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Pariser Messen

Diese Nähe zur Hand des Künstlers

Von Bettina Wohlfarth, Paris
 - 10:00

Es ist erstaunlich, wie sehr in Paris schon seit Wochen die Vorfreude auf den Salon du Dessin in Gesprächen anklingt. Seit eine kleine Gruppe Pariser Händler vor 27 Jahren die erste Messe für Zeichnungen ins Leben rief, haben Werke auf Papier immer mehr Beachtung erlangt und werden von einem wachsenden Sammlerpublikum gesucht. Mit der Aufmerksamkeit sind auch die Preise gestiegen, und zu den erlesenen Altmeisterzeichnungen haben sich am gewohnten Ausstellungsort, dem Palais Brongniart, längst exquisite Blätter des 20.Jahrhunderts gesellt. Dass der Salon du Dessin in all den Jahren manches Sammlerauge geschult hat, kommt auch Drawing Now zugute, der jungen, nun zum zwölften Mal im Carreau du Temple stattfindenden Messe für zeitgenössische Werke auf Papier.

Im Palais Brongniart wird nur 39 Galerien Platz gewährt. Diesmal sind fünf Händler zum ersten Mal dabei und schaffen den nichtfranzösischen Galerien ein Übergewicht. Neu sind Lowell Libson& Jonny Yarker aus London mit britischen Künstlern des 17. bis 19.Jahrhunderts: Eines der reizvollsten Blätter am Stand ist eine kleine, braun lavierte Zeichnung, die eine Flusslandschaft mit hohen Bäumen und Wiesen zeigt. Mit ihrer impressionistischen Pinselführung wirkt sie unbedingt modern und stammt doch aus einem Skizzenbuch von 1824. Kein anderer als William Turner kam zu jener Zeit auf die Idee, mit einer so freien Hand die Atmosphäre einer Landschaft einzufangen (200 000 Euro). Bei Maurizo Nobile aus Rom ist es unmöglich, vier großformatige männliche Aktstudien des Klassizisten Laurent Pécheux zu übersehen, die in vorbildlicher Akademie-Manier und der Technik der trois crayons, also in schwarzer, roter und weißer Kreide, gezeichnet sind. Pécheux ist schon als junger Maler nach Italien gezogen, die vier römischen Aktzeichnungen sollen weiterhin (für 60 000 Euro) zusammenbleiben.

Die Provenienz bestimmt den Preis

Die Provenienz ist eine Schlüsselfrage gerade bei nichtsignierten Altmeisterzeichnungen. Eine faszinierende Rötelstudie des Kopfs von Johannes dem Täufer wurde bei der Pariser Galerie Louis de Bayser schon in der ersten Stunde in eine amerikanische Privatsammlung vermittelt (für „mehrere hunderttausend Euro“). Ein früher Besitzer hatte fälschlich den Namen Leonardo da Vinci daruntergesetzt, dann wurde sie als Entwurf seines Schülers Cesare da Sesto zu dessen Gemälde „Salomé“ identifiziert. Bei Didier Aaron lässt sich eine anmutige, durchaus schalkhafte Zeichnung in Tinte und Gouache auf blaugrauem Papier von Jean-Baptiste Greuze auftun: „Amor diktiert einem jungen Mädchen einen Brief“ war schon vom Künstler als zu verkaufende Zeichnung gedacht und hat eine lückenlose Provenienz (80 000 Euro).

In diesem Jahr ist der Salon du Dessin gerade im Bereich der alten Zeichnung in seiner Mischung aus Spitzenwerken und Entdeckungen ein Grand Cru. LeClaire aus Hamburg hat – neben dem äußerst seltenen Blatt mit einer Baumgruppe des Dänen Vilhelm Hammershøi (125 000 Euro) – einige Zeichnungen von Johann Elias Ridinger mitgebracht (von 12 000 bis 15 000 Euro). Der schwäbische Maler und Kupferstecher des 18. Jahrhunderts interessierte sich insbesondere für Tierdarstellungen. Bei Jean-Luc Baroni aus London hängt ein in jeder Hinsicht perfektes Blatt: Canalettos „Krönung des Dogen auf der Scala dei Giganti“ wurde im vorigen Jahr von Baroni selbst für drei Millionen Euro (inklusive Aufgeld) bei Sotheby’s in London ersteigert. Jetzt soll es um die 3,9 Millionen Euro kosten.

Auch die Moderne ist hochkarätig vertreten. Sogar von Claude Monet, der so selten zeichnete, gibt es bei Hélène Bailly, Paris, eine kleine Hafen-Stimmung in Tusche (260 000 Euro). Erstmalig dabei ist die New Yorker Galerie Rosenberg. Sie wird von der Enkelin des Pariser Kunsthändlers Paul Rosenberg geleitet, der mit seiner Familie vor den deutschen Besatzern nach Amerika flüchten musste. Ein kubistisches Stillleben von Henri Hayden (65 000 Euro) stand früher schon einmal in der Pariser Galerie von Pauls Bruder Léonce zum Verkauf. Ein fröhlicher, roter und gelber Alexander Calder (150 000 Euro) hängt bei Brame & Lorenceau aus Paris, einer der Gründergalerien der Messe. Grässle-Härb, München, bringt eine der schönsten Entdeckungen mit: August Mackes heitere Szene mit Tänzerinnen und einem Flötenspieler in zarten Pastelltönen wurde vom Orientalismus des beginnenden 20. Jahrhunderts inspiriert. Das Blatt in Ölfarbe war ein Jahrhundert lang in Mackes Familie verblieben und kostet nun 820 000 Euro.

Bei Zeichnungen, ob Vorstudien oder eigenständige Werke, hat der Betrachter das bestrickende Gefühl der Nähe zur Hand des Künstlers. Bei „Drawing Now“, mit konstant 72 Galerien, arbeiten viele Künstler eigens in Vorbereitung auf die Messe und sind am Stand anzutreffen. Carine Tissot und Christine Phal, die Gründerinnen der Messe, legen Wert auf Entdeckungen, ohne die Kontinuität oder den Bezug zur jüngeren Kunstgeschichte zu vernachlässigen. Dieses Prinzip des ergänzenden Nebeneinanders durch verschiedene Sektoren – Focus, Masterpiece, Insight oder Process – hat sich eingespielt und funktioniert. Die Mischung aus etablierten, schon im Markt verankerten und jungen Künstlern ist gelungen.

Spannende Mischung aus Etablierten und Newcomern

So zeigt die internationale Galerie Karsten Greve, die diesmal nicht am Salon du Dessin teilnimmt, Zeichnungen des Bildhauers Jean-Michel Othoniel neben den Spurensicherungen mit winzigsten Buntstiftstrichen auf leicht geknickten Metallplatten des jungen venezolanischen Künstlers Raúl Illarramendi (je 12 000 Euro). Die französische Künstlerin Eva Jospin war schon 2017 bei der Pariser Galerie Suzanne Tarasiève zu sehen. Für die aktuelle Drawing Now hat sie in Anspielung auf den Symbolismus das Motiv der exotischen Grotte und ihrer Flora in feinste Tuschezeichnungen umgesetzt (5500 bis 28 000 Euro). Bei Maria Lund, Paris, lassen sich die neuesten Arbeiten des dänischen Malers, Bildhauers und Videokünstlers Peter Martensen entdecken: Seine schwarzweißen Zeichnungen mit Kohle oder Aquarell führen in eine beunruhigende Welt mit Figuren in weißen Kitteln – er tauft sie „Experten“ –, die geschäftig das Absurde zu verwalten scheinen (1500 bis 10 000 Euro).

Es ist interessant zu vergleichen, wie zwei Künstlerinnen alte Landkarten auf ganz unterschiedliche Weise bearbeiten. Sophie Bouvier Ausländer, bei Patrick Heide aus London, beschichtet sichtlich gebrauchte Landkarten mit Wachsstift und lässt dann durch eingeritzte Linien und Kratzungen neue, eigene Gemarkungen entstehen (1950 bis 7800 Euro). Cathryn Boch von der Galerie Papillon in Paris vernäht und verklebt topographische Karten und Fotos auf mysteriöse Weise. Bei ihr wird Fläche zur Skulptur, aber auch sie hat im Bearbeitungsprozess ein neues künstlerisches Territorium erschaffen (5000/ 8500 Euro).

Salon du Dessin, im Palais Brongniart; bis zum 26. März. Geöffnet von 12 bis 20 Uhr, Eintritt mit Katalog 15 Euro.

Drawing Now, im Carreau du Temple; bis zum 25. März. Geöffnet von 11 bis 20 Uhr, am Sonntag bis 19 Uhr. Eintritt 16 Euro, mit Katalog 22 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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