FAZ plus ArtikelPropaganda und Kunstbetrug

Was hinter dem angeblichen Kandinsky für Putins Soldaten steht

Von Hubertus Butin
14.05.2022
, 11:08
Anerkanntes Original von Kandinsky: „Häuser am Hügel“, 1909, Öl auf Karton, 49 mal 64 Zentimeter, befindet sich in der Sammlung des Art Institute Chicago.
Eine prorussische Propaganda-Website stellt ein vermeintlich von Kandinsky geschaffenes Bild zum Verkauf. Alles deutet auf einen Fake hin. Das folgt einer langen Tradition des Betrugs mit Avantgardisten aus Russland.
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Geht Wladimir Putin das Geld für seine Invasion in die Ukraine aus? Eine russische Organisation namens Terricon behauptet dies zumindest indirekt auf ihrer Homepage – und verwendet sogar das Wort, das in Zusammenhang mit der Ukraine in Russland verboten ist: „Unser Land befindet sich jetzt im Krieg. Hunderte von Soldaten und Offizieren benötigen Ausrüstung und Medikamente.“ Nun müssten „Opfer gebracht werden“, um den Krieg zu finanzieren, und diese Unterstützung soll aus einem Werk von Wassily Kandinsky bestehen. Terricon wendet sich vor allem an vermögende Russen im In- und Ausland und bietet aus unbekanntem Besitz ein angeblich originales Ölgemälde von 1909 zum Kauf an. Um Sanktionen gegen Russland zu umgehen und die Anonymität des Käufers zu gewährleisten, soll das angebliche Bild Kandinskys – der auf der Website einmal den Vornamen Wladimir erhält – mit Kryptogeld bezahlt werden. Ob es physisch veräußert werden soll oder nur als Non-Fungible Token, als Besitzeintrag auf einer Blockchain, bleibt unklar. Einen namentlichen Absender sucht man auf der Homepage vergebens.

Bei dem Bild handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Fälschung. Das signierte und datierte Ölgemälde, wie es die Website wiedergibt, zeigt eine sonnige, abstrahierte Landschaft. Ähnliche Ansichten malte Kandinsky bei Murnau in Oberbayern. Im Werkverzeichnis der Gemälde ist das Bild nicht aufgeführt, doch der „Catalogue raisonné“ zeigt zwei ähnliche Bilder von 1909 mit dem Titel „Häuser am Hügel“. Eines befindet sich im Art Institute of Chicago, das andere im Russischen Museum in St. Petersburg. Das online unter dem Titel „Murnau“ angebotene Gemälde weist im Vergleich zu den Originalen jedoch weder das leuchtende Kolorit noch den für Kandinsky typischen Pinselduktus auf. Auch die Anordnung der aus derselben Perspektive wahrgenommenen Häuser und Bäume unterscheidet sich.

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Hubertus Butin ist Kunsthistoriker, Kurator und Publizist. Als Gutachter berät er Sammler, Kunsthändler, Auktionshäuser und Landeskriminalämter. 2020 erschien im Suhrkamp Verlag sein Buch „Kunstfälschung“.

Quelle: F.A.Z.
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