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Porträt vom Alma Mahler

Schenken Sie mir mein Bild zurück

Von Rainer Stamm
 - 16:06

Der Kunsthandel kann ein Lied davon singen: debt, death, divorce – Schulden, Tod, Scheidung haben so manches Kunstwerk wieder in Bewegung gebracht, das vermeintlich einen dauerhaften Platz gefunden hatte. So erging es auch dem Porträt, das Oskar Kokoschka im Jahr 1912 von seiner großen Liebe Alma Mahler fertigte. Der Wiener Künstler hatte die Witwe des 1911 gestorbenen Komponisten Gustav Mahler Mitte April 1912 kennengelernt, sich sogleich in sie verliebt und ihr noch im selben Monat einen Heiratsantrag gemacht. Für das erste Porträtgemälde seiner Geliebten ließ er Alma Mahler als Mona Lisa posieren. „Eine ungeheuere Behutsamkeit und Zärtlichkeit allen Dingen gegenüber ist in ihm. Als ob er der Frau guttun und sie im tiefsten Grunde des Herzens trösten möchte, bettet er sie ein in eine Tonlage von irisierenden Nuancierungen, die von dem Inneren der Muschel erborgt scheinen“, beschrieb Paul Westheim, der das erste Buch über Kokoschka verfasste, das Bild fasziniert: Das „Porträt hat im ganzen Gehaben einen Mona-Lisa-Zug, auch das Perverse in dem Leonardo-Werk: Diese rätselhafte Süße ist ganz leise spürbar“.

Als die rauschhafte Liaison zwischen Kokoschka und Alma Mahler nach einigen Monaten zerbrach und sie mit dem Architekten Walter Gropius zusammenkam, war für das Gemälde mit seiner hingebungsvollen Stimmung in der neuen Beziehung kein Platz mehr. Nach der Kriegsheirat mit Gropius in Berlin, der dafür im August 1915 zwei Tage Fronturlaub erhalten hatte, schenkten die beiden frisch Vermählten das Bild, zusammen mit mindestens sechs Zeichnungen Kokoschkas, einem der besten Freunde und wichtigsten Förderer von Gropius, Karl Ernst Osthaus. Der hatte im westfälischen Hagen 1902 das private Museum Folkwang gegründet und Werke zeitgenössischer Maler gekauft, so auch 1910 Kokoschkas Bildnis „Eine preziöse Frau (Herzogin Victoria de Montesquiou Fezensac)“.

„Ich bin beglückt, ihn meiner Sammlung einreihen zu dürfen“

Zwischen die Gemälde von Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Vincent van Gogh und Paul Gauguin konnte er 1916 mit dem Porträt Alma Mahlers nun das zweite Gemälde Kokoschkas in die Sammlung seines Museums einfügen: „Vor einigen Tagen traf nun auch das Bild von Wien ein“, schrieb Osthaus Anfang Februar 1916 begeistert an Gropius, „es ist in der Tat ein sehr schöner Kokoschka, und ich bin beglückt, ihn meiner Sammlung einreihen zu dürfen.“

Der Sammler und Museumsdirektor war für die Schenkung dankbar. Kokoschka und die Dargestellte waren Teil einer der modernsten Sammlungen Europas geworden, und Walter Gropius, ohnehin eifersüchtig auf den Wiener Maler, fühlte sich nicht länger täglich an den ehemaligen Geliebten seiner Frau erinnert. Auch der frisch Vermählten muss die Trennung von dem Bildnis Kokoschkas zeitweilig wie eine Befreiung erschienen sein: Kokoschka war ihr „ein fremder hässlicher Schatten geworden – nichts interessiert mich mehr an seinem Leben“, notierte sie erleichtert in ihr Tagebuch.

Bekanntlich hielt auch die neue Verbindung nicht lange. Ende 1917 begann Alma Gropius-Mahler ein Verhältnis mit dem österreichischen Schriftsteller Franz Werfel, und die Ehe mit Gropius stand nach kurzer Zeit vor dem Aus. Im Jahr 1919, als sich auch Kokoschka wieder bei Alma meldete, war die Verwirrung der Gefühle komplett: „Seit ich wieder Nachricht von OK habe, bin ich voll Sehnsucht nach ihm“, schrieb sie jetzt in ihr Tagebuch – und muss den Verlust ihres Porträts seither bedauert haben.

Als sie am 11.Oktober 1920 in Weimar war, um sich von Gropius scheiden zu lassen, versuchte sie jedenfalls, es zurückzuerlangen. Ohne den eigentlichen Anlass ihres Aufenthalts bei Gropius zu verraten, wandte sie sich in einem flehenden Brief an den „Verehrten Herrn Osthaus“: „Da ich und Mahlers einziges Kind uns in schlechten Verhältnissen befinden – komme ich heute mit einer großen-großen Bitte. – Ich habe Ihnen vor 4 Jahren mein Portrait und 10 Zeichnungen von Oskar Kokoschka geschenkt. Seitdem verfolgt mich eine unnatürliche Sehnsucht nach diesem Bilde. – Aber abgesehen von dieser Sehnsucht ahnte ich damals nicht, dass ich einen grossen Theil meines kleinen Vermögens damit verschenkt habe. Und nun bitte ich Sie von Herzen: Schenken Sie mir mein Bild zurück und behalten Sie sich die 10 Zeichnungen, die an sich schon ein Vermögen repräsentieren und in der ganzen Kunstwelt als O.Ks schönste Zeichnungen gelten. ... Seien Sie versichert, dass ich Ihnen diese That bis an mein Lebensende danken werde.“

Tatsächlich ließ Osthaus sich erweichen und sandte das Bild an Alma Mahler zurück, die sich bereits am 14. Oktober 1920 aus Wien mit einem Telegramm bedankte. Fortan begleitete das Porträt sie auf ihren weiteren Lebensstationen. Ein Foto aus dem Jahr 1931 zeigt sie, nun mit ihrem dritten Ehemann Franz Werfel, im Damensalon der von Josef Hoffmann erbauten Villa Ast auf der Hohen Warte in Wien vor dem Gemälde sitzend. Auch Elias Canetti erinnerte sich an die Begegnung mit dem Bild bei seinem Besuch in dem Haus 1933; das Porträt wirkte auf ihn allerdings wie das Bildnis einer Mörderin. Nach der Emigration in die Vereinigten Staaten und dem Tod von Franz Werfel 1945 zierte Kokoschkas Bild die Wohnung der „großen Witwe“, wie Thomas Mann sie nannte, an der Upper East Side in New York.

Erst über den Kunsthandel gelangte es 1987 wieder in ein Museum: In der Zeit der starken Kaufkraft des japanischen Yens erwarb es das National Museum of Modern Art in Tokio, wo es bis heute an die tragische Liaison der Dargestellten erinnert. Von den vermeintlich zehn Zeichnungen, die Alma Gropius-Mahler der Folkwang-Sammlung überlassen hatte – nur sechs davon sind nachweisbar –, wurden nach dem Verkauf der Sammlung nach Essen 1937 drei als „entartet“ beschlagnahmt. Die restlichen drei aus der vergessenen Schenkung haben als Teil der Folkwang-Sammlung überlebt. Zwei davon zeigen ebenfalls die junge Witwe und große Liebende Alma Mahler: Die eine ist datiert auf den 12.April 1912, den Tag der ersten Begegnung mit Kokoschka, die andere eine Vorzeichnung zu dessen Zyklus „Der gefesselte Columbus“.

Quelle: F.A.Z.
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