“- und „Post-War & Contemporary Art“-Departments in ein großes, globales „20th and 21st Centuries Team“ bekannt. Diese Veränderung gehe, so heißt es, mit Personalkürzungen einher: „Unsere Einkünfte sind in diesem Jahr nicht, was sie zuvor waren, und wir müssen uns anpassen“, erklärte Guillaume Cerutti, der CEO von Christie’s. Die Kombination mache auch deshalb Sinn, weil viele Kunden ohnehin die Kategorien übergreifend sammeln.

Quelle: F.A.Z.
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