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Galerie Bernheim-Jeune

Hier trafen sich die Amateure und Akteure der Kunstwelt

Von Peter Kropmanns
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Im Jahr 1982 waren viele für die Avantgarde des frühen 20.Jahrhunderts wichtigen Pariser Kunsthandlungen längst Geschichte, als Michel Dauberville und sein Cousin Guy-Patrice Dauberville daran gingen, Verantwortung zu übernehmen und das Erbe ihrer Vorfahren unverdrossen fortzuführen. Wenn sie dann in dem großen Oberlichtsaal Besucher empfingen und in ihre Büros geleiteten, taten sie dies mit Zuvorkommenheit, aber auch mit Grandseigneurtum, das aus der Familiengeschichte erwachsen war. Besonders ihre Großväter Josse und Gaston Bernheim-Jeune hatten Kunsthistorie geschrieben, zusammen mit ihrem langjährigen künstlerischen Leiter Félix Fénéon, der sich als Kunstkritiker und insbesondere Anwalt des Neo-Impressionismus hervortat.

Das Trio – Zeitgenossen von Paul Durand-Ruel, Ambroise Vollard, Berthe Weill oder Daniel-Henry Kahnweiler – interessierte sich vor allem für Impressionismus, Nachimpressionismus und die Kunst der Nabis. Lange Zeit standen Monet, Renoir oder Cross und ihre Kreise im Mittelpunkt des Interesses; 1912 stellten die drei jedoch auch italienischen Futurismus aus und sorgten so für ein kleines Erdbeben der Pariser Szene. Einen der Wirkung dieser Schau vergleichbaren Coup landete die Galerie, als sie 1929 die konsequent progressive Sammlung von Paul Guillaume zeigte, ohne ihren eigenen Künstlern und Kunden untreu zu werden. Im Laufe der Jahrzehnte kamen mehrere Künstler unter Vertrag: Intensive und lange Geschäftsbeziehungen bestanden mit Raoul Dufy, Henri Matisse, Paul Signac, Maurice Vlaminck und Kees Van Dongen – vor allem aber zu Pierre Bonnard, der von 1904 bis 1940 zum „Stall“ gehörte, wo auch sein Catalogue raisonné verfasst wurde.

Galerie Bernheim-Jeune & Cie schließt ihre Pforten für immer

Jetzt hat die Galerie Bernheim-Jeune & Cie an ihrer letzten Adresse, einem Haus an der Ecke Avenue Matignon und Rue du Faubourg Saint-Honoré, ihre Pforten für immer geschlossen. Michel Dauberville starb 2012 mit 79 Jahren; sein wesentlich jüngerer Cousin Guy-Patrice, Jahrgang 1949, hat sich unlängst entschlossen, die Räume aufzugeben, um am Boulevard Haussmann als Experte für Bonnard und Renoir tätig zu bleiben.

Seine Blütezeit hatte das Kunsthaus vor dem Ersten Weltkrieg. Damals waren die Räume am Boulevard de la Madeleine Ecke Rue Richepanse (heute Rue du Chevalier-de-Saint-Georges), jedem Kunstsammler in Budapest, London oder New York vertraut. Nach Deutschland bestanden Kontakte zu Sammlern wie Bernhard Koehler in Berlin, Herbert Esche in Chemnitz, Karl E.Osthaus in Hagen oder Gottlieb F.Reber in Barmen, die von Bernheim-Jeune Auswahlsendungen mit Werken von Cézanne oder Matisse erbaten und auch zahlreiche Bilder erwarben. Regelmäßige Zusammenarbeit gab es zudem mit dem Kunsthandel; so bezog Paul Cassirer in Berlin Nachschub häufig auch von Bernheim-Jeune: 1907 holte Cassirer eine von Bernheim-Jeune zusammengestellte erste Ausstellung mit Aquarellen Cézannes nach Berlin, daneben zeigte er erstmals ein nennenswertes Ensemble von Matisse, das ebenfalls von Bernheim-Jeune kam.

Im Jahr 1912 zeigten Bernheim-Jeune – ein Privileg – Franz Marc und August Macke ihre Privatsammlung; bereits 1906 besuchten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky die Kunsthandlung, und 1907 hatte sich Rainer Maria Rilke dort die erwähnte Cézanne-Aquarelle-Ausstellung angesehen. Später im selben Jahr schrieb Max Pechstein aus Paris an einen Malerfreund: „Desweiteren habe ich jetzt einige Antiquar’s gefunden, welche Sachen von Gauguin, Cézanne und den anderen mir lieben Künstlern haben. So ist hier ein Kunstsalon Bernheim-Jeune, welcher gegenwärtig eine Ausstellung von Arbeiten Sisley’s hat, welche mich sehr interessierten. Vom 6.Januar an ist hier derselbe Salon mit Arbeiten Van Gogh’s gefüllt und ich bin sehr begierig, was meine Augen für einen Genuß bekommen werden.“ Pechstein wurde wohl nicht enttäuscht, konnte er doch im Januar 1908 bei Bernheim-Jeune nicht weniger als hundert Gemälde betrachten. Er hätte Harry Graf Kessler in die Arme laufen können, der das Kunsthaus seit 1903 häufig aufsuchte, sich jetzt aber gezielt für Van Gogh interessierte. Nicht alle waren so kosmopolitisch offen und neugierig wie Kessler, doch Liebhaber und Akteure der Zeit kamen an Bernheim-Jeune& Cie nicht vorbei.

Die Firma ging auf den aus dem Elsass stammenden Joseph Bernheim (1799 bis 1859) und seinen Sohn Alexandre Bernheim (1839 bis 1915) zurück, die in Besançon beheimatet waren. Während Joseph vom Handel mit Künstlerbedarf lebte, soll Alexandre von Gustave Courbet, der ebenfalls aus der Region Franche-Comté stammte, dazu ermutigt worden sein, Kunsthändler zu werden. Das Haupthaus seiner in Paris eröffneten, seit den sechziger Jahren des 19.Jahrhunderts bestehenden Galerie befand sich in der Rue Laffitte, gleichsam am Puls des damaligen Galerienviertels zwischen den Grands Boulevards und der Kirche Notre-Dame-de-Lorette. Die Bezeichnung Bernheim jeune, dann Bernheim-Jeune – möglicherweise gewählt, um sich von gleichnamiger Konkurrenz abzuheben – geht wohl dann auf die siebziger Jahre zurück: Alexandres Söhne Joseph Bernheim-Jeune (1870 bis 1941), genannte Josse, und Gaston Bernheim-Jeune (1870 bis 1953) betrieben von etwa 1898 an eine Dependance. Im Jahr 1901 stellten sie die weltweit erste große Van-Gogh-Ausstellung auf die Beine.; 1904 besuchten sie Cézanne in Aix-en-Provence und fotografierten ihn am Chemin des Lauves im lebhaften Gespräch. Im Jahr 1925 erfolgte dann der letzte Umzug in die Rue du Faubourg Saint-Honoré.

Zur Eröffnung dort hatte der französische Staatspräsident Gaston Domergue gesprochen. Diese hohe Ehre seitens der Republik nutzte jedoch 1940 nichts: Mit der Besatzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten gingen die Lichter aus. Die jüdischen Wurzeln eines Teils der Familie, die sich den Decknamen Dauberville zulegte, waren Vorwand für die Plünderung der Galeriebestände und eines Teils der Privatsammlung. Ein Sohn von Gaston Bernheim-Jeune wurde nach Auschwitz deportiert, von wo er nicht zurückkam. Auf diese Zeit gingen Restitutionsforderungen zurück, die sich bis in die jüngere Vergangenheit hinzogen. Die nach der Befreiung von NS- und Vichy-Terror noch im Jahr 1945 von Josses Söhnen Jean Dauberville (1903 bis 1986) und Henry Dauberville (1907 bis 1988) wiedereröffnete Kunsthandlung wurde schließlich, wie eingangs erwähnt, von Michel und Guy-Patrice Dauberville noch mehrere Jahrzehnte lang weitergeführt.

Was wird von Bernheim-Jeune bleiben? Zunächst einmal jene Werkverzeichnisse und anderen Publikationen wie Ausstellungskataloge und Monographien. Zu ihnen gehört auch die Zeitschrift „Le Bulletin de la vie artistique“, die von 1919 bis 1926 halbmonatlich wertvolle Informationen zum Kunstleben lieferte, Neuigkeiten, Umfragen und Reportagen. Dazu kommen die Porträts von Mitgliedern der Familie, gemalt von Renoir, Vallotton, Carrière, Vuillard und Bonnard; mittlerweile gehören sie oft Museen. So bleibt die Frage, was mit dem Firmenarchiv geschieht. Es ist zu hoffen, dass Guy-Patrice Dauberville und seine 1983 geborene Tochter Floriane Dauberville, die ihm in den letzten Jahren zur Seite stand, die Unterlagen eines Tages geschlossen abgeben können, damit sie der Forschung zur Verfügung steht.

Quelle: F.A.Z.
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