FAZ plus ArtikelMarienthaler Psalter-Verkauf

Ein 800 Jahre altes Buch soll das Kloster vor dem Konkurs bewahren

Von Stefan Locke
24.05.2022
, 14:59
Bücherschätze: Eine Nonne des Klosters St. Marienthal im sächsischen Ostritz zeigt die Bibliothek.
Deutschlands ältestes Zisterzienserinnenkloster ist praktisch pleite. In höchster Not bieten die Nonnen nun wertvollste Bücher auf dem freien Markt an. Nicht nur Historiker sind entsetzt.
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Häufig schätzt man gewisse Dinge erst, wenn sie verloren zu gehen drohen, vorausgesetzt, man hat gewusst, dass es sie überhaupt gibt. Beim Marienthaler Psalter dürfte die Zahl der Kenner noch bis vor wenigen Tagen eher gering gewesen sein, doch jetzt ist das Werk drauf und dran, weltweit Bekanntheit zu er­langen. Denn das reich bebilderte Pracht­gebetbuch aus dem dreizehnten Jahrhundert ist das wertvollste Exemplar in der nicht minder prächtigen Bibliothek des barocken Klosters Sankt Marienthal, das südlich von Görlitz idyllisch in den Neiße-Auen liegt. Letzteres wiederum ist eine Ursache für die akute Aufregung, denn als das sonst dahinplätschernde Flüsschen vor einer Dekade massiv über die Ufer trat, wurde die Anlage schwer verwüstet. Der Schaden lag bei mehr als zwanzig Millionen Euro und war gerade erst behoben, als die Corona-Pandemie vor allem den regen Besucherbetrieb im Kloster lahmlegte.

Nun fehlen ihm Einnahmen, und zwar in einem Ausmaß, das existenzgefährdend sei, sagt die Äbtissin Elisabeth Vaterodt. Leider reichten Fördermittel, Spenden und eigene Anstrengung nicht mehr aus, um das Überleben dieses ältesten Frauenklosters der Zisterzienser in Deutschland dauerhaft zu sichern. In den Jahren zuvor habe man schon hektarweise Klosterwald verkauft und die Altersversorgung der Gemeinschaft aufgelöst. „Letztendlich blieb uns nichts anderes übrig, als über den Verkauf wertvoller Bücher aus dem Klosterbesitz nachzudenken.“ Der Vatikan und der Zisterzienserorden hätten „unter den üblichen Auflagen“ zugestimmt. Und so tauchte jüngst der Marienthaler Psalter bei der auf den Handel mit Handschriften und Miniaturen vom Mittelalter bis zur Renaissance spezialisierten Rare Books AG in der Schweiz auf, und zwar auf dem Titel des Katalogs für die Internationale Kunst- und Antiquitätenmesse TEFAF, die im Juni in Maastricht stattfinden wird.

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Stefan Locke
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