Österreichs Auktionsmarkt 2021

Aufstieg bei strahlendem Sonnenstein

Von Nicole Scheyerer, Wien
07.02.2022
, 12:00
Ein Rekordjahr meldet das Dorotheum, über ein Platz in den Top Ten freut man sich bei Ressler: Die Bilanz des Jahres 2021 in Österreich fällt höchst erfreulich aus.
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Seit zehn Jahren gibt das Wiener Doro­theum keine Umsatzzahlen mehr be­kannt. Als Privatunternehmen sei man dazu nicht verpflichtet, so die Begründung. Im Jahr 2012 freute sich das Unternehmen noch mit publizierten 152 Millionen Euro über das höchste Ergebnis seit seinem Bestehen. Eine Dekade später war es nun wieder so weit: „Rekordjahr!“ vermeldete das Auk­­tionshaus im Dezember, schwieg sich aber über die konkrete Summe aus. Mit dem Umsatzhoch liegt das Doro­theum im Trend. Wie die Konkurrenz in London und New York reüssierte auch das Wiener Traditionshaus durch den Booster Digitalisierung, der neue Kundenkreise erschloss.

Die Kärntner Malerin Maria Lassnig (1919 – 2014) musste bis ins hohe Alter auf ihren internationalen Durchbruch warten. Erst zu ihrem achtzigsten Ge­burtstag würdigten Museumsretrospektiven die Künstlerin. Die Marktpreise zogen danach langsam an, nicht zuletzt durch die Vertretung von Hauser & Wirth. Nun führt Lassnig erstmals die österreichischen Toplots an: Im Juni versteigerte das Dorotheum ihr Großformat „Wilde Tiere sind gefährdet“ um 1,15 Millionen Euro. Das 1980 entstandene Gemälde verdoppelte damit fast seine untere Taxe von 600.000 Euro. Ei­ne ebenso verdiente wie überraschende Bestmarke; 1999 kostete das Bild im Kinsky noch schlappe 124.000 Euro.

Das mittelalterliche Motiv des Totentanzes hat derzeit Konjunktur, sowohl im Theater als auch in der Kunst. Bereits in der Zwischenkriegszeit beschäftigte sich Albin Egger-Lienz mit dem morbiden Reigen. Der Osttiroler Maler machte eine Kriegsallegorie daraus und schuf etliche Versionen, darunter 1916 einen „Totentanz“ in blassen Kaseinfarben. Das an ein Fresko gemahnendes Gemälde erzielte im Dorotheum 840.000 Euro, ein Künstlerrekord, der Platz zwei der Bestenliste belegt.

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Die Sparte Moderne performte im Do­rotheum im vergangenen Jahr so sehr wie noch nie. An diesem Erfolg war auch der Kontrast von strahlendem Schneeweiß vor blauem Hintergrund beteiligt. Auf die Nachfrage nach Alfons Waldes Alpenbilder war 2021 abermals Verlass. Der Kitzbühler reklamiert drei Plätze im Ranking der höchsten Zuschläge. Im Dorotheum fand Waldes „Aufstieg der Schifahrer“ von 1927 viel Anklang, was aufgrund der grafischen Qualität des Bildes wenig verwundert. Die 41 mal 66 Zentimeter große Darstellung von Skitourengängern sauste dank Bietergefecht auf 800.000 Euro; die Erwartungen waren lediglich bei 320.000 bis 500.000 Euro gelegen. Winterliche Pracht breitet auch Waldes Panorama „Wilder Kaiser mit Bauernhof“ aus, das im Dorotheum auf gute 630.000 Euro kam. Das Kinsky konnte ein Gemälde hochpreisig absetzen, das nicht mit Sonnenschein lockt. Waldes marktfrisches Bild „Kirchenstiege“ entstand um 1922 in gedeckten Temperafarben. Nichtsdestotrotz hoben es die Bieter auf stolze 490.000 Euro.

Erstmals eroberten vergangenes Jahr auch die Ressler-Kunstauktionen einen Platz in den Top Ten. Das Unternehmen ist seit 2015 auf zeitgenössische Kunst aus Österreich im mittleren und unteren Preissegment spezialisiert. Im Mai konnte der ehemalige Kinsky-Auktionator Otto Hans Ressler einen Künstlerrekord für Günter Brus erzielen. Bei seiner 17. Kunstauktion erntete eine gestische Abstraktion von 1961 – aus der Phase vor dem Wiener Aktionismus – große Nachfrage. Der Hammer fiel erst bei 750.000 Euro, dem Zehnfachen des Rufpreises. Dieser frühe Brus stammte ­ – ebenso wie das Lassnig-Spitzenlos und der Totentanz von Egger-Lienz ­ – aus der Privatstiftung des 2013 verstorbenen Sammlers Helmut M. Zoidl. Dessen 400 Werke starke Kollektion wird seit 2020 peu à peu veräußert.

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Die Knüller fehlten bei den Altmeistern

Für Georges Mathieu, ein Wegbereiter der Wiener Aktionisten, erreichte das Dorotheum ein hohes Ergebnis. Der Franzose trat 1959 in einem Theater der österreichischen Hauptstadt auf und beeindruckte dort mit Action Painting. Seiner energetisch-lyrischen Abstraktion blieb der Künstler zeitlebens treu, so auch in dem 130 mal 250 Zentimeter großen Querformat „Le temps a laissé son manteau“ von 1987. Das Werk, das von einem mittelalterlichen Gedicht ins­piriert wurde, konnte seine obere Ta­xe mit einem Zuschlag bei 720 000 Euro mehr als verdoppeln.

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Platz sieben der Toplots nimmt der Künstler Boris Dmitrievich Grigoriev ein. Sein hochformatives Ölbild „Russisches Kabarett“ von 1916 führt in die Halbwelt der Zwischenkriegszeit. Das Gemälde ent­stand für ein Lokal im damals Petrograd genannten St. Petersburg. Zwei leicht bekleidete Damen, in dünnschichtigen Farbaufträgen gemalt, spiegeln die Atmosphäre der Nachtclubs wider. Das kyrillisch signierte Bild spielte im Dorotheum 600.000 Euro ein und verdoppelte so seine Obertaxe.

Die alten Meister rangieren dieses Mal im unteren Listenbereich. Das Kinsky konnte mit einem Flügelaltar aus Thüringen aufwarten. Datiert auf 1479, entstand das dreiteilige Werk für die Dorfkirche Schwarza bei Blankenhain im Weimarer Land. Der Altar soll laut Experten das äl­teste noch erhaltene Werk der Saalfelder Schnitzwerkstatt sein. Ende des 19. Jahrhunderts besaß der Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt das gotische Sakralwerk; er wurde in den holländischen Kunsthandel verkauft und gelangte Anfang der Sech­zigerjahre des 20. Jahrhunderts in die Sammlung des Wiener Kunsthändlers Wolfgang Hofstätter. Die Stadt Erfurt hätte das mit Limit 250.000 Euro ausgerufene Los gern ersteigert, konnte aber mit dem Meistbot von 500.000 Euro nicht mithalten. Der erfolgreiche Bieter blieb anonym.

Dem Dorotheum fehlten in seiner Er­folgssparte Altmeister 2021 die Knüller. Den letzten Rang der Top Ten nimmt um 430.000 Euro eine „Heilige Familie mit heiliger Anna, Johannesknaben und Taube“ von Rubens und Werkstatt ein. Zwar nicht ins Ranking, aber doch in Re­kordhöhen schaffte es Giovanni Guerrieris Öblbild „Lot und seine Töchter“ um 380.000 Euro. In der Sparte 19. Jahrhundert wurde für den Maler Luigi Querena mit seiner Vedute „Der gesegnete Doge Francesco Morosini ver­­lässt im Jahr 1693 Venedig, um auf der Peloponnes gegen die Türken zu kämpfen“ die neue Bestmarke von 420.000 Euro gesetzt.

Quelle: F.A.Z
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