Pariser Galerien-Boom

In dieses Viertel zieht die Kunst

Von Bettina Wohlfarth, Paris
18.09.2022
, 15:38
Bei Mariane Ibrahim: Jerrell Gibbs Nous, „Picnicked At The Square du Temple-Elie-Weisel“, 2022, Öl und Pastell auf Leinwand
Das Pariser Quartier Matignon entwickelt sich zum Hotspot internationaler Galerien. Immer mehr Häuser öffnen hier Dependancen und wetteifern mit ihrem Angebot. Ein Rundgang durch aktuelle Ausstellungen.
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Goldenes Dreieck, „triangle d’or“, wird in Paris neuerdings das Viertel um die Avenue Matignon genannt, die sich vom Rond-Point des Champs-Élysées bis zur Rue de Penthièvre zieht. Noch vor wenigen Jahren hatte das Quartier trotz nobler Gebäude und großer Auktionshäuser wie Artcurial, Christie’s oder Sotheby’s eher den Ruf ökonomischer Pragmatik: Man assoziierte es mit neureichen Touristen und Sicherheitsabsperrungen wegen der Nähe zum Elysée-Palast. Galerien von Niveau ließen sich an zwei Händen abzählen. Das hat sich gründlich ge­ändert.

Innerhalb von nur zwei Jahren sind die Avenue Matignon und ihre Umgebung zum Hotspot der zeitgenössischen Kunst­szene geworden. Kamel Mennour, Emmanuel Perrotin, Nathalie Obadia und Almine Rech öffneten hier einen zusätzlichen Showroom zu ihren Pariser Galerien in Saint-Germain oder im Ma­rais. Auch große internationale Händler wie White Cube und Skarstedt haben sich im Matignonviertel angesiedelt. Seit dem Brexit steigt Paris zur europäischen Kunstmetropole auf, in der die Galerien vertreten sein möchten. Die Nähe zu den Palace-Hotels um die Champs-Élysées und der im Vergleich zum Marais flüs­sigere Autoverkehr sind Pluspunkte. Auch das nahe gelegene Grand-Palais, das 2024 restauriert wiedereröffnet und den neuen Ableger der Art Basel beherbergen wird, erhöht die Attraktivität. Auch dass wegweisende Galeristinnen der jüngeren Generation wie Cécile Fakhoury und Mariane Ibrahim, die beide aus Afrika stammende Künstler vertreten, für ihre Niederlassungen in der französischen Hauptstadt nicht etwa das Marais, sondern die Avenue Matignon wählten, ist Zeichen einer neuen Dy­namik.

Bei Cécile Fakhoury: Dalila Dalléas Bouzar, „Femmes d’Alger d’après Delacroix“, 2022, Öl auf Leinwand
Bei Cécile Fakhoury: Dalila Dalléas Bouzar, „Femmes d’Alger d’après Delacroix“, 2022, Öl auf Leinwand Bild: Courtesy Galerie Cecile Fakhoury / Grégory Copitet

Als erste internationale Großgalerie hatte sich Larry Gagosian schon 2009 für das Viertel entschieden. Gagosian zeigt zuweilen hochkarätige historische Ausstellungen, derzeit mit frühen Werken von Christo (bis zum 8. Oktober). Die Schau wurde in Zusammenarbeit mit dem Estate des Künstlers zusammen­gestellt und zeigt eine Auswahl von Ar­beiten, die zwischen 1958 und 1963 entstanden, als Christo in Paris lebte. Darunter sind eine Serie reliefartiger „Krater“-Bilder, eine Reihe verschnürter „Paketen“ und verpackte Objekte wie Dosen, Stühle und Tische. Eine Instal­lation mit Ölfässern erinnert an den „Ei­sernen Vorhang“, den Christo 1962 in der Rue Visconti mit solchen Fässern wie eine Barrikade errichtete – aus Protest gegen den Mauerbau in Berlin, war er doch selbst aus dem kommunistischen Bulgarien geflohen

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Die namhafte französische Galerie Lelong hat seit ihrer Gründung einen Sitz in der Rue de Téhéran. Vor einigen Jahren vergrößerte sie sich durch einen weiteren Raum an der Avenue Matignon. Dort lässt sich bis zum 22. Oktober der in Eritrea geborene amerikanische Maler Ficre Ghebreyesus entdecken, der mit großformatigen Gemälden in der Hauptaus­stellung der Biennale in Venedig vertreten ist. Ghebreyesus floh als Teenager aus seiner Heimat und konnte in Amerika Fuß fassen, wo er ein Restaurant gründete, Kunst studierte und in seiner freien Zeit malte. Seine sensiblen Gemälde schillern in leuchtenden Farben zwischen Abstraktion und einer Figuration, die wie Erinnerungsbilder Eindrücke aus der früheren Heimat verarbeitet. 2012 starb Ghebreyesus mit nur fünfzig Jahren; sein Werk wurde erst nach seinem Tod allmählich ausgestellt (zwischen 8000 und 62.000 Euro für kleine und mittlere Formate).

Bei Lelong: Ficre Ghebreysus, „Ohne Titel“, um 2011, Acryl auf Leinwand, 51 mal 61 Zentimeter
Bei Lelong: Ficre Ghebreysus, „Ohne Titel“, um 2011, Acryl auf Leinwand, 51 mal 61 Zentimeter Bild: © The Estate of Ficre Ghebreysus, Courtesy Galerie Lelong & Co.

Die alteingesessene italienische Galerie Tornabouoni konnte nach langwierigen Renovierungsar­beiten wieder an der Avenue Matignon eröffnen. Bis zum 30. September stellt sie Arbeiten des Bildhauers Mario Ceroli vor, der von Mitte der Sechzigerjahre, durch die Arte Povera beeinflusst, vornehmlich mit roh belassenen Holzplanken arbeitete. Diese assem­blierte er zu abstrakten Reliefskulpturen, zu Silhouetten oder großen, nur schwarz und weiß bemalten Fresko-Skulpturen. Inspiriert sind sie durch sein Studium der italienischen Renaissance und der griechisch-römischen Antike (zwischen 35.000 und 185.000 Euro).

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Die Galerie Obadia zeigt bis zum 29. Oktober Werke des französischen Künstlers Benoît Maire. „EITHER-OR, die römische Zeit“ heißt die Schau mit Gemälden in einem ungewöhnlichen Rundbogenformat, die im vergangenen Jahr während eines Aufenthalts des Künstlers in der Villa Medici entstanden. Benoît Maire hat neben der künstlerischen Ausbildung ein Studium der Philosophie absolviert. Vielleicht er­klärt das die Mischung aus intellektueller, architektonischer Konstruiertheit seiner abstrakten Malerei und der poe­tischen Flucht in die Farbe und kleine figurative Details – schwebende Wolken, ein trabendes Pferd, eine segnende Hand –, die wie Zitate oder mnemotechnische Elemente den Betrachter in den Bildraum ziehen (zwischen 18.000 und 50.000 Euro).

In der Galerie Nathalie Obadia: Benoît Maire, „Painting of Clouds“, 2022, Öl und Sprühfarbe auf Leinwand, 248,5 mal 276,5 mal 4 Zentimeter
In der Galerie Nathalie Obadia: Benoît Maire, „Painting of Clouds“, 2022, Öl und Sprühfarbe auf Leinwand, 248,5 mal 276,5 mal 4 Zentimeter Bild: Bertrand Huet/Tutti image

Cécile Fakhoury gründete ihre Galerie in Abidjan und eröffnete einen weiteren Raum in Dakar. In Paris sind noch bis zum 8. Oktober die jüngsten Arbeiten von Dalila Dalléas Bouzar zu sehen. Die algerisch-französische Künstlerin setzt sich in ihren Gemälden und Tapisserien mit dem weiblichen Körper und seiner patriarchalischen Besetzung auseinander. Die in der Karakou-Technik mit Goldfäden und bunten Garnen bestickten Tapisserien wirken mit ihrer lustvoll märchenhaften Symbolik wie ein Be­freiungsakt von der Tradition bestickter Hochzeitskleidung (30.000 bis 44.000 Euro). Auf zwei großen Leinwänden gibt Dalila Dalléas Bouzar ihre eigene Interpretation der berühmten „Frauen von Al­gier“ von Eugène Delacroix, vertauscht Rollen und lässt Körper auf eine andere Weise sprechen (je 44.000 Euro).

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Mariane Ibrahim mit Hauptsitz in Chicago stellt zum ersten Mal in Europa eine Serie von Gemälden des jungen amerikanischen Malers Jerrell Gibbs vor. „Entre nous“ – gemeint ist: wir Schwarzen unter uns – zeigt in einem an den Impressionismus erinnernden Malgestus Szenen, die wie Schnappschüsse wirken: Ein Garten, in dem Leute auf der Wiese liegen und dösen, ein Paar an einem Restauranttisch, ein Mädchen, das Tee einschenkt. Die Preisspanne liegt zwischen 9000 und 72.000 Euro.

Der Zug der Neuankömmlinge in Pa­ris bricht nicht ab. Zur ersten Ausgabe der Paris+ by Art Basel eröffnet Esther Schipper Mitte Oktober eine Dependance an der Place Vendôme. Im Frühjahr 2023 inauguriert Hauser & Wirth einen knappen Kilometer vom Matignonviertel entfernt eine weitläufige Galerie in der Rue François-Ier.

Quelle: F.A.Z.
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